VonStella Henrichschließen
Steuern haben eine Lenkungsfunktion. So würde eine Zuckersteuer nicht nur Krankheiten verhindern, sondern dem Staat auch Millionen Euro in die Staatskasse spülen.
Kassel – Welches Essen auf den Tisch kommt, das lassen sich die Bürgerinnen und Bürger von staatlicher Seite nicht gern diktieren. Das hat bereits die einstige Diskussion über den geplanten Veggieday in Kantinen oder auch der letztliche Vorschlag für einen Preisaufschlag auf Fleisch und andere tierische Produkte gezeigt.
Nun könnte es Softgetränken an den Kragen gehen. „Eine Softdrink-Steuer in Deutschland hätte deutliche positive Auswirkungen“, erklärte das Forscherteam der Technischen Universität München (TUM), das gemeinsam mit der Universität Liverpool eine Studie zur Zucker-Steuer auf Softgetränke durchgeführt hat. Die Studie wurde erstmals im Fachmagazin Plos Medicine publiziert. Dieser zufolge könnten damit nicht nur zahlreiche Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Karies vermieden oder das Risiko dafür gesenkt werden. Der Staat könnte viele Milliarden Euro über die kommenden 20 Jahre einsparen.
Steuer auf Softgetränke könnte Gesundheitssystem entlasten
Eine erste wichtige Erkenntnis der Studie: Es gäbe weniger Fälle an Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vor allem die zu erwartenden Effekte bei Diabetes Typ 2 seien groß, erläuterte der Mit-Autor der Studie, Karl Emmert-Fees. „Durch eine Besteuerung würden unseren Modellen zufolge innerhalb der nächsten 20 Jahre bis zu 244 100 Menschen später oder gar nicht an Typ-2-Diabetes erkranken.“
Mit einer Steuer auf gezuckerte Getränke würden weniger Behandlungen nötig, die Kosten durch Krankheitstage und Arbeitsunfähigkeit reduzierten sich ebenfalls. Für den Zeitraum 2023 bis 2043 gehen die Wissenschaftler bei einer gestaffelten Herstellerabgabe auf Softdrinks von Einsparungen in Höhe von 16 Milliarden Euro aus – davon etwa vier Milliarden an Gesundheitskosten. Bei einer 20-prozentigen Steuer seien es immerhin insgesamt noch etwa 9,5 Milliarden Euro.
Auch wenn Softgetränke wie Cola und Fanta für den Darm schädlich sein sollen, getrunken werden die Erfrischungsgetränke hierzulande dennoch gern. Laut der Datenbank Statista trank 2022 jeder Deutsche fast 122 Liter an Softdrinks. Cola und Cola-Mischgetränke sowie Limonaden seien dabei am beliebtesten gewesen – ein Plus gegenüber dem Vorjahr um 2,7 Prozent.
Die Top Erfrischungsgetränkehersteller in Deutschland:
- Coca-Cola Europacific Partners Deutschland, Berlin
- Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke, Weißenfels
- Hansa-Heemann, Rellingen (inkl. Hella, Fürst Bismarck)
- Schäff-Gruppe, Baruth (inkl. Germete, Warburger)
- PepsiCo Deutschland, Neu-Isenburg
- Refresco Deutschland, Mönchengladbach
Quelle: Lebensmittelzeitung, Hersteller-Ranking nach Inlandsabsatz von alkoholfreien Erfrischungsgetränken im Jahr 2021
Steuer auf Softgetränke – In Großbritannien gibt es die Abgabe bereits
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine „Sondersteuer von mindestens 20 Prozent“ auf zuckerhaltige Getränke. Mehrere Länder haben bereits eine solche „Zuckersteuer“ eingeführt – zum Beispiel Großbritannien. Hier werden Getränke besteuert, die mehr als fünf Gramm zugesetzten Zucker pro Kopf enthalten, berichtet das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus (StMELF). Auch Frankreich, Belgien und Ungarn erheben dem Bericht zufolge zusätzliche Steuern auf Getränke mit zugesetztem Zucker. In Frankreich hatte die Steuer bei Coca-Cola zu erheblicher Verärgerung geführt.
Empfehlung der WHO
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, nur fünf Prozent des täglichen Energiebedarfs in Form von freiem Zucker zu sich nehmen. Dies entspricht etwa 25 Gramm bzw. sechs Teelöffeln Zucker pro Tag. Als freier Zucker gilt sowohl Zucker, der Speisen und Getränken zugesetzt wird, wie auch Zucker, der in Honig und Fruchtsäften enthalten ist. Zucker aus Obst, Gemüse und Milch wird nicht dazugezählt. Durchschnittlich nehmen Deutsche pro Jahr und Kopf rund 36 Kilogramm Zucker zu sich, rund das Vierfache der empfohlenen Gesamtzufuhr.
Quelle: StMELF
Zu den tatsächlichen Auswirkungen solcher Steuern hinsichtlich des Ziels, Übergewicht und Diabetes zu reduzieren, gebe es allerdings weiterhin kaum Erkenntnisse, so das StMELF weiter. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hingegen ist der Ansicht, dass „Eine Limo-Steuer wirkt“, berichtet die Süddeutsche Zeitung (SZ). Das hätten Erfahrungen in Großbritannien gezeigt, wo die Hersteller den Zuckergehalt in ihren Getränken drastisch gesenkt hätten und der Konsum von Limonaden gesunken sei.
Steuer auf Softgetränke: Es gibt zwei Arten von Zuckersteuern
Laut des Forschungsteams der TUM und der Universität Liverpool macht es jedoch einen Unterschied, wie die Steuer erhoben wird. Werde die Abgabe unabhängig vom Zuckergehalt fällig, führe dies internationalen Studien zufolge zu einer verringerten Nachfrage nach Softdrinks. Richte sich die Steuer allerdings nach der Zuckermenge, würden die Rezepturen der Getränke verändert.
Bei einem 20-prozentigen Aufschlag auf die Softdrink-Preise würde der Zuckerkonsum den Wissenschaftlern zufolge pro Tag und Person um ein Gramm sinken. Noch stärker sei der Effekt, wenn der Zucker um 30 Prozent in den Rezepturen reduziert werde. Denn dadurch würde der Pro-Kopf-Konsum hierzulande um täglich 2,3 Gramm gesenkt.
Erste Anzeichen von Diabetes: Zehn Symptome können ein Warnzeichen sein




Wie zuckerfreie Erfrischungs- und Softdrinks der Zukunft schmecken könnten, testet Coca-Cola derzeit in ausgewählten Märkten in den USA, Kanada, Europa, China und Afrika. (sthe)
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