„Grenzt an Altersdiskriminierung“

Führerschein für ü70-Jährige soll sich europaweit ändern - VdK reagiert auf EU-Ankündigung empört

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Europas Straßen sollen sicherer werden, argumentiert die EU und stellt Pläne dazu vor. Weil sie gerade Senioren betreffen, ist das Unverständnis nicht nur beim VdK groß.

München – Jetzt reagiert auch der Sozialverband VdK auf den Gesetzesentwurf der EU-Kommission. Dieser sieht vor, dass die Verkehrstauglichkeit von Autofahrern über 70 Jahren EU-weit alle fünf Jahre überprüft werden soll und zudem die Altersgrenze für mehr ärztliche Untersuchungen von 50 auf 70 Jahre angehoben wird.

Einige Politiker schimpften bereits. Linke und Union würden weiter auf die Eigenverantwortlichkeit der Autofahrer setzen. Grüne und SPD äußerten im Bericht der Welt eine gewisse Sympathie für die Pläne aus Brüssel, die darauf abzielen, durch zahlreiche Neuerungen im Bereich des Führerscheins, die Anzahl der Verkehrstoten in der EU bis 2030 zu halbieren und bis 2050 auf Null zu senken.

Führerschein-Änderungen für Rentner und Co. – die weiteren Pläne der EU:

  • Autofahrer sollen ihren Führerschein bei Verkehrskontrollen oder der Autovermietung künftig auf dem Handy vorzeigen können. 
  • In der Ausbildung von Fahranfängern soll klimaschonendes Fahren künftig mehr Raum einnehmen.
  • Junge Menschen sollen bereits mit 17 Jahren den Führerschein machen und Erfahrungen durch begleitetes Fahren sammeln können. 
  • Verkehrssünder sollen im EU-Ausland leichter bestraft werden können.

Führerschein-Neuerung? „Es ist der falsche Weg, Menschen ab 70 Jahren unter Generalverdacht zu stellen“

„Natürlich ist das Absenken der Unfallzahlen auf deutschen Straßen ein Ziel, das der VdK teilt“, sagt Präsidentin Verena Bentele auf Anfrage von Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Ältere Menschen im Verkehr seien – insbesondere als Fußgänger und Radfahrer – besonders gefährdet, heißt es vom Sozialverband. Jedoch: „Es ist der falsche Weg, Menschen ab 70 Jahren unter Generalverdacht zu stellen, nicht mehr ausreichend verkehrssicher Autofahren zu können.“

Der mit gut 2,2 Millionen Mitgliedern größte Sozialverband Deutschlands findet: Verpflichtende Tauglichkeitstests für Autofahrerinnen und Autofahrer ab 70 Jahren „grenzen an Altersdiskriminierung“. Testverfahren, die allein die Reaktionsfähigkeit erfassen und Fahrerfahrung sowie Urteilsvermögen außer Acht ließen, seien laut Bentele nur bedingt aussagekräftig. Tatsächlich zeigen Fahranfängerinnen und -anfänger bei Reaktionstests die besten Ergebnisse, sie sind aber in der Unfallstatistik auffälliger.

Die VdK-Präsidentin appelliert daher: „Ältere Autofahrer sind in der Regel erfahren und umsichtiger im Straßenverkehr. Statt den geplanten Tauglichkeitstests braucht es mehr Angebote auf freiwilliger Basis, um die Fahrtauglichkeit älterer Menschen zu überprüfen und sich hierzu beraten lassen können.“

Sollen Senioren zu Fahrtests verpflichtet werden? Die Frage erhitzt die Gemüter. (Symbolfoto)

ADAC und VdK attackieren EU-Pläne zum Führerschein einstimmig

Zuvor schon hatte der ADAC auf ähnliche Weise argumentiert und die angekündigten Reformen für Menschen im Rentenalter als „nicht verhältnismäßig“ kritisiert. Gerade ältere Verkehrsteilnehmende würden sich in der Regel „durch einen situationsangepassten Fahrstil sowie vorausschauendes Fahren auszeichnen. Riskante Manöver meiden sie“, heißt es in einer Mitteilung des Automobilclubs.

Bentele attackiert die Pläne insbesondere deshalb, weil der „ÖPNV in Deutschland in Sachen Barrierefreiheit weit hinterherhinkt“. Solange es überregional und vor allem auch in ländlichen Regionen keine zuverlässigen und barrierefreien Nahverkehrsangebote gebe, seien gerade ältere Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen auf ihr Auto angewiesen, um mobil zu bleiben.

„Sobald man in Rente geht, ist der Lappen weg“: Unverständnis auch in den Sozialen Netzwerken

Die Pläne, die EU-Kommissarin Adina Valean Anfang März vorstellte, schlugen auch den sozialen Netzwerken hohe Wellen. Viele Menschen haben wenig Verständnis: „Komisch ist, dass ich bis 70 arbeiten soll und sobald ich nicht mehr arbeiten soll, darf ich auch nicht mehr Auto fahren“, lautet etwa ein Kommentar auf Twitter. Ein anderer fürchtet: „Sobald man in Rente geht, ist der Lappen weg.“ Sie wenden sich mit Kritik an die EU: „Haben die in der EU nichts anderes zu tun, als nur noch Verbote auszusprechen?“

Die BAGSO, die per Definition als Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen die Interessen der älteren Generationen in Deutschland vertritt, wollte sich auf Anfrage von IPPEN.MEDIA nicht äußern.

Rubriklistenbild: © Jochen Tack/Imago

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