VonLouis Exenbergerschließen
Millionen Deutsche informieren sich täglich über ihre Wetter-App. Warum die Prognosen trotz modernster Technik oft daneben liegen.
Kurz vor dem Verlassen der Wohnung noch schnell einen Blick aufs Handy: Brauche ich heute eine Jacke? Reicht das T-Shirt? Oder sollte doch lieber der Regenschirm mit? Die Wetter-App entscheidet längst über unsere tägliche Garderobe. Millionen Deutsche vertrauen den bunten Symbolen und Zahlen auf ihren Bildschirmen, oft mit gemischten Erfahrungen.
Doch wer kennt es nicht: Die App verspricht strahlenden Sonnenschein, draußen prasselt der Regen. Oder umgekehrt – obwohl Schauer angekündigt waren, die dann ausbleiben, schleppt man den Regenschirm mit. Trotz modernster Satellitentechnik und Supercomputern scheinen Wetter-Apps ihre Nutzer regelmäßig im Stich zu lassen. Doch das hat durchaus nachvollziehbare Gründe.
Mikroklima macht Prognosen ungenau
Selbst präzise Wettermodelle stoßen an ihre Grenzen, wenn lokale Besonderheiten ins Spiel kommen. In Städten, Gebirgen oder Küstenregionen können die Temperaturen erheblich von den App-Angaben abweichen. Ein Asphaltparkplatz heizt sich an Sommertagen deutlich stärker auf als die benachbarte Wiese.
Diese kleinräumigen Klimaunterschiede lassen sich kaum vorhersagen. Während die App 25 Grad anzeigt, können es in der Innenstadt durchaus 28 Grad sein. Umgekehrt bleibt es im schattigen Park oft kühler als prognostiziert – ein Grund, warum Städte bewusst Grünflächen schaffen. Insbesondere im Winter haben Wetter-Apps ein schwerwiegendes Problem.
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Regenradar schlägt Langzeitprognose
Wer morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit will, sollte nicht auf die Wochenübersicht schauen. Diese wird nur wenige Male täglich aktualisiert und kann bei wechselhaftem Wetter bereits sechs Stunden alt sein. Für spontane Entscheidungen ist sie daher unbrauchbar. Das Niederschlagsradar hingegen nutzt aktuelle Daten von Radarstationen und wird alle fünf Minuten erneuert. Hier lässt sich ablesen, ob sich eine Regenfront nähert oder das Gewitter bereits abzieht. Allerdings funktioniert diese Methode nur für die nächsten zwei Stunden – danach wird wieder die klassische Vorhersage wichtig.
Genauigkeit von Wetterprognosen
24 Stunden: 90 % Trefferquote
3 Tage: 75 % Genauigkeit
7 Tage: unter 60 % verlässlich
14 Tage: praktisch Glücksspiel
Vor 30 Jahren: nur 70 % für einen Tag
20 Prozent Regenwahrscheinlichkeit bedeutet nicht, dass es nur kurz oder schwach regnet. Die Zahl besagt lediglich: An zwei von zehn Tagen mit ähnlicher Wetterlage hat es in der Vergangenheit geregnet. Statistik eben, keine Intensitätsangabe.
Auch 100 Prozent heißt nicht, dass es den ganzen Tag schüttet – nur dass irgendwann Niederschlag fällt. Bei 20 Prozent kann der Schirm zu Hause bleiben, bei 100 Prozent sollte er definitiv mit. Wie schon Mark Twain wusste: Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast.
Verschiedene Modelle, verschiedene Ergebnisse
Früher zeigten Wetter-Apps oft völlig unterschiedliche Werte, weil sie verschiedene Wettermodelle nutzten. Heute verwenden die meisten deutschen Apps die gleichen europäischen Daten, weshalb die Unterschiede geringer geworden sind. Manche Apps kombinieren sogar mehrere Modelle für bessere Ergebnisse. Es gibt aber eine Funktion in Wetter-Apps, der man generell nicht trauen sollte.
Das kostenlose amerikanische GFS-Modell arbeitet mit groben 28-mal-28-Kilometer-Rastern. Wird Regen für „München“ vorhergesagt, kann es irgendwo im Großraum tröpfeln – aber nicht zwangsläufig in Schwabing. Präzisere Modelle wie das deutsche ICON-D2 nutzen 2-mal-2-Kilometer-Raster und sind entsprechend genauer.
Apples Wetter-App nutzt seit iOS 16 zuverlässige europäische Datenquellen statt amerikanischer Anbieter. In Deutschland kommen Daten vom European Centre for Medium-Range Weather Forecasts und dem Deutschen Wetterdienst zum Einsatz. Das verbesserte die Qualität erheblich. Dennoch erhalten US-Nutzer mehr Features: Stündliche Niederschlagsprognosen und Push-Benachrichtigungen bei Regen gibt es nur in wenigen Ländern. Deutsche Nutzer müssen auf spezialisierte Apps wie Warnwetter oder Pflotsh ausweichen, um ähnliche Funktionen zu erhalten.
Rubriklistenbild: © Silas Stein/Imago

