Wirtschaftsweiser fordert Renten-Reform: „Abschlagsfrei ist nicht einzusehen“
VonVanessa Lutz
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Kann die Rente gesichert werden – und wie? Experte Martin Werding erklärt im Interview mit echo24.de, wie eine Reform aussehen müsste.
Seit Jahren plädieren Experten für eine Rentenreform und warnen vor einem Kollaps des Umlagesystems. Während die Lebenserwartung in Deutschland steigt, sinken die Geburtenraten. Geschehen ist bislang jedoch wenig. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte zuletzt zwar, dass die Bürger mehr arbeiten müssen – beim Thema Rente bleibt die Bundesregierung bislang allerdings vage.
Wie aber müsste das Rentensystem in Deutschland konkret reformiert werden, um das Umlagesystem zu sichern? echo24.de hat mit dem „Wirtschaftsweisen“ Martin Werding gesprochen. Er ist seit September 2022 Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft und seit 2008 Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum.
Wie viel Zeit bleibt für eine Reform der Rente? Und wie müsste diese Ihrer Meinung nach aussehen?
Die Ausgangslage ist folgende: Die Lebenserwartung in Deutschland steigt immer weiter an, während wir gleichzeitig einen Rückgang der Geburtenzahlen nach dem Babyboom erleben. Eine Reform müsste also auf eine langsame Anpassung der Regelaltersgrenze zielen. Das ist zwar bis 2031 geplant, für die Zeit danach verspricht die Politik allerdings, dass sie da auf keinen Fall weitermachen wird. Das muss man aber. Bezüglich des Geburtenrückgangs gibt es in einer Umlagerente keine brauchbare Stellschraube. Nötig wäre also eine ergänzende, nämlich kapitalgedeckte Vorsorge.
Diesen Versuch gab es schon einmal mit der Rieser-Rente, die sich als Flop herausgestellt hat.
Ja, denn sie war schlecht organisiert. Im Grunde bleibt das aber richtig. Das Problem ist, dass es dafür jetzt sehr spät geworden ist. Wenn die heute 50-Jährigen und Älteren keine ergänzende Vorsorge haben und wir die Umlagerente nicht ändern wollen, damit die Beitragssätze nicht weiter steigen, dann ist der Altersgruppe nur noch schwer zu helfen. Fünf Jahre Ansparzeit oder zehn Jahre sind zu kurz.
Sollten Rentner Ihrer Meinung nach grundsätzlich nicht mehr früher in den Ruhestand gehen dürfen?
Ich bin grundsätzlich für ein flexibles Renteneintrittsalter, bei der eine Regeleintrittsaltergrenze als Orientierungsgröße dient. Menschen haben dann individuell die Wahl, früher oder später zu gehen - mit entsprechenden Abschlägen, wenn man früher geht, und Zuschlägen, wenn man später geht. Diese Wahlfreiheit halte ich für richtig und wichtig. Grundsätzlich halte ich auch die Abschläge, die wir momentan haben, für zu niedrig. Die sollten nicht bei 3,6 Prozent pro Jahr liegen, sondern bei 5 bis 6 Prozent.
Höhere Abschläge bei früherem Renteneintritt werden bei vielen aber nicht auf Freude stoßen.
Vielleicht ist bei den Abschlägen der Name falsch gewählt. Das klingt wie eine Strafaktion, wenn man nicht länger arbeitet. Dabei ist es nur eine Umrechnung des erworbenen Rentenanspruchs von der erwarteten Laufzeit ab der Regelaltersgrenze bis zum erwartbaren Tod auf die längere Laufzeit, wenn man früher in Rente geht. Die durchschnittliche Rentenlaufzeit beträgt 20 Jahre. Wenn man ein Jahr früher geht, wird die Rentenlaufzeit um 5 Prozent verlängert, und dementsprechend weniger kann man monatlich auszahlen, damit man am Ende seinen gesamten Rentenanspruch bekommt. Das ist das, was diese Abschläge leisten sollen. Wenn die vernünftig gesetzt sind, dann wäre ich jederzeit dafür, Menschen die freie Wahl zu lassen. Komplett abschlagsfrei in Rente gehen zu können, ist nicht einzusehen.
Das Thema Rente betrifft auch die Jüngeren, die die Kosten stemmen müssen und finanziell immer weiter belastet werden. Warum herrscht da so ein Schweigen? Fehlt das Verständnis oder ist es Resignation?
Ich glaube, da kommt mehreres zusammen. Für die Jugend ist das Thema relativ weit weg. Zudem sind die Jüngeren demografisch in der Minderheit. Dazu kommt aber auch der Blick der Jüngeren auf die Älteren: Ich höre öfter, dass dort eine Angst herrscht, dass ihren Großeltern oder Eltern etwas weggenommen werden muss. Gleichzeitig beobachte ich immer mehr, dass bei Jüngeren das Wissen und Interesse rund um private Vorsorge und ETF-Fonds stark gestiegen ist. Ich glaube, die Jungen sind da gespalten. Sie müssten aber dringend verstehen, dass sie ihre Interessen offensiver verteidigen und Kompromisse mit den Älteren aushandeln müssen. Sonst wird ihnen die Luft zum Atmen abgeschnürt.