- VonStephanie Kayserschließen
Neapel ist für vieles bekannt – das göttliche Essen, die bewegte Geschichte, die pulsierende Kultur, den mächtigen Vesuv. Von der örtlichen U-Bahn redet kaum jemand, dabei gehört sie zu den spektakulärsten der Welt. Wenn man auf der Rolltreppe überwältigt wird…
Das „Metro dell’Arte“-Projekt hat Neapel zu einem der beeindruckendsten urbanen Kunsterlebnisse weltweit gemacht. Mehr als 250 Kunstwerke werden entlang der verschiedenen Stationen gezeigt – und die Stationen selbst sind außergewöhnliche Gesamtkunstwerke. Neapels Metro ist damit das größte Museum der Welt für zeitgenössische Kunst unter der Erde. Die U-Bahn-Haltestelle als kulturelle Stätte und neuer Hotspot für den Welttourismus. 15 Stationen sind bereits umgebaut, weitere sollen folgen, wie la-bella-vita.club berichtet.
Neapels Station, wo du Meer fühlst
Eine der spektakulärsten Haltestellen ist die Station Toledo am Spanischen Viertel – hier fühlt man Meer, im wahrsten Sinne des Wortes. Durch einen 40 Meter tiefen, spektakulären Lichtkanal des spanischen Künstlers Oscar Tusquets Blanca wird der U-Bahnschacht mit der Erdoberfläche verbunden. Die „Olas“, die Wellen aus tausenden Mosaiksteinen in Blau an der Decke und den Wänden, lassen einen auf der Rolltreppe die Wellen fühlen.
Das Innere des Kanals hat der US-Künstler Robert Wilson mit Lichtharmonien in türkis-blau gestaltet durch die man das Gefühl bekommt, in den Kanal gezogen zu werden. Im U-Bahn-Schacht ein paar Meter weiter, bei seiner Installation „By the sea…you and me“ hat man das Gefühl, durchs Wasser zu laufen. Ermöglicht wird das durch eine spezielle Drucktechnik auf zwei sehr langen LED-Lichtkästen, die den Eindruck von Bewegung erzeugt, wenn man den Betrachtungswinkel ändert.
Futurististische Konstruktionen und sakrale Kunstwerke
Ganz anders spektakulär ist „Garibaldi“, die U-Bahnstation am Hauptbahnhof in Neapel: Die futuristisch gestaltete Station hat „schwebende“ Rolltreppen, die sich versetzt überkreuzen. Das Ganze in Stahl mit Spiegeln umgeben – eine surreale Atmosphäre, in der alles miteinander verschwimmt. Der französische Star-Architekt Dominique Perrault lässt durch die Freiluftkonstruktion Tageslicht in etwa 40 Meter Tiefe dringen, dazu außergewöhnliche Kunstwerke vor Ort.
Erst im Juli 2024 fertig gestellt wurde die Metrostation „Chiaia“ im gleichnamigen Viertel, die dank des italienischen Star-Architekts Uberto Sioloa wie eine sakrale Galerie aussieht. Der obere Eingang wird von einer Glaskuppel überdacht, durch die etwa 40 Meter tief Licht bis zu den Gleisen fällt. Der Reisende wird von einer Jupiter-Figur mit 24 Armen – der Schutzpatron der Reisenden – begrüßt, bevor er den spektakulären Schacht per Wendeltreppe hinunter schreitet. Eingraviert ist hier ein Vers von Ovid: „Est in aqua dulci non invidiosa voluptas“ (übersetzt: In reinem Wasser liegt ein Vergnügen, um das niemand beneidet). Der untere Bereich ist in Grün gestaltet und beherbergt eine Ausstellung großer Reproduktionen aus dem National Archäologischen Museums, das Ganze wirkt fast kathedralenhaftig.
In Neapels Dom-Haltestelle steht ein antiker Tempel
Die Haltestelle Duomo sorgte schon vor ihrer Fertigstellung für eine Sensation. Bei den Ausgrabungsarbeiten für den Bau des Bahnhofs wurden Teile des Tempels der Isolympischen Spiele entdeckt, die von August im 2 n. Chr. gegründet wurden. Es wurden zahlreiche Artefakte, auch auf mit griechischen Inschriften entdeckt, auf den u. a. die Namen der Gewinner der Spiele standen. Diese Entdeckung hatte entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Kunststation.
Der Abstieg zu den Bahnsteigen in 40 Meter Tiefe wird durch Stahlbeschichtungen verkleidet, in denen sechseckige über den Tag verschiedenfarbig beleuchtete Geometrien strahlen. Die Station ist wie ein Spaziergang durch den Tag gestaltet, ganz oben gibt es Tageslicht durch die spektakuläre Glaskuppel, es folgt Illumination von blau bis zum Orange des Sonnenuntergangs. Ein Kunstwerk des italienischen Star-Architektenpaares Doriana und Massimiliano Fuksas Der Spaziergang durch den Tag soll so symbolisiert werden. Eine riesige Glaskuppeln thront über dem Tempel, die zugleich Licht in die U-Bahn-Station läuft. In einer Zwischenebene befinden sich Tempel und Museumsbereich.
Eine Kooperation mit der Akademie der Schönen Künsten
Seit 2001 werden alle neuen Haltestellen des Verkehrsnetzes als ästhetische Gesamtkunstwerke erbaut. Die Kunstbahnhöfe werden von der Akademie der Schönen Künste von Neapel gemeinsam mit dem örtlichen Nahverkehr-Anbieter Azienda Napoletana Mobilità (ANM) verwaltet und instand gehalten. Heute wird die Kunst-Metro aus Neapel in einer Reihe mit den spektakulärsten U-Bahnen der Welt wie in Moskau, Shanghai oder Dubai genannt. Günstiger gibt es soviel Kunst vermutlich nirgendwo: eine einfache Fahrt kostet 1,50 Euro, ein Tagesticket 4,50 Euro.


