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Martin Kind stellt 50+1-Regel auf dem Prüfstand

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Streitbar: Martin Kind, Geschäftsführer von Hannover 96.
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Die Argumente von Martin Kind bei seiner Fundamentalkritik an der 50+1-Regel sind nachvollziehbar. Deshalb denkt das Bundeskartellamt auch noch einmal nach. Ein Kommentar.

Martin Kind ist in den vergangenen Wochen scharf kritisiert worden. Von allen Seiten hat der Vollblut-Unternehmer Saures bekommen. Der Geschäftsführer von Hannover 96 gilt im deutschen Profifußball als das Feindbild Nummer eins unter den Fans, erst recht den eigenen Ultras in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Vergangene Woche hat Kind im Fernsehstreit „Hart, aber fair“ eine deutliche Niederlage in der Debatte kassiert. Auch in der DFL ist der unbequeme Kind unbeliebt.

Eines muss man dem 79-Jährigen bei nüchterner Betrachtung lassen: Er argumentiert nachvollziehbar bei seiner Fundamentalkritik an der 50+1-Regel, der er sicher nicht ganz uneigennützig weghaben will, um sich nicht mit hinderlichen Vereinsleuten in seinem Klub herumschlagen zu müssen. Diese Regel wird nach dem gescheiterten Investorenprozess der Deutschen Fußball-Liga öffentlicher diskutiert denn je.

Seit Jahren schon zerbricht sich das Bundeskartellamt den Kopf über die Regel, die Bundesligavereine vor dem Übergriff durch externe Investoren schützen soll, aber nicht für die Konzernklubs Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg und de facto auch nicht für RB Leipzig gilt. Diese drei Ausnahmeregelungen machen die Regel unfair und verzerren den Wettbewerb.

Kartellamt in Zwickmühle

Bisher sind die trägen Beamten nicht zu einem abschließenden Ergebnis gekommen, wie sie die unschwer zu erkennende Ungerechtigkeit heilen könnten. Streng genommen müssten sie 50+1 als Hüter eines freien Wettbewerbs in aller Konsequenz verbieten. Aber das trauen sie sich womöglich nicht angesichts der öffentlichen Meinung und der Macht des deutschen Profifußballs, der 50+1 verteidigt. Ergo hat die Behörde bereits durchblicken lassen, dass sie die monströse Regel schon irgendwie durchwinken will. Und zwar in der Form, dass Leverkusen und Wolfsburg (und ehrlicherweise ja auch Leipzig mit seinem Konstrukt) weiterhin 50+1 ignorieren dürfen und alle anderen Klubs nie im Leben denselben Status wie Leverkusen und Wolfsburg erreichen können. Das wäre ein schwerlich entschuldbarer Rückschritt.

Aber zuletzt sind den Wettbewerbshütern ein paar Skrupel gekommen, ob die DFL ihre eigene Regel überhaupt ernstnimmt. Denn offensichtlich hat der gewiefte Martin Kind schon vor ein paar Jahren in einem Vertrag mit dem Mutterverein dafür gesorgt, dass 50+1 bei Hannover 96 nicht gilt. Jedenfalls kann der Verein - mit Plazet der DFL - seinen ungeliebten Geschäftsführer laut dieses Vertrags nicht mal eben vom Hof jagen. 96 e.V. kann sich zwar mächtig aufregen über Kinds Verhalten - wie zuletzt mehrfach geschehen -, aber das war’s dann auch. Andernfalls wäre Kind schon längst nicht mehr Boss der Profifußballer des Zweitligisten.

Martin Kind argumentiert gut

50+1 steht also mal wieder auf dem Prüfstand. Das muss sein. Denn wo sonst im Wirtschaftsleben kann sich eine Branche ein eigenes Gesetz geben, das den vollständigen Zugang zu ihren Profiabteilungen von vorne herein verbietet? Jeder Mittelständler könnte seine Firma an wen auch immer verkaufen - Kumpel, Scheich, Oligarch, Konzern, Heuschrecke - und als Minderheitsgesellschafter dabeibleiben. Nur im deutschen Profifußball sind solche Verkäufe mit entsprechendem Weisungsrecht des Käufers unmöglich. Das verhindert 50+1 als anerkanntes Kulturgut der Bundesliga. Man kann das ja auch gut finden, aber dann müssten halt für alle dieselben Spielregeln gelten.

In der TV-Sendung „Hart, aber fair“ sagte Kind ein paar sehr kluge Sätze, die leider ziemlich untergingen: „Das Kartellamt hat die Aufgabe, Wettbewerbsgleichheit herzustellen. Stattdessen will es jetzt die Wettbewerbsverzerrung festschreiben. Das widerspricht in vollem Umfang dem Auftrag eines Bundeskartellamts.“

Ehrlich gesagt, wäre es ein ziemlicher Skandal, wenn die Behörde sich über den Tisch ziehen lassen und den deutschen Fußball auch künftig mit der 50+1-Regel inklusive Ausnahmeregelungen für Konzernklubs leben lassen würde. Deshalb hat der Chef von Bayer Leverkusen, Fernando Carro, vollkommen recht, wenn er präzise formuliert: „Ich sage nicht, dass es 50+1 nicht geben sollte, sondern es sollte jedem Klub selbst überlassen sein, ob sie das machen oder nicht.“ Die Mitglieder müssten, wenn ein Investor daherkommt, ganz demokratisch vorher gefragt werden und könnten ihr Veto einlegen. So funktioniert Demokratie. Nicht mit einer Regel, die nicht alle einhalten müssen.

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