Abgang von Leroy Sané ist ein großer Verlust für den FC Bayern – ein Kommentar
VonPeter Grad
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Nationalspieler Leroy Sané und der FC Bayern möchten grundsätzlich gerne verlängern. Aber es ist eine unglückliche Situation entstanden, die nun „erwachsen“ gelöst werden muss.
München – Zwei haben sich - von der gesamten Fußball-Öffentlichkeit beobachtet - in eine Situation gebracht, die sie wohl lieber vermieden hätten. Eigentlich würden der deutsche Rekordmeister und Leroy Sané die Zusammenarbeit gerne bis 2028 fortführen, aber der Druck von außen ist nun immens, so dass man nicht weiß wohin die Reise führen wird.
Bayern-Star Sané: Nie „lustlos“, aber zu ehrgeizig
Der 69-fache Nationalspieler gilt als einer der besten deutschen Kicker, kann sein Talent aber nicht immer auf dem Rasen zeigen. Dafür ist weniger seine ihm häufig nachgesagte Lustlosigkeit verantwortlich als vielmehr die Tatsache, dass ihm - höchstsensibel und -ehrgeizig zugleich - häufiger die Nerven einen Streich spielen. Völlig unzutreffende Attribute wie „Stehgeiger“ begleiten seine Karriere, obwohl er wie selten ein Angriffsspieler in der Bundesliga-Geschichte des FC Bayern mit all seiner Power nach hinten mitarbeitet. Und das nicht erst unter Vincent Kompany.
All seine Ex-FCB-Trainer waren vom Spieler und Charakter Leroy Sané überzeugt, fast begeistert, Julian Nagelsmann bezeichnete ihn einst gar als „Maschine“. Und als solche hat sich der 29-Jährige auch speziell in der Rückrunde unter Kompany beim FC Bayern präsentiert. Dennoch genoss seine Vertragsverlängerung im Verein nicht die höchste Priorität, vielleicht auch, weil er sich im Gegensatz zu Alphonso Davies und Joshua Kimmich, die sich in derselben vertraglichen Situation befanden, stets eindeutig zum Verein bekannte.
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Geforderter Sparkurs beim FC Bayern: Ungerecht verteilt
Die beiden Teamkollegen haben mittlerweile langfristig beim Rekordmeister verlängert, ebenso Jamal Musiala. Der vom Aufsichtsrat geforderte Sparkurs bei den Spielergehältern konnte aber in diesen Fällen - aus nachvollziehbaren Gründen - nicht umgesetzt werden. Bei Sané sollte dagegen der Rotstift extrem angesetzt und sein bisheriges Fixgehalt sogar halbiert werden (von 20 auf 10 Millionen Euro). Allerdings könnte dieses durch mögliche Bonuszahlungen (bis zu 5 Millionen Euro) wieder erheblich aufgestockt werden. Der Nationalspieler schien damit einverstanden, obwohl die anderen Vertragsverlängerungen in die andere Richtung gingen.
Aber just in dem Moment, als alles unterschriftsbereit vorlag, erklärte Sané, künftig von einem anderen, einem beim FCB wenig geliebten, Spielerberater vertreten zu werden: „Piranha“ Pini Zahavi. Der soll nun für seinen Klienten ein höheres Fixgehalt und wie Davies & Co. auch eine Signing Fee zu verlangen.
Grundsätzlich sind die neuen Forderungen den Leistungen von Sané im Jahr 2025 angemessen, auch wenn der späte Zeitpunkt dieser Kehrtwende natürlich höchst unglücklich gewählt war. Apropos „unglücklich“: Das sture Verharren aller zitierten Vereinsverantwortlichen (Präsident Hainer, CEO Dreesen, Sportdirektor Freund) auf der Einhaltung des vorgelegten Angebots ist auch auf diese Weise zu beschreiben. Man scheint sich vor der Fußball-Öffentlichkeit gegen den Vorwurf, „wieder weich zu werden“ wehren zu wollen.
Lothar Matthäus spricht von „Gesichtsverlust“ beim FC Bayern
Dazu Rekordnationalspieler Lothar Matthäus in seiner aktuellen Sky-Kolumne: „Der FC Bayern hat mehrmals betont, man müsse Gehälter einsparen. Nach dem, was sie alles nach außen erzählt haben, dürften die Bayern bei Sané eigentlich nicht nachlegen – sonst würden sie ihr Gesicht verlieren. Einer wird sein Gesicht verlieren – oder man trennt sich.“ Dagegen spricht sich der 64-Jährige sportlich für einen Verbleib aus: „Sané hat in den letzten Monaten performt. Kompany hat ihn gekitzelt.“
Der Weltmeister von 1990 spricht die Komplexität der Situation durchaus korrekt an, die richtige Schlussfolgerung lässt er aber - wie auch bislang die Vereinsverantwortlichen - vermissen: Denn selbst die neuen Forderungen von Sanés Berater Zahavi würden bereits eine erhebliche Gehaltsreduktion bedeuten und das bei einem Spieler, dessen Leistungen zuletzt konstant bei den Top3-Spieler des FCB einzuordnen waren. Auf diese Fakten könnten übrigens auch die beiden Vertragsparteien - ohne Gesichtsverlust - hinweisen.
Neue Flügeloptionen beim FC Bayern?
Aktuell tauchen in dieser verfahrenen Causa weitere Gerüchte auf: Der Verein setze Sané nur deswegen nicht weiter unter Druck mit einer Deadline, weil man noch nicht sicher sei, das extrem teure Transferziel Nummer 1, Florian Wirtz, bereits in diesem Sommer an die Säbener Straße holen zu können. Kommt Wirtz, darf Sané gehen.
Logisch gedacht ist das nicht unbedingt: In die vergangene Saison startete der FC Bayern mit Thomas Müller, Mathys Tel und Leroy Sané - und Wirtz soll alle Drei(!) ersetzen. Wie man zuletzt in Leverkusen gesehen hat, kann auch der 22-Jährige einmal für längere Zeit ausfallen.
Einige Medienvertreter wollen mit dem Italiener Federico Chiesa bereits einen Nachfolger von Sané gefunden haben: Der hat aber beim FC Liverpool in der Premier League ganze 104 Minuten verteilt auf sechs Partien gespielt. In der Rückrunde durfte er ganze dreimal ran, alle Spiele wurden übrigens verloren. Dennoch wird Chiesa eine Ablösesumme kosten, während der deutsche Nationalspieler ablösefrei gehen kann. Man spart Gehälter ein, um gleichzeitig ein noch höheres Transferdefizit zu erwirtschaften. Bei gleichzeitigem Qualitätsverlust?
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Sané-Abgang: Sportlicher und finanzieller FCB-Verlust
Sanés Marktwert wird auf 38 Millionen Euro taxiert, bekommen würde der FCB nichts mehr für ihn. Kingsley Coman und Serge Gnabry haben noch Vertrag bis 2026, könnten Max Eberl & Co. also noch eine vernünftige Ablösesumme bringen. Während der deutsche Nationalspieler unbedingt in München bleiben möchte, zeigt sich der französische für einen Abgang offen.
Fazit: Ein ablösefreier Abgang von Leroy Sané wäre aus vielerlei Hinsicht ein gewaltiger Verlust für den FC Bayern. Sportlich wie finanziell. Auch wenn TV-Experten wie Matthäus und gewiss auch Didi Hamann etwas zu meckern hätten: Die umstrukturierte Gehaltsforderung von Zahavi - im Bestfall ist es nicht einmal eine Gehaltserhöhung - ist maximal ein medialer Aufreger. Man wünscht manchen Verantwortlichen beim Rekordmeister mehr Souveränität und ein dickeres Fell, vielleicht auch bessere Argumente.