Alex Meier schwärmt von Ex-Eintracht-Coach: „Weltklasse-Trainer“
VonChristopher Michel
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Alex Meier verfügt bei Eintracht Frankfurt über Legendenstatus. Der „Fußballgott“ äußert sich über die größten Talente im Kader der Hessen.
Frankfurt – Wenn Alex Meier den Raum betritt, dann nimmt er sich stets die Zeit für eine nette Begrüßung und eine Runde Smalltalk. 2004 wechselte der inzwischen 43-Jährige zu Eintracht Frankfurt. Er ging den Weg vom Talent zum Sündenbock der Fans und am Ende zum Fußballgott. Meier hat alles erlebt und kann somit den Talenten, die er jetzt trainiert, viel mitgeben.
2018 verließ er die Frankfurter und beendete seine großartige Karriere nach dem Zwischenschritt FC St. Pauli in Australien. Seit 2020 ist Meier im Campus der Eintracht unterwegs. In dieser Saison führt er die U19 durch Liga, Pokal und Youth League. Er nahm sich für ein ausführliches Interview mit Absolut Fussball, dem Fußballportal von Home of Sports, Zeit.
Absolut Fussball: Alex Meier, eines der zahlreichen Attribute, das man mit Ihnen in Verbindung bringt, ist der Begriff der Identifikation. Wie wird man denn zur Identifikationsfigur?
Alex Meier: Das müssen Sie die Leute fragen, die das immer sagen (lacht). Aber ich glaube, wenn man sich mit etwas identifiziert und auch in weniger guten Zeiten dazu steht, dann wird das honoriert. Wir hatten gute Zeiten, aber ehrlicherweise gab es auch einige schwierige. Wir haben es nach einem Abstieg schnell wiedergutgemacht und sind aufgestiegen. Ich fühle mich wohl hier im Verein und in der Stadt. Ich bin bei der Eintracht, das betone ich immer, zum Mann geworden. Mit 21 Jahren bin ich nach Frankfurt gekommen und jetzt werde ich bald 43 Jahre alt. So schnell vergeht die Zeit. Das waren prägende Jahre.
Sie kamen als junges Talent von Buchholz in der Nordheide hierher und wurden zum „Fußballgott“. Gab es diese schweren Jahre von 2007/08 bis 2011, wo Sie auch wirklich ausgepfiffen wurden - ist das trotzdem eine Zeit, die Sie enorm geprägt hat?
Alex Meier: Natürlich ist es schöner, wenn man gefeiert wird. Aber ich glaube, für meine Entwicklung und meinen Charakter war es ein wichtiger und guter Schritt, dass ich mich durchgebissen habe und nicht einfach weggelaufen bin. Wenn man ausgepfiffen wird oder in der Zeitung etwas Schlechtes über einen steht, nimmt man sich das als junger Spieler mehr zu Herzen, als wenn es jetzt im reiferen Alter passieren würde. Aber in der Entwicklung waren diese Erlebnisse im Nachhinein vielleicht gar nicht schlecht.
Inzwischen trainieren Sie junge Spieler, die Ihnen nacheifern. Ist diese Erfahrung wertvoll im Umgang mit jungen Spielern?
Alex Meier: Die Spieler sind natürlich noch viel jünger. Wir haben zwei Jahrgänge zusammen. Dadurch sind einige Spieler 16 Jahre alt, manche aber schon 17 und 18. Das ist noch mal anders, weil sie sich aufgrund ihres Alters sportlich wie persönlich noch weiterentwickeln. Aber auch in dieser frühen Zeit meiner Karriere hatte ich mal eine Phase, in der ich in der Jugend auf der Bank saß. Ich musste den Trainer überzeugen, dass er mich aufstellt. Das probiere ich auch den Jungs zu vermitteln. Schwierigere Phasen gehören einfach dazu.
Was war Ihr Rezept, eine solche schlechte Phase zu überwinden?
Alex Meier: Das geht nur durch Vollgas im Training und kleine Erfolgserlebnisse. Als Stürmer geht es zum Beispiel darum, wieder mehr Tore im Training zu erzielen. Dann ist es auch hilfreich, im Spiel gute Aktionen haben oder ein Tor schießen. So wächst das Selbstvertrauen wieder von Tag zu Tag.
Natürlich ist es schöner, wenn man gefeiert wird. Aber ich glaube, für meine Entwicklung und meinen Charakter war es ein wichtiger und guter Schritt, dass ich mich durchgebissen habe und nicht einfach weggelaufen bin. Wenn man ausgepfiffen wird oder in der Zeitung etwas Schlechtes über einen steht, nimmt man sich das als junger Spieler mehr zu Herzen, als wenn es jetzt im reiferen Alter passieren würde. Aber in der Entwicklung waren diese Erlebnisse im Nachhinein vielleicht gar nicht schlecht
Nehmen Sie uns mit in einen normalen U19-Spieltag. Wie sind Ihre Abläufe?
Alex Meier: Wenn wir ein Heimspiel haben, spielen wir meistens vormittags um 11 Uhr. Das Trainerteam trifft sich um neun Uhr. Wir besprechen kurz die Aufstellung, die im Normalfall schon feststeht, dann gehen wir die Präsentation durch und entscheiden, was wir dem Team vor dem Spiel zeigen wollen. Die Mannschaft muss spätestens eine Stunde und 15 Minuten vorher in der Kabine sein. Eine Stunde und fünf Minuten vor Anpfiff ist eine kurze, rund zehnminütige Besprechung. 35 Minuten vor Anpfiff gehen die Spieler raus. Ich schaue kurz, wie die Jungs beim Warmmachen drauf sind. Zehn Minuten vor der Partie kommen die Spieler rein. Sie haben drei bis vier Minuten Zeit, sich umzuziehen. Abschließend gibt es ein paar Worte an die Mannschaft und dann geht es los.
Wie kann man sich eine Ansprache von Alex Meier vorstellen? Sind Sie der emotionale Typ oder eher ruhig-analytisch?
Alex Meier: Vor dem Spiel bin ich meistens ruhig. Die Mannschaft weiß, was wir von ihnen sehen wollen, wir arbeiten schon vier Monate zusammen. Wir erklären, worauf wir gegen den jeweiligen Gegner achten müssen und verkünden die Aufstellung. Grundsätzlich geht es aber immer um unsere eigene Spielweise, die wir in jedem Spiel auf den Platz bringen wollen. Was ich dann kurz vor dem Spiel sage, kommt vor allem aus dem Gefühl heraus.
Sie haben die U19 im Sommer übernommen. Wie groß war für Sie diese Herausforderung, diesen Jahrgang mit vielen großen Talenten zu führen?
Alex Meier: Ich bin seit über fünf Jahren im NLZ dabei und bin froh, dass ich die kleinen Schritte gegangen bin: Co-Trainer der U16, Co-Trainer der U17, Co-Trainer bei der U21, dann zwei Jahre Cheftrainer der U16 und seit Sommer das erste Jahr U19-Cheftrainer. Das ist natürlich eine andere Hausnummer, weil wir uns näher am Herrenbereich bewegen. Es macht mir aber sehr viel Spaß. Es geht darum, dass wir unsere Talente in unsere Profimannschaft kriegen oder, wenn sie es nicht bei uns schaffen, dass sie woanders den Sprung in den Profibereich schaffen. Dafür bilden wir die Jungs aus. Die Aufgabe ist somit für alle Jahrgänge eigentlich die gleiche: Wir wollen Talente entwickeln und auf den Profifußball vorbereiten.
Jetzt bestreitet die U19 nicht nur die Nachwuchsliga und den Pokal, sondern auch die Youth League. Wie meistern die Talente diese Dreifachbelastung?
Gegen Liverpool hätten wir mindestens einen Punkt, wenn nicht sogar einen Sieg verdient. Bei Atlético Madrid war die zweite Halbzeit klar besser, da hätten wir auch noch mit Glück einen Punkt mitnehmen können. Auch das Spiel in Neapel hätten wir aufgrund der Vielzahl an Chancen letztlich auf unsere Seite ziehen müssen. Das sind alles Erfahrungen, um immer weiterzulernen.
Alexander Staff sagte nach der Niederlage gegen Liverpool, Sie seien ein Riesenvorbild für ihn und erinnerte sich an Ihren letzten Treffer im Eintracht-Trikot gegen den HSV 2018. Was bedeutet Ihnen diese Wertschätzung?
Alex Meier: Das ist natürlich schön, wenn die Spieler so etwas sagen, aber es ist mir persönlich nicht so wichtig. Mir ist wichtiger, dass die Jungs das annehmen, was ich ihnen sage und dass sie gerne zum Training kommen. Gerade in dem Alter ist es das Wichtigste, dass die mit Spaß zum Training kommen und merken: Das sind Trainer, die uns weiterbringen wollen. Und auch wenn wir sie mal kritisieren, dass sie wissen: Es geht darum, den Spielern zu helfen und sie zu verbessern.
Das merkt Alexander Staff und auch jeder andere Spieler. Deswegen freut es mich, wenn er so etwas sagt. Aber mir ist wichtiger, dass Alex gerne ins Training kommt und die Inhalte umsetzt, die wir von ihm sehen wollen. Das hat er bis jetzt wirklich gut gemacht, er hat einen großen Sprung gemacht.
Wie sieht Ihr Plan mit Alexander Staff aus? Wo können Sie ihn hinführen?
Alex Meier: Das bin nicht ich alleine, dazu zählen auch unser Co-Trainer Mounir Chaftar, Analyst Marius Thomas und die Individualtrainer Ervin Skela und Ivan Stoyanov, um nur einige zu nennen. Es ist immer das gesamte Trainerteam, das sich nicht nur um Alexander Staff, sondern um alle unsere Spieler kümmert. Bei Alex sehen wir Fortschritte dahingehend, dass er aktiver am Spiel teilnimmt und Bälle besser festmacht. Sein Torriecher zählt natürlich auch zu seinen Stärken, genau wie seine tolle Einstellung, sich immer verbessern zu wollen.
Haben Sie bei ihm schon das Gefühl, dass er vielleicht in der Rückrunde bei den Profis erste Minuten sammeln könnte?
Alex Meier: Das sind Prognosen, an denen wir uns nicht beteiligen wollen. Als Spieler des Jahrgangs 2008 befindet er sich in seinem ersten U19-Jahr. Das wird oft vergessen, weil er regelmäßig in höheren Jahrgängen gespielt hat und auch schon U21-Erfahrungen sammeln konnte. Wichtig ist, dass er sich in der U19 stabilisiert. Er hat Top-Leistungen gebracht, aber auch zwei-, dreimal nicht so gut gespielt. Daran erkennen wir, dass er in Sachen Konstanz noch besser werden muss. Das ist aber ganz normal in dem Alter. Wenn der Zeitpunkt für die ersten Minuten bei den Profis gekommen ist, hat sicherlich auch niemand etwas dagegen. Aber bis dahin arbeiten wir hart auf diesen Tag hin – bei Alex Staff wie auch bei anderen Talenten in unserem NLZ.
Kommen wir zu Niko Ilicevic, der vor Kurzem erst 15 Jahre alt geworden ist. Was macht ihn in Ihren Augen schon so besonders?
Alex Meier: Niko Ilicevic ist total fußballintelligent und sehr talentiert. Er kann schwierige Situation lösen, er ist technisch gut und verfügt über ein starkes Passspiel, durch das er seine Mitspieler immer wieder in Szene setzen kann. Dazu ist er selbst auch torgefährlich, weil sein Abschluss oft Genauigkeit und Schärfe kombiniert. Das ist für sein Alter außergewöhnlich.
Ist da die Gefahr, dass so ein talentierter Spieler schon zu früh den Boden unter den Füßen verliert?
Alex Meier: Dazu gibt er uns keinen Anlass. Dass ein Junge in dem Alter hier und da etwas träumerisch und ein wenig verspielt ist, ist normal und wichtig. Man sollte ihm dieses Kindliche nicht zu früh wegnehmen. Natürlich müssen wir ihn auf den Profifußball vorbereiten, aber wir dürfen sein Alter nicht vergessen. Man sollte ihm so lange wie möglich diesen Spaß am Fußball lassen.
Sie waren bei Oliver Glasner bei Crystal Palace. Was konnten Sie da mitnehmen?
Alex Meier: Es waren leider nur zwei Tage. Der ursprüngliche Plan sah vor, eigentlich eine Woche bei Oliver Glasner zu sein. Dann kam allerdings die Qualifikation für die Conference League dazwischen. Aus meiner Sicht ist er ein Weltklasse-Trainer. Es beeindruckt mich, mit welcher Ruhe er arbeitet, wie er mit den Spielern umgeht und wie er das Training mit Video vorher gestaltet.
Wenn man das vor dem Spiel gegen Liverpool mitbekommt und anschließend das Spiel sieht, dann ist das schon beeindruckend. Aber für mich ist viel wichtiger, dass Glasner ein toller Mensch ist. Er ist trotz des Erfolgs bodenständig geblieben. Wir waren am Abend noch eine Runde Padel spielen und gemeinsam essen. Der Fußball ist das eine, aber es ist genauso wertvoll, dass wir uns privat gut verstehen und über andere Dinge sprechen können.
Haben Sie ein Trainervorbild?
Alex Meier: Es gibt viele gute Trainer. Ich habe in meiner Profikarriere sehr viele Trainer gehabt und von jedem auch etwas Gutes mitgenommen. Dadurch entsteht ein Mix. Was mir aber gefällt ist, wie entspannt und ruhig Carlo Ancelotti ist. Er hat einen gewaltigen Erfahrungsschatz. Das Gegenteil davon ist Diego Simeone, der auch ein total interessanter Trainer ist. Natürlich schaue ich auch auf die Trainer, die ich selber hatte. Bei Adi Hütter oder Oliver Glasner konnte ich immer beim Training dabei sein und beobachten. Ich drücke ihnen daher auch heute noch die Daumen, wenn ihre Mannschaften spielen.
Haben Sie einen Karriereplan als Trainer?
Alex Meier: Ich bin gerade dabei, meine A-Lizenz abzuschließen (das hat am 18. November 2025 geklappt, Anm. d. Red.). Als U19-Trainer fühle ich mich sehr wohl. Das ist für mich ein wichtiger nächster Schritt. Hier kann ich weiter lernen und mich verbessern. Alles weitere lasse ich auf mich zukommen. Ich habe nicht den klassischen Karriereplan. So etwas geht als Trainer im Fußball sowieso nicht. Wichtig ist, dass ich die Dinge, die ich anpacke, mit Spaß mache und ich mich damit identifizieren kann. Im Moment geht es mir damit sehr gut.