1. Bundesliga

Alles Wanner, oder was?

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Überflieger von der Ostalb: Paul Wanner bejubelt sein Elfmetertor für den 1. FC Heidenheim.
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Der 1. FC Heidenheim reist mit einem Toptalent der Bayern und als Tabellenführer zum Spitzenspiel nach Dortmund.

Holger Sanwald hat die guten Erinnerungen natürlich noch parat. Vor etwas mehr als einem Jahr bejubelte der Vorstandschef des 1. FC Heidenheim den ersten Punktgewinn der Schwaben in der Bundesliga – und das beim späteren Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund. Mit zwei Niederlagen im Gepäck war der Aufsteiger damals zum BVB gereist, nach einer Viertelstunde lag er 0:2 zurück, am Ende schaffte er noch ein 2:2. Nun tritt der FCH wieder in Dortmund an, wieder am dritten Spieltag – doch diesmal als Spitzenreiter.

Die Tabellenführung nach zwei Spieltagen sei „eine Spielerei in der Statistik, die natürlich keine Bedeutung hat“, sagte der Macher Sanwald vor der Partie am Freitag (20.30 Uhr/Dazn). Die individuelle Qualität der Dortmunder sei „riesig“: Neuzugänge wie Stürmer Serhou Guirassy würden das beweisen – oder die Nationalspieler Maximilian Beier, Waldemar Anton und Pascal Groß, die allesamt bei Julian Nagelsmann in den Länderspielen gegen Ungarn (5:0) und Niederlande (2:2) eine wichtige Rolle gespielt haben. In Heidenheim scheint trotz der erneuten Abgänge von Leistungsträgern – diesmal Tim Kleindienst, Jan-Niklas Beste und Eren Dinkci – schon wieder ein Rädchen ins andere zu greifen.

In aller Munde ist gerade ein vom FC Bayern München ausgeliehener Spieler. Paul Wanner hat so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dass es dem bodenständigen Baumeister Frank Schmidt fast schon zu viel ist. „Wir sollten aufhören, über Paul Wanner zu reden.“ Dabei hatte der Dauerbrenner auf der Trainerbank äußerst intensiv um den 18-Jährigen gekämpft, den der VfB Stuttgart, Werder Bremen oder PSV Eindhoven verpflichten wollte. Doch der 1. FC Heidenheim machte das Rennen.

Und zwar weil Schmidt dem Leihspieler reinen Wein einschenkte. Fußballerisch werde er dem Leichtgewicht - 72 Kilo bei 1,85 Meter Körpergröße - wenig bis nichts beibringen können, aber sehr wohl die Basics. Dafür müsse er aber bereit sein, hart zu arbeiten.

Der Spieler, seine Berater und vor allem auch die Bayern ließen sich auf diese Abmachung ein: Wanner arbeitete im Urlaub mit zwei Fitnesstrainern zusammen, um durch die bekannte harte Vorbereitung zu kommen. Das hat sich ausgezahlt: Fünf Pflichtspiele, vier Tore, zwei Vorlagen hat ein Shootingstar auf dem Konto, dem Heidenheim nebenbei den Einzug in die Conference League zu verdanken hat, denn gegen die zähen Schweden aus Häcken stellte er nach seiner Einwechslung die Weichen auf Sieg.

Zur Belohnung spielt Heidenheim bald mal gegen Chelsea. Jüngster Elfmeter-Torschütze der Bundesliga-Geschichte ist ihre Nummer Zehn auch noch. Das Trikot soll Schmidt persönlich beim Gespräch überreicht haben, als Wanner vorsichtig nach der Nummer 14 oder 17 fragte. Das Fachmagazin „Kicker“ widmete Wanner am Donnerstag eine Doppelseite. Viele fragen sich in der Kleinstadt auf der Ostalb schon: Alles Wanner, oder was?

GUIRASSY IN DEN STARTLÖCHERN

Trainer Nuri Sahin hat keine Zweifel: Serhou Guirassy wird mit Vollgas in seine Zeit bei Borussia Dortmund starten. Der 28-Jährige sei „voll dabei“, und es gebe „keine Handbremse“, sagte der BVB-Coach vor dem Pflichtspieldebüt des Königstransfers. Wann genau allerdings die Gelbe Wand den Namen des neuen Torjägers beim Duell mit dem Bundesliga-Spitzenreiter 1. FC Heidenheim zum ersten Mal rufen wird, ist aber noch unklar.

Denn auch wenn Guirass y ihm Training auf Sahin „einen hervorragenden Eindruck“ macht, ist ein Einsatz von Beginn an nicht garantiert. Guirassy scheint nur wenige Wochen nach seinem 18 Millionen Euro schweren Wechsel vom VfB Stuttgart angekommen zu sein – trotz Knieverletzung.

Passend zu seiner BVB-Premiere läuft Guirassy ab sofort nicht mehr mit der 19, sondern mit der Rückennummer neun auf. Die wurde frei, weil Sebastien Haller nach Spanien verliehen wurde.

Die Hoffnungen auf Guirassys Qualitäten sind groß. In der vergangenen Saison erzielte der Stürmer in 28 Ligaspielen 28 Tore. Zum Vergleich: Dortmunds bester Schütze war Donyell Malen mit 13 Treffern. Ein fitter Guirassy käme da gerade recht. Zumal Nationalstürmer Niclas Füllkrug eben wegen dieser Verpflichtung den BVB nach nur einem Jahr wieder verlassen hat. Der 31-Jährige begründete seinen Wechsel zu West Ham damit, dass der Guirassy-Deal nicht „der größte Vertrauensbeweis“ gewesen sei. sid/FR

Der junge Deutsch-Österreicher bleibt bei dem Rummel ganz gelassen. „Ich habe ein gutes Elternhaus, wo ich gut aufgehoben bin. Ich versuche in jedem Spiel meine Leistung zu bringen.“ Hört sich artig an. Der erstaunlich reife Jungprofi, der das Gymnasium nach der zehnten Klasse verließ, weiß, dass er an einer entscheidenden Weggabelung steht. Die Meriten bei den Junioren bringen einen bei den Senioren nicht weiter. Ein Jahr im Stahlbad der 2. Bundesliga beim Aufsteiger SV Elversberg hat er hinter sich, wo er sich mit sechs Toren und vier Vorlagen bei 28 Einsätzen zu einem auffälligen Akteur entwickelte, aber Luft nach oben in vielen Bereichen verriet.

Dass jetzt Heidenheim folgt, also noch einmal die Provinz ohne das hohe Grundrauschen in einer Großstadt, kann der Entwicklung nur förderlich sein, heißt es aus Wanners Umfeld. Dort haben sie auch auf die Bremse gedrückt, weil gleich zwei Verbände um ihn buhlten. Noch ist nicht entschieden, ob das Toptalent mal für Deutschland oder Österreich spielt. „Mich freut seine Entwicklung“, sagte Nagelsmann erst kürzlich wieder: „Er ist ein Spieler mit sehr viel Potenzial und Tempo, den wir beim DFB fest in unseren Planungen haben.“

Klar, mit Florian Wirtz und Jamal Musiala, beide 21 Jahre, sind zwei andere Zauberer in aller Munde, aber der Kreuzbandriss von Wirtz hat gezeigt, wie schnell auch solche Spieler ausfallen können.

Zudem spielt Wanner anders, sucht weniger das Dribbling, sondern schneller den Pass in die Schnittstelle. Sein linker Fuß ist außergewöhnlich gut. Bei den Bayern hat der begabte Stratege noch bis zum Sommer 2027 Vertrag. Der Rekordmeister wird alles daran setzen, den Jungstar langfristig zu binden. „Paul“, lobte Sportvorstand Max Eberl zuletzt, „hat ein sehr, sehr großes Potenzial“.

Das ist natürlich auch im Nachbarland aufgefallen: Österreichs Nationalcoach Ralf Rangnick hätte Wanner gerne schon für die missratenen Länderspiele gegen Slowenien (1:1) und Norwegen (1:2) nominiert. „Wir haben regelmäßig Kontakt zu Paul Wanner. Er wäre ein klarer Kandidat gewesen“, sagte Rangnick. Aber Wanner, der im November 2022 schon einmal bei einem ÖFB-Lehrgang mittrainiert hatte, habe ihm mitgeteilt, dass er sich zunächst „als Bundesligaspieler richtig etablieren will“, berichtete der ÖFB-Teamchef.

Wanner ist in Dornbirn in Vorarlberg geboren, Mutter Silvana ist Österreicherin, der Vater Klaus Deutscher. In der Jugend spielte er bislang für die DFB-Juniorenteams, so auch zuletzt im März für die deutsche U20. Aber: Der mit 16 Jahren und 15 Tagen jüngste Bundesligaspieler in der Geschichte des FC Bayern hat gerade eine Einladung zur deutschen U21-Nationalmannschaft ausgeschlagen, weil er sich angeblich erst einmal auf die Aufgaben im Verein konzentrieren will. Verkehrt ist es nicht. Freitag wartet in Dortmund das größte Stadion Deutschlands auf ihn und den Underdog Heidenheim. mit dpa/sid

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