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Eintracht-Offensive: Das Angriffs-Roulette

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Marmoush spielt bei der Eintracht ganz vorne mit. Sein Weggang wäre ein Verlust.
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Die Konkurrenz im Sturm von Eintracht Frankfurt nimmt zu – und was wird aus Omar Marmoush?

Es ist ziemlich sicher, dass Omar Marmoush in der kommenden Woche mit seinem Stammverein Eintracht Frankfurt das Trainingslager in Louisville, Kentucky, beziehen wird. Wahrscheinlich ist – Stand jetzt – auch, dass der Ägypter zum Saisonstart im Pokal in Braunschweig im Frankfurter Trikot auflaufen wird. Aber wird er auch noch den Adler tragen, wenn das Transferfenster Ende August geschlossen hat? Seriös lässt sich das momentan nicht beantworten.

Unstrittig ist, dass sich Marmoush mit jeder Faser seines Körpers reinhauen wird für seinen Klub. Der Ägypter ist ein feiner Kerl, integer, klug, lebenslustig, auf dem Platz voller Adrenalin und Hingabe, er weiß, was die Eintracht aus ihm in nur einem Jahr gemacht hat, er hat dem Verein ein bisschen was zu verdanken. Umgekehrt gilt das ebenso.

Wer weiß, in welche Turbulenzen die Eintracht in der vergangenen Saison geraten wären, wenn der ablösefrei aus Wolfsburg gekommene 25-Jährige nicht derart vehement eingeschlagen hätte. Marmosuh, eigentlich als Nachfolger von Jesper Lindström geholt, war plötzlich der Erbe des Himmelsstürmers Randal Kolo Muani, der die Frankfurter auf den allerletzten Drücker verließ und in Paris nun schon wieder auf der Verkaufsliste steht.

Marmoush spielte ganz vorne in der Sturmspitze und machte seine Sache ganz hervorragend. Zwölf Tore in der Bundesliga (17 insgesamt), zudem sechs Vorlagen – das ist nicht schlecht für einen, der zuvor fünf Treffer für Wolfsburg fabrizierte und drei für den VfB Stuttgart. Der Nationalspieler war über weite Teile die Lebensversicherung für die Eintracht. Und in der neuen Saison?

Fakt ist, dass die Entourage des Spielers einen Wechsel anstrebt. Das Ziel: England, die Premier League. Auch Marmoush selbst würde gerne mal auf der Insel spielen, doch er ist es nicht, der eine Veränderung forciert. Der Stürmer soll in England besser vermarktet werden, die Premier League ist in der Heimat das Nonplusultra, er soll so ein bisschen als Nachfolger von Volksheld Mo Salah aufgebaut werden. Das ist in England ungleich leichter als in Deutschland.

Aus eigenen Reihen auffüllen

Und so ist es gewiss nicht sicher, dass der Spieler weiterhin in Frankfurt bleiben wird. Die Eintracht wäre bei einer bestimmten Summe (mindestens 40 Millionen Euro) bereit, den Angreifer ziehen zu lassen. Alles andere wäre auch ökonomisch nicht darstellbar. Zumal der Klub auf Transferüberschüsse angewiesen ist, weshalb intern mit einem Verkauf von Marmoush oder Verteidiger Willian Pacho gerechnet wird. Für den Ecuadorianer hätte die Eintracht als Ersatz Konstantinos Koulierakis von Paok Saloniki ins Auge gefasst. Und bei Marmoush? Ein etwaiger Weggang wäre ein herber Verlust, keine Frage, würde aber eher aus den eigenen Reihen aufgefangen werden.

Denn die Konkurrenzsituation in der Offensive hat sich deutlich verschärft. Da ist zum einen Hugo Ekitiké, der zum Ende der vergangenen Saison richtig in Fahrt kam, die Eintracht fast im Alleingang in den Europapokal schoss und andeutete, dass er das Potenzial hat, ein herausragener Bundesligastürmer zu werden. Interessant: In dem Maße, in dem Ekitiké aufdrehte, baute Marmoush ab. Ganz offensichtlich fühlt sich der ägyptische Nationalspieler alleine in der Spitze doch wohler – davon war vorher nicht auszugehen. In den Halbräumen hinter Ekitiké kam Marmoush nicht mehr so zum Tragen.

Und da gibt es noch drei neue Spieler, die einen guten, selbstbewussten Eindruck hinterlassen: Igor Matanovic, Can Uzun und Krisztian Lisztes. Alle drei sind keine angepassten Lehrlinge, die sich brav einreihen, sie machen auf sich aufmerksam, sind unangenehm, aufmüpfig, kämpfen um ihren Platz und ihre Chance. Sie bringen eine gewisse Straßen-Attitüde, eine Bolzplatzmentalität mit. Das gefällt den Verantwortlichen. Auch wenn die Neuen am Anfang sicher noch Zeit brauchen werden. Dass sie die Liga im Sturm nehmen und sofort in die Startformation stürmen, ist eher unwahrscheinlich.

Matanovic ist sicher der Spieler, der den reifsten Eindruck macht, er bringt auch eine ganz andere Komponente in das Angriffsspiel, einen groß gewachsenen Mittelstürmer wie ihn deckte das Eintracht-Portfolio bislang nicht ab. Die Frage ist natürlich, für wen er spielen sollte. Denn auch Hugo Ekitiké hat bisher als einzige Spitze überzeugt – und der Franzose ist schon noch ein anderes Kaliber. Oder Coach Dino Toppmöller setzt auf zwei Stürmer.

Can Uzun ist ein Spieler, der qua seines Instinkts und seiner Abschlussqualität seine Tore auch in der Bundesliga machen wird. Der 18-Jährige muss aber noch geformt und geführt werden, eine laxe Haltung zum Spiel und mangelhafte Defensivarbeit – wie in Nürnberg gerade zum Schluss ab und an zu beobachten – wird er sich bei der Eintracht gewiss nicht leisten können. Er wird lernen müssen, sein Potenzial dauerhaft auszuschöpfen und sich nicht darauf auszuruhen.

Den größten Sprung wird Krisztian Lisztes machen müssen, die Unterschiede zwischen der ungarischen Liga und der Bundesliga sind immens. Der 19-Jährige, Sohn des früheren gleichnamigen Bundesligaprofis, besticht aber durch Robustheit und Furchtlosigkeit, er soll eher zentral und nicht am Flügel spielen. Bei ihm wird die Eintracht überlegen, ob sie ihn noch mal ausleiht, damit er Spielpraxis sammeln kann.

Und dann gibt es ja noch die Offensiven, die schon in der vergangenen Saison da waren, egal, ob auf den Halbpositionen oder auf den Flügeln. Also Mario Götze, Fares Chaibi, Ansgar Knauff, Eric Dina Ebimbe oder Jean-Matteo Bahoya. Es könnte ein ganz schönes Gerangel geben. Die Verantwortlichen beobachten das aber entspannt.

Denn eines bringt die neue Situation mit sich: Keiner darf sich hängenlassen, sonst ist er schnell raus. Und: Die Möglichkeit, während eines Spiels von der Bank qualitativ hochwertig nachzulegen, ist jetzt gegeben. Das war in der vergangenen Saison ganz und gar nicht so.

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