Auch ohne Wirtz-Zusage: Kompany ist die große Bayern-Hoffnung
VonPeter Grad
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Bei Florian Wirtz´ Vereinswahl soll Liverpools Arne Slot den FCB-Coach Vincent Kompany ausgestochen haben. Dabei hat dieser lediglich seine große Stärke präsentiert.
München – Bei seiner Verpflichtung vor fast exakt einem Jahr noch als „Notlösung“ bezeichnet, gilt Vincent Kompany nach seiner ersten Saison beim FC Bayern bereits als große Hoffnung. Zur Überraschung vieler Experten scheint der 39-Jährige der erste Trainer seit einer gefühlten Ewigkeit zu sein, dem beim deutschen Rekordmeister wieder einmal eine längerfristige Trainer-Ära zuzutrauen ist.
Der FCB-Chefcoach mit der längsten zusammenhängenden Tätigkeit in der Geschichte des FC Bayern war Ottmar Hitzfeld, der von 1998 bis 2004 u.a. Oliver Kahn, Mehmet Scholl, Stefan Effenberg und Michael Ballack an der Säbener Straße trainierte.
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Vereinsverantwortliche, Spieler, aber auch die große Mehrheit der Fans sind überzeugt bis begeistert vom Belgier, der als aktiver Spieler in seiner Nationalmannschaft, aber auch als Kapitän von Manchester City einen Weltklasse-Innenverteidiger abgegeben hat. Kompany hat einer nach der letzten Spielzeit stark verunsicherten Truppe nicht nur ein neues Spielsystem, sondern auch wieder viel Selbstvertrauen eingehaucht.
Seine besonnene sympathische Art in der Öffentlichkeit hat einen durch viele Turbulenzen auf allen Ebenen aufgescheuchten Klub beruhigt, Angriffsflächen zumindest stark verringert. Es herrscht größtes Vertrauen in seine Fähigkeiten, Vorgaben, aber auch Wertvorstellungen. Der Teamgedanke ist beim 39-Jährigen ganz hoch angeschrieben, Probleme werden ausschließlich intern angesprochen.
FC Bayern: Riesiger Trainerverschleiß in der erfolgreichsten Phase der Vereinsgeschichte
Das war in den vergangenen Jahren längst nicht immer so, obwohl diese wohl als die sportlich erfolgreichsten im Männerfußball der Vereinsgeschichte angesehen werden können. Mehr als erstaunlich: Trotz der „Europarekordserie“ (Maßstab die „Topligen“) von elf aufeinanderfolgenden nationalen Meisterschaften von 2012/13 bis 2022/23, garniert mit zwei außergewöhnlichen Triple-Triumphen, gab es keine Konstanz in dieser Epoche im Verein. Eindrucksvoll dadurch dokumentiert, dass der Rekordmeister in dieser Rekord-Ära acht Cheftrainer verschliss.
Eigentlich hätte Jupp Heynckes nach dem legendären Triple 2012/13 gerne noch weiter gemacht, wenn das Schicksal nicht in der Winterpause zuvor den joblosen „Welttrainer“ Pep Guardiola angeboten hätte. Dessen Zusage galt als Sensation, der Verantwortlichen an der Säbener Straße hätten ihn gerne länger als drei Jahre beschäftigt. Der Katalane sah dies jedoch damals als maximale Zeit an, die er bei einem Klub verbringen möchte. Nun geht er in sein zehntes Jahr bei Manchester City...
Titel, Talente und Turbulenzen: Die Bayern-Spielzeit in starken Momenten
Nach Guardiola war es vorbei mit der Konstanz auf der Trainerbank
Im Sommer 2016 startete Carlo Ancelotti in München. „Menschenfänger“ sollte seine Kernkompetenz sein: In Madrid wohl immer wieder, nicht aber beim FC Bayern. Anfang Oktober 2017 wurde Heynckes zurück nach München geholt, aber von vorneherein war klar, dass sein viertes Engagement an der Säbener Straße im Mai 2018 enden würde. Ex-FCB-Spieler Niko Kovac ereilte ein ähnliches Schicksal wie Ancelotti, er trainierte insgesamt nur einen Monat länger (Juli 2018 bis November 2019).
Sein Assistent Hansi Flick übernahm - zunächst interimsmäßig. Seine Erfolgsserien wurden immer länger, sein Vertrag wurde verlängert. Während der Corona-Pandemie holte er das Double, Triple, final sogar das zweite Sextupel der Fußball-Weltgeschichte. Permanente Streitereien mit Sportvorstand Hasan Hasan Salihamidžić vertrieben ihn Richtung DFB. Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel. Jeder einzelne von ihnen wurde mindestens einmal Deutscher Meister, es reichte aber nie für ein längeres Engagement.
Kompany kann es schaffen
Jetzt Vincent Kompany - im Vergleich zu Nagelsmann und Flick, die vor ihm erneut als FCB-Trainer gehandelt wurden, bezüglich des FC Bayern noch unbelastet. Eine ganz große Hoffnung.
Warum es der 39-Jährige tatsächlich beim Rekordmeister schaffen kann, verriet nicht zuletzt sein offizielles Statement auf der Website des Rekordmeisters nach der gewonnenen Meisterschaft, in welchem er sich an seine Mannschaft und die Fans des FC Bayern richtete. Kompany hob dabei speziell die mannschaftliche Geschlossenheit, die bei seinem Führungsstil eine zentrale Rolle spielt, hervor.
Die Heimtrikots des FC Bayern der letzten 20 Jahre – ein Trikot wurde schon vor der Saison zum Klassiker
Ein Trainer, der für alle Seiten die richtigen Worte findet
„Glückwunsch an die Spieler für ihre herausragende Leistung über die ganze Saison hinweg: Ihr habt das zusammen geschafft. Ihr habt das als Team gewonnen.“ Typisch für den sympathischen Übungsleiter, dass er sich selbst dabei nicht einbezieht, obwohl insbesondere auch sein Beitrag dabei „herausragend“ war.
Bei diesem neu geschaffenen Klubwettbewerb wird Florian Wirtz weder mit seinem Noch-Verein Bayer Leverkusen noch mit seinem zukünftigen Klub in Liverpool dabei sein. Die Lieblingsversion des Rekordmeisters wäre es dagegen gewesen, dass der 22-Jährige schon in den Vereinigten Staaten im FCB-Trikot auflaufen wird.
Dazu wird es bekanntermaßen nicht kommen. Wie einige Medien berichten, soll dazu der niederländische LFC-Coach Arne Slot einen wichtigen Beitrag geleistet haben, indem er dem Nationalspieler eine zentrale Rolle als Zehner versprochen hat.
Kompany konnte dagegen angeblich in seinem Gespräch mit Wirtz diesen nicht - mit seinen Teamgeist-Gedanken - überzeugen. Beim Belgier geht es eben nicht um Sonderstellungen einzelner Spieler, sondern um den gemeinschaftlichen Mannschaftserfolg. Man gewinnt und verliert zusammen, keiner wird dabei besonders hervorgehoben oder im Misserfolgsfall niedergebügelt.
Kompany-Ära wäre eine besondere
In der heutigen Welt begreifen häufig nicht einmal die großen Protagonisten im Fußball diese Grundregeln. Maßloser Egoismus setzt sich gnadenlos durch. Es wäre schön, wenn gerade ein Coach mit solchen Charaktereigenschaften wie Kompany eine langfristige Ära in München prägen könnte.