VonFrank Hellmannschließen
Der große Schnitt mit einer neuen Doppelspitze ist verschoben, was wegen der heiklen Gemengelage um die erkrankte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg verständlich ist. Der Kommentar.
Vordergründig hat der neue Sport-Geschäftsführer Andreas Rettig nicht viel falsch gemacht. Horst Hrubesch zurück zum Frauen-Nationalteam zu holen, bringt ihm selbst ähnlich viel Applaus ein wie seinem Arbeitgeber die Idee, ihn als größten Kritiker des deutschen Profifußballs einzustellen. Doch bei näherem Hinsehen hat sich der im Frauenfußball nicht sonderlich gut vernetzte DFB-Macher Rettig mit dieser Lösung erst einmal nur Zeit erkauft. Der große Schnitt mit einer neuen Doppelspitze für Trainer- und Managerposten ist verschoben, was wegen der heiklen Gemengelage um die erkrankte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg irgendwie auch verständlich ist.
Nur bleibt damit einiges auf der Strecke. Eigentlich müsste sich einer mit Feuereifer daran machen, das Team körperlich und mental robuster aufzustellen. Es braucht nicht nur einen anderen Ansatz, sondern auch anderes Personal als bei der WM in Australien. In der engen Taktung mit Bundesliga, Pokal und Champions League müsste sich jemand einen detaillierten Überblick verschaffen, um auf vielen Problempositionen (Abwehr!) nach Alternativen zu fahnden. Vom 72-jährigen Nothelfer, der weiter für den Hamburger SV arbeitet, kann das nicht verlangt werden; er wird auch den überwölbenden Einfluss des VfL Wolfsburg kaum kritisch prüfen.
Rettig hat keine Anfrage bei der noch an die Schweiz gebundenen Trainerin Inka Grings gestartet, auch der kürzlich in der Türkei entlassene Stefan Kuntz wurde nicht kontaktiert. Der mit Drittligaaufsteiger SSV Ulm auf einer Erfolgswelle surfende Thomas Wörle (früher Frauentrainer beim FC Bayern), die aktuell erfolgreich in der Frauen-Bundesliga arbeitenden Tommy Stroot (VfL Wolfsburg) oder Stephan Lerch (TSG Hoffenheim) sind Kandidaten, deren Bereitschaft für den Job als Bundestrainer dringend abgeklopft werden sollte. Und noch ein Tipp: Die in Brasilien entlassene Pia Sundhage ist zwar nicht mehr die Jüngste, aber als Sympathieträgerin mindestens auf Hrubesch-Level.
Serie der Pleiten
Eine voreilige Postenvergabe kann sich der finanziell angeschlagene Verband nicht leisten. Kreativität ist in Zukunft vonnöten, wenn es vor allem um die Besetzung der Direktorenstelle für den Frauenbereich geht. Hier muss eine Person gefunden werden, die Expertise und Innovation, Durchsetzungsvermögen und Weitsicht vereint. Alter und Geschlecht dürfen keine Rolle spielen – es geht nur um die Qualität und das Ziel, besser zu werden.
Unkritische Selbstbeweihräucherung bringt niemanden weiter. Wer nämlich auf die EM- und WM-Turniere seit dem Abgang der Erfolgsgarantin Silvia Neid mit dem Olympiasieg 2016 blickt, stellt fest: Der wohl zu überschwänglich gefeierten Vizeeuropameisterschaft 2022 stehen bei den DFB-Frauen zwei absolut vermeidbare Viertelfinalpleiten 2017 (EM) und 2019 (WM) ein verpasstes Olympiaturnier (2021) sowie eben das peinliche Vorrundenaus 2023 (WM) gegenüber. In den nächsten Jahren ist bei den DFB-Frauen ganz viel zu tun – und da braucht es die richtigen Leute.
