VonTimur Tinçschließen
Der Basketball-Bundestrainer spricht im FR-Interview über seine übersprudelnden Emotionen nach dem Gold-Coup in Manila, seine Beziehung zu Dennis Schröder und den speziellen Geist der deutschen Mannschaft.
Gordon, ganz einfach gefragt: Wie war Ihre Nacht?
Ich habe es noch immer nicht realisiert. Alles ging so schnell. Alles war von Tag zu Tag. Es war eine Schinderei. Diese fünf Wochen waren so intensiv wie eine ganze Saison.
Sind Sie deshalb kurz nach Spielschluss auf den Boden gesunken? Man hat Ihnen angesehen, dass die Anstrengungen der letzten fünf Wochen einfach aus Ihnen gewichen sind. Was ging in diesen Momenten in Ihnen vor?
Mein Herz hat angefangen, zu schnell zu schlagen (lacht). Ich musste einfach relaxen und weg von allem kommen. Ich war so high und mit einem Mal, boom, war ich unten. Die Emotionen sind einfach rausgekommen.
Im Jahr 2019 haben Sie die Frankfurt Skyliners verlassen, um sich Ihren Traum zu verwirklichen und kanadischer Nationaltrainer zu werden. Vier Jahre später sind Sie Weltmeister mit Deutschland.
Es ist ein absoluter Traum. Mehr noch als die Goldmedaille war das Zusammensein mit den Spielern und den Leuten in der Gruppe eine unglaubliche Erfahrung.
Wie hat sich dieser Spirit gezeigt?
Zuvorderst, dass sich jeder um jeden gekümmert und gesorgt hat. In den Spielen haben sie zusammengestanden, sich gegenseitig angefeuert. Und es war für jeden eine Ehre, sein Land auf der internationalen Bühne zu vertreten.
Und Sie haben im Vergleich zum Bronzemedaillengewinn bei der Heim-EM im Sommer 2022 mit Isaac Bonga und Moritz Wagner zusätzliche Qualität in den Kader bekommen. Was haben die beiden dem Team gegeben?
Moritz war mit seiner Persönlichkeit großartig für uns. Isaac hat uns eine defensive Dimension gegeben. Die beiden haben das Level vom letzten Sommer nochmal erhöht. Das Gute war, dass Moritz und Isaac immer mal wieder um das Team herum mit uns dabei waren, obwohl sie verletzungsbedingt nicht spielen konnten. Sie haben ihre Teamkameraden unterstützt, und deshalb war es einfach für sie, diesen Sommer in die Mannschaft zu finden.
Sie haben nie das Vertrauen in Dennis Schröder verloren, der oft für seine extrovertierte Art und Weise kritisiert wurde. Was haben Sie an ihm während des Turniers und auch schon davor am meisten bewundert?
Dennis hat die Kapitänsrolle richtig angenommen. Er hat es als Ehre verstanden. Eine der besten Sachen, die ich gemacht habe, war, ihn zum Kapitän zu ernennen. Als ich den Job im September 2021 angenommen habe, bin ich nach Braunschweig gefahren und habe drei, vier Stunden mit Dennis gesprochen. Wir haben eine Beziehung aufgebaut. Trainer in der Nationalmannschaft zu sein, ist ein bisschen anders, als Vereinstrainer zu sein.
Wie meinen Sie das?
Zur Person
Gordon Walter Herbert , 64 ist seit September 2021 Bundestrainer der deutschen Basketball-Nationalmannschaft. Der gebürtige Kanadier aus Penticton im Bundesstaat British Columbia war selbst Nationalspieler seines Landes. Seine Profikarriere verbrachte er – bis auf eine Saison in Belgien – in Finnland, dessen Staatsbürgerschaft er auch hat. Seine größten Erfolge als Trainer feierte Herbert mit den Frankfurt Skyliners, wo er dreimal und insgesamt zehn Jahre lang Cheftrainer war. 2004 wurde er Deutscher Meister, 2016 gewann er mit den Hessen den Fiba Europe Cup. Mit der DBB-Auswahl gewann er bei der Heim-EM im vergangenen Jahr die Bronzemedaille und darf sich seit dem 10. September 2023 Weltmeister-Trainer nennen. tim
Erstens: Als Nationaltrainer musst du deine besten Spieler immer spielen lassen. Zweitens: Du musst sie in Form bringen. Drittens: Du musst mit allen eine Beziehung aufbauen.
Und ein Ziel setzen, das jeder erreichen will?
Es ist wichtig, dass man darüber spricht, was man erreichen will. Man spricht darüber und verbirgt es nicht. Letzten Sommer war unser Ziel eine Medaille, diesen Sommer war das Ziel eine Medaille. Wir besprechen die Ziele als Team. Wir wollten eine Identität kreieren. Das war: Taffness, Kommunikation und das Zusammensein genießen.
Das haben Sie perfekt hinbekommen.
Die Spieler haben das ausgezeichnet hinbekommen. Es war eine Ehre für mich, sie zu coachen und ein Teil dieser Gruppe zu sein. Ich war noch nie Teil einer so speziellen Gruppe.
Sie haben neben Ihrem langjährigen Vertrauten, Co-Trainer Klaus Perwas, auch Sebastian Gleim ins Coaching-Team geholt. Zusammen haben Sie 2016 mit den Skyliners den Fiba Europe-Cup gewonnen. Nun sind sie zusammen Weltmeister geworden.
Sebastian hat einen ausgezeichneten Job gemacht, genauso wie Klaus und Bret Brielmaier. Sie haben sich die Pflichten aufgeteilt. Sebastians Aufmerksamkeit für das Detail ist unglaublich. Sehr präzise, sehr detailliert. Ich hoffe sehr, dass er demnächst wieder einen Job in der Basketball-Bundesliga bekommt.
Und mit allen zusammen geht es jetzt zu den Olympischen Spielen in Paris nächstes Jahr?
Mein Sohn (Daniel Herbert) sollte eigentlich auch ein Teil des Coaching-Teams sein, aber er hat keine Freigabe von Crailsheim erhalten. Wir werden sehen, was nächsten Sommer ist. Klaus und ich arbeiten seit langer Zeit zusammen. Er hat keine Angst, mir seine Meinung zu sagen, und das ist sehr wichtig.
Haben Sie mit der Mannschaft auch nur ansatzweise gestern schon über die Spiele in Paris gesprochen? Eigentlich kann es nach den Erfolgen, wenn das Team zusammenbleibt, wieder nur um eine Medaille gehen.
Nein, haben wir nicht. Wir wussten, wenn wir eine Medaille holen, werden wir uns für Olympia qualifizieren und das haben wir getan. Ich will, dass die Jungs das jetzt für die nächsten drei, vier Wochen genießen. Ich habe gestern eine SMS von Kanzler Olaf Scholz bekommen. Das war wirklich nett. Er war auf dem G20-Gipfel. Ich bin ein großer Fan der Kanzler in Deutschland. Kanzlerin Angela Merkel war aus meiner Sicht eine der besten Leaderinnen auf der Welt. Olaf Scholz macht genau da weiter. Sie erfahren großen Respekt in der ganzen Welt. Ich bin stolz, Deutschland zu repräsentieren.
Sie haben ebenfalls eine Menge Respekt bekommen. Zumindest das Finale wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Hoffen Sie, dass das zukünftig anders laufen wird?
Ich denke schon. Es ist lustig, alle unsere Spiele waren im Fernsehen in Kanada und Finnland, aber nicht in Deutschland. Hoffentlich wird es nun einen Basketball-Boom geben.
