Rubrik „unglücklich gelaufen“

Lennart Karls „Traumverein“ Real Madrid: Nur ehrlich oder „Verrat“ am FC Bayern?

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Mit einer naiven Aussage bei einem Fanclubbesuch zu seiner Zukunft hat der 17-jährige Lennart Karl viele Fans des FC Bayern extrem verärgert. Ein Kommentar.

München - Der Weg von Lennart Karl beim FC Bayern schien zuletzt nur eine Richtung zu kennen: Steil nach oben. Der 17-Jährige begeisterte die FCB-Fans und Medien auf eine Weise, wie selten ein Spieler in den letzten Jahren. Nun lernt er zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere die Kehrseite seiner Popularität kennen. Den Anlass dazu lieferte er selbst mit einer naiven Aussage bei seinem Neujahrsbesuch beim FCB-Fanclub Burgsinn 1980 in seiner Heimat Unterfranken.

Youngster Lennart Karl bringt sich mit Aussage vor den FCB-Fans in Schwierigkeiten.

Dort wurde er begeistert empfangen, vor allem als er sich zunächst über seinen aktuellen Verein äußerte: „Der FC Bayern ist ein sehr großer Verein. Es ist ein Traum, dort zu spielen.“ Im Nachhinein wird er wohl selbst denken: Hätte ich es nur bei diesem Statement belassen. Hat der FCB-Youngster aber nicht, stattdessen platzte es aus ihm heraus: „Aber irgendwann will ich auf jeden Fall mal zu Real Madrid. Das ist mein Traumverein.“ Wie naiv der bisherige Fanliebling dabei handelte, verrät sein nachfolgender Satz bestens: „Aber das bleibt unter uns.“ Er hätte wissen müssen, dass jeder auffällige Satz eines Bayern-Spielers, ob er 17 Jahre jung (und unerfahren) oder ein gestandener Weltklasse-Profi ist, ein entsprechendes Medien-Echo findet.

Karl-„Fauxpas“ aus Unkenntnis und Unerfahrenheit?

Die große Zukunftshoffnung des FC Bayern war im Sommer 2022 als 14-Jähriger zum Rekordmeister gekommen, wo zunächst der Campus seine Heimat war. Offenbar hat der Hochtalentierte seitdem in seinen dreieinhalb Jahren beim Rekordmeister jedoch keine ausreichenden Informationen über die Eigenheiten der eigenen Anhängerschaft sammeln können, so dass er, wie nun auch zahlreiche FCB-Fans anmerken, nicht perfekt vorbereitet zum Besuch beim unterfränkischen Fanclub aufbrach.

Wäre dies passiert, hätte „Lenny“ wahrscheinlich gewusst, dass es bei den eingefleischten FCB-Fans drei Vereine gibt, die bei fast allen auf größte Ablehnung stoßen: Regional der Lokalrivale TSV 1860, bundesweit Borussia Dortmund und international eben Real Madrid. Letzteres gilt schon sehr lange, wesentlich länger als die „Clásico-Rivalität“ mit dem BVB besteht. So wurden bereits früh zu Olympiastadion-Zeiten zahlreiche Texte in der Südkurve mit der kurzen Zwischenzeile „Sch***-Madrid“ ergänzt.

Der rasante Aufstieg von Lennart Karl beim FC Bayern

Karl beim hallenturnier
Bevor Lennart Karl (r.) für den FC Bayern spielt, ist er unter anderem für die Jugend von Eintracht Frankfurt unterwegs. Im Jahr 2022 geht es dann erst zurück zu seinem ersten Klub Vicotria Aschaffenburg, im gleichen Jahr wechselt er in die Jugendabteilung der Bayern.  © Baur/ Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de
Karl in der U17.
Spätestens in der letzten Saison geht sein Stern endgültig auf. Für die U17 überragt er mit 27 Toren und elf Vorlagen und auch in der U19 kann er im Alter von nur 16 Jahren brillieren.  © IMAGO/Kirchner-Media/Thomas Haesler
Karl gegen Barcelona.
In der Youth League darf sich Karl schon mit anderen großen Jugendabteilungen messen. Unter anderem gehören der FC Barcelona und Inter Mailand zu den Gegnern von Karl. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Goldberg
Sane und Karl.
Bei den Profis darf sich der Bayern-Youngster immer wieder im Training zeigen. Auch von Leroy Sané (l.) lernt Karl.  © IMAGO/Ulrich Wagner
Müller und Karl.
Und auch bei den letzten Monaten von Thomas Müller (l.) im Bayern-Dress ist das Supertalent hautnah dabei. Einige Male darf Karl sogar Kader-Luft schnappen, ohne dabei allerdings eingesetzt zu werden.  © IMAGO/Markus Ulmer
Sane und Karl bei der Meisterfeier.
Bei der Meisterfeier des FC Bayern darf Karl dann aber mittendrin statt nur dabei sein. Der 17-Jährige traut sich sogar, Sane eine Bierdusche zu verpassen.  © IMAGO/Mladen Lackovic
Karl und Pavlovic.
Auch eine Medaille erhält das große Talent. Zusammen mit Aleksandar Pavlović (r.) bestaunt er die Miniatur-Meisterschale.  © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl
Karl gegen Auckland.
In der Saisonvorbereitung darf Karl mit in die USA reisen. Beim Club World Cup darf Karl sogar seine ersten Pflichtspielminuten für den FC Bayern bejubeln.  © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Goldberg
Karl beim Club World Cup.
Große Akzente kann Karl beim 10:0 gegen die überforderten Amateure von Auckland City allerdings nicht setzen. Trotzdem kann er wichtige Spielpraxis sammeln.  © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Goldberg
Karl gegen Boca Juniors.
Danach kommt aber kein Einsatz in den USA mehr hinzu. Viele Fans und Experten kritisieren Kompany für seine konservativen Aufstellungen und die geringe Einsatzzeit der großen Talente. © IMAGO/Marco Bader
Karl gegen Tottenham.
Ein erstes Ausrufezeichen setzt Karl beim Testspiel gegen Tottenham. Der Youngster trifft zum 3:0 und darf seinen ersten Treffer für den FC Bayern bejubeln.  © IMAGO/David Inderlied
Kompany und Karl.
Karl zeigt sich angesichts seiner Vorbereitung selbstbewusst und ehrgeizig. „Nicht jeder kann immer direkt ein Bayern-Spieler werden. Einige wollen aber direkt spielen. Wir werden ihnen einige Chancen geben“, bremst Vincent Kompany.  © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON
Karl gegen Stuttgart.
Im Supercup gegen den VfB Stuttgart darf Karl in der Schlussphase zumindest einige Einsatzsekunden sammeln. Ein weiterer Schritt in seiner Entwicklung.  © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Memmler
Karl feiert den Supercup-Sieg.
Am Ende gibt es zwar nicht viel Einsatzzeit, trotzdem darf Karl den nächsten Profi-Titel bejubeln. Doch er will natürlich mehr. © IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.
Karl vor Leipzig.
Beim Bundesliga-Saisonauftakt gegen RB Leipzig steht Karl im Kader und darf auf den ersten Einsatz in Deutschlands höchster Spielklasse hoffen. © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Heike Feiner
Karl gegen Leipzig eingewechselt.
Und den gibt es dann auch. Beim Stand von 4:0 wird der 17-Jährige in der 68. Minute für Serge Gnabry eingewechselt und darf auf dem Platz miterleben, wie Harry Kane noch das 5:0 und 6:0 erzielt. © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON
Karl gegen Wiesbaden.
Im DFB-Pokal folgt dann der erste Startelfeinsatz für Karl. Gegen Wehen Wiesbaden kann allerdings kaum ein Bayern-Star überzeugen und am Ende schafft es der Rekordmeister nur durch einen Last-Minute-Treffer von Kane zum 3:2 in die nächste Runde. Kein optimaler Abend, um Werbung für sich zu machen.  © IMAGO/Marco Steinbrenner/DeFodi Images
Kane und Karl jubeln gemeinsam.
Gegen Hoffenheim darf Karl am 4. Spieltag in der Bundesliga auch endlich starten. Auch hier tun sich die Bayern erst einmal extrem schwer. Doch Harry Kane erzielt kurz vor der Pause das 1:0 – nach einer Ecke des Bayern-Talents. Sein erster Scorer-Punkt. © IMAGO/Markus Ulmer
Karl gegen Brügge.
Nach einigen Wochen mit schwankenden Leistungen und wechselhaften Einsatzzeiten darf Karl gegen Brügge seinen ersten Champions-League-Treffer bejubeln. Bereits in der 5. Minute trifft er zum 1:0. © IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.
Karl gegen Gladbach.
Am darauffolgenden Wochenende darf der Youngster zwar nicht gegen Gladbach starten, kann nach seiner Einwechslung allerdings überzeugen und erzielt den 3:0-Endstand per Traumtor.  © IMAGO/Heiko Blatterspiel
Karl bei der U21.
Viele fordern Karl danach schon für die A-Nationalmannschaft, allerdings muss er erst einmal zur U21. Dort brilliert er zusammen mit seinem Bayern-Kollegen Tom Bischof.  © IMAGO/Sebastian Räppold/Matthias Koch
Karl gegen Freiburg.
Gegen den SC Freiburg legte Karl seinen bis dato besten Auftritt im Bayern-Dress hin. Nicht nur aufgrund seines Tores und seines Assists schaffte es das Bayern-Supertalent sogar in die Kicker-Elf des Spieltags. © IMAGO/Mladen Lackovic
Karl sitzt gegen Freiburg.
Sogar Vergleiche mit Lionel Messi werden laut. Doch Karl bleibt am Boden: „Natürlich darf man mich mit Messi vergleichen, das sagen sehr viele. Ich finde aber nicht, dass man mich mit Messi vergleichen kann. Messi ist ganz oben, dahin habe ich noch einen langen Weg. Messi ist mein Vorbild.“ © IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.
Im Verlauf der Saison bekommt Karl regelmäßig Spielzeit, obwohl der zuvor lange verletzte Jamal Musiala zurückkehrt. Der Teenager kann weiter überzeugen, glänzt unter anderem im Champions-League-Achtelfinale gegen Atalanta Bergamo mit einem Tor und einem Assist.
Im Verlauf der Saison bekommt Karl regelmäßig Spielzeit, obwohl der zuvor lange verletzte Jamal Musiala zurückkehrt. Der Teenager kann weiter überzeugen, glänzt unter anderem im Champions-League-Achtelfinale gegen Atalanta Bergamo mit einem Tor und einem Assist. © IMAGO
Grund genug für Julian Nagelsmann, um Karl zum ersten Mal zur Nationalmannschaft einzuladen – wenige Wochen nach dessen 18. Geburtstag. Nagelsmann: „Er soll seine jugendliche Unbekümmertheit mitbringen. Er soll keine Wunderdinge zeigen, einfach das, was er auch bei Bayern zeigt.“
Grund genug für Julian Nagelsmann, um Karl zum ersten Mal zur Nationalmannschaft einzuladen – wenige Wochen nach dessen 18. Geburtstag. Nagelsmann: „Er soll seine jugendliche Unbekümmertheit mitbringen. Er soll keine Wunderdinge zeigen, einfach das, was er auch bei Bayern zeigt.“  © IMAGO/Jürgen Kessler

Folglich war es keine Überraschung, dass der noch unerfahrene Karl für seinen spanischen Traumverein, für nicht wenige Bayern-Fans ein „Verrat“, einen Shitstorm erhalten würde. Diese tobten – wenig überraschend – in den Social Media: „Glückwunsch zum Verlust der Unterstützung der Fans“. Ein anderer entrüsteter Anhänger: „Verkauft diesen Kerl so schnell wie möglich“. Weitere Kommentare gingen in die Richtung: „Bitte nur schlaue Spieler zum Fanclub schicken. Sowas war alles andere als schlau. Leider nicht mehr zu reparieren. Sehr schade“.

Die dem Rekordmeister wenig wohlgesonnenen Fußball-Fans haben den Fauxpas des kleinen Wirbelwinds auf dem Spielfeld dagegen höchst amüsiert zur Kenntnis genommen und ihm zu seiner „Ehrlichkeit“ gratuliert. Jaja, wenn es den eigenen Verein nicht betrifft.

Zunächst kann man nur hoffen, dass sich der ganze Wirbel nun nicht negativ auf die Leistungen des hochtalentierten Youngsters, den viele schon im WM-Kader von Julian Nagelsmann sehen, auswirken wird. Zusätzlich muss man sich nun an der Säbener Straße und im Umfeld von Karl (Michael Ballack!) ernsthaft Gedanken machen, wie man aus dieser Nummer herauskommt.

Die Konsequenzen von Karls „Traumverein“-Aussage

Denn man möchte sich aus Münchner Sicht kein Szenario vorstellen, in dem der FC Bayern in einem CL-Halbfinale oder sogar Endspiel auf Real Madrid trifft und die Gazetten in beiden Ländern im Vorfeld hauptsächlich über Lennart Karls „Traumverein“ berichten. Nicht ganz außer Acht lassen sollte man aber auch, dass bereits der 10-jährige „Lenny“ 2018 ein Probetraining bei den Königlichen absolviert hatte, sich dabei aber final nicht qualifizieren konnte.

Dass durch dieses Fanclubbesuch-Statement ein „irreparabler Schaden“ entstanden sein soll, wie ein FCB-Anhänger befürchtet, sollte reichlich übertrieben sein. Wie bereits erwähnt: Karl kommt nicht aus dem Münchner Umfeld, ist jung und unerfahren. Den gebürtigen Münchnern Aleksandar Pavlović und Josip Stanišić wäre ein solches Statement nie und nimmer passiert, dabei kickte der Deutsche-Kroate zwischenzeitlich sogar in der Jugend für die Löwen.

Der FC Bayern muss nun professionell mit der Situation umgehen: Dass Karl – wenn er sich tatsächlich zum Weltklassespieler entwickeln sollte – irgendwann einmal nach Madrid wechseln wird, ist genauso möglich wie dass er noch eine FCB-Legende werden wird. Manchmal bedarf es dazu aber auch eines Winks des Schicksals: Kaiser Franz Beckenbauer musste dabei als Jugendspieler von 1906 München eine „Watschn“ eines Sechzig-Gegenspielers erleiden, um auf den richtigen Pfad zu kommen…

Rubriklistenbild: © IMAGO/Julien Christ

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