Lennart Karls „Traumverein“ Real Madrid: Nur ehrlich oder „Verrat“ am FC Bayern?
VonPeter Grad
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Mit einer naiven Aussage bei einem Fanclubbesuch zu seiner Zukunft hat der 17-jährige Lennart Karl viele Fans des FC Bayern extrem verärgert. Ein Kommentar.
München - Der Weg von Lennart Karl beim FC Bayern schien zuletzt nur eine Richtung zu kennen: Steil nach oben. Der 17-Jährige begeisterte die FCB-Fans und Medien auf eine Weise, wie selten ein Spieler in den letzten Jahren. Nun lernt er zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere die Kehrseite seiner Popularität kennen. Den Anlass dazu lieferte er selbst mit einer naiven Aussage bei seinem Neujahrsbesuch beim FCB-Fanclub Burgsinn 1980 in seiner Heimat Unterfranken.
Dort wurde er begeistert empfangen, vor allem als er sich zunächst über seinen aktuellen Verein äußerte: „Der FC Bayern ist ein sehr großer Verein. Es ist ein Traum, dort zu spielen.“ Im Nachhinein wird er wohl selbst denken: Hätte ich es nur bei diesem Statement belassen. Hat der FCB-Youngster aber nicht, stattdessen platzte es aus ihm heraus: „Aber irgendwann will ich auf jeden Fall mal zu Real Madrid. Das ist mein Traumverein.“ Wie naiv der bisherige Fanliebling dabei handelte, verrät sein nachfolgender Satz bestens: „Aber das bleibt unter uns.“ Er hätte wissen müssen, dass jeder auffällige Satz eines Bayern-Spielers, ob er 17 Jahre jung (und unerfahren) oder ein gestandener Weltklasse-Profi ist, ein entsprechendes Medien-Echo findet.
Karl-„Fauxpas“ aus Unkenntnis und Unerfahrenheit?
Die große Zukunftshoffnung des FC Bayern war im Sommer 2022 als 14-Jähriger zum Rekordmeister gekommen, wo zunächst der Campus seine Heimat war. Offenbar hat der Hochtalentierte seitdem in seinen dreieinhalb Jahren beim Rekordmeister jedoch keine ausreichenden Informationen über die Eigenheiten der eigenen Anhängerschaft sammeln können, so dass er, wie nun auch zahlreiche FCB-Fans anmerken, nicht perfekt vorbereitet zum Besuch beim unterfränkischen Fanclub aufbrach.
Wäre dies passiert, hätte „Lenny“ wahrscheinlich gewusst, dass es bei den eingefleischten FCB-Fans drei Vereine gibt, die bei fast allen auf größte Ablehnung stoßen: Regional der Lokalrivale TSV 1860, bundesweit Borussia Dortmund und international eben Real Madrid. Letzteres gilt schon sehr lange, wesentlich länger als die „Clásico-Rivalität“ mit dem BVB besteht. So wurden bereits früh zu Olympiastadion-Zeiten zahlreiche Texte in der Südkurve mit der kurzen Zwischenzeile „Sch***-Madrid“ ergänzt.
Der rasante Aufstieg von Lennart Karl beim FC Bayern
Folglich war es keine Überraschung, dass der noch unerfahrene Karl für seinen spanischen Traumverein, für nicht wenige Bayern-Fans ein „Verrat“, einen Shitstorm erhalten würde. Diese tobten – wenig überraschend – in den Social Media: „Glückwunsch zum Verlust der Unterstützung der Fans“. Ein anderer entrüsteter Anhänger: „Verkauft diesen Kerl so schnell wie möglich“. Weitere Kommentare gingen in die Richtung: „Bitte nur schlaue Spieler zum Fanclub schicken. Sowas war alles andere als schlau. Leider nicht mehr zu reparieren. Sehr schade“.
Die dem Rekordmeister wenig wohlgesonnenen Fußball-Fans haben den Fauxpas des kleinen Wirbelwinds auf dem Spielfeld dagegen höchst amüsiert zur Kenntnis genommen und ihm zu seiner „Ehrlichkeit“ gratuliert. Jaja, wenn es den eigenen Verein nicht betrifft.
Zunächst kann man nur hoffen, dass sich der ganze Wirbel nun nicht negativ auf die Leistungen des hochtalentierten Youngsters, den viele schon im WM-Kader von Julian Nagelsmann sehen, auswirken wird. Zusätzlich muss man sich nun an der Säbener Straße und im Umfeld von Karl (Michael Ballack!) ernsthaft Gedanken machen, wie man aus dieser Nummer herauskommt.
Die Konsequenzen von Karls „Traumverein“-Aussage
Denn man möchte sich aus Münchner Sicht kein Szenario vorstellen, in dem der FC Bayern in einem CL-Halbfinale oder sogar Endspiel auf Real Madrid trifft und die Gazetten in beiden Ländern im Vorfeld hauptsächlich über Lennart Karls „Traumverein“ berichten. Nicht ganz außer Acht lassen sollte man aber auch, dass bereits der 10-jährige „Lenny“ 2018 ein Probetraining bei den Königlichen absolviert hatte, sich dabei aber final nicht qualifizieren konnte.
Dass durch dieses Fanclubbesuch-Statement ein „irreparabler Schaden“ entstanden sein soll, wie ein FCB-Anhänger befürchtet, sollte reichlich übertrieben sein. Wie bereits erwähnt: Karl kommt nicht aus dem Münchner Umfeld, ist jung und unerfahren. Den gebürtigen Münchnern Aleksandar Pavlović und Josip Stanišić wäre ein solches Statement nie und nimmer passiert, dabei kickte der Deutsche-Kroate zwischenzeitlich sogar in der Jugend für die Löwen.
Der FC Bayern muss nun professionell mit der Situation umgehen: Dass Karl – wenn er sich tatsächlich zum Weltklassespieler entwickeln sollte – irgendwann einmal nach Madrid wechseln wird, ist genauso möglich wie dass er noch eine FCB-Legende werden wird. Manchmal bedarf es dazu aber auch eines Winks des Schicksals: Kaiser Franz Beckenbauer musste dabei als Jugendspieler von 1906 München eine „Watschn“ eines Sechzig-Gegenspielers erleiden, um auf den richtigen Pfad zu kommen…