Gefühlte Krise

Zu viele Baustellen bei Eintracht Frankfurt

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Eintracht Frankfurt kommt nicht vom Fleck in der Fußball-Bundesliga. Über die Gründe der Stagnation bei den Hessen. Eine Analyse.

Frankfurt - Aus gegebenem Anlass, in diesem Fall der bekannte TV-Stammtisch bei Sport 1, hat Markus Krösche noch einmal vor einer breiten Öffentlichkeit skizziert, weshalb Eintracht Frankfurt im Sommer 2023 im vollen Bewusstsein eine Umbruchsaison eingeleitet hat. Viele Leistungsträger hätten sich damals dazu entschieden, den Verein zu verlassen, weshalb sich für den Bundesligisten quasi zwangsläufig die Möglichkeit ergab, „den Kader umzustrukturieren“. Klar war sowieso, dass die Mannschaft dringend verjüngt werden muss, und diesen Prozess hat Krösche konsequent in Gang und umgesetzt. Er hat ein Aufgebot erstellt, in dem viel Fantasie und Gestaltungsmöglichkeiten steckt, das aber eben auch unfertig ist. Es ist eine Gruppe erwachsen, die auf „Mittelfristigkeit und Entwicklung“ ausgelegt ist. Krösches Mantra: „Das braucht Zeit.“ Und: „Schwankungen sind normal.“ Dass es da mal rumpeln könne, sei eingepreist.

Krösches Verantwortung bei Eintracht Frankfurt

Nun ist der Manager eigenem Bekunden nach zwar ein sehr geduldiger Mensch, doch es ist kein Geheimnis, dass er sich gewünscht hätte, der Fortschritt würde sich ein wenig hurtiger einstellen. Mit der aktuellen Interpretation des Fußballs ist der 43-Jährige nicht einverstanden, einen Spielstil, den der TV-Doppelpass sehr treffend als „spaßbefreit“ bezeichnet hat.

Krösche findet das wahrscheinlich nicht so spaßig, doch er ist bei aller Kritik am Auftreten des Teams und der Trainerleistung von Dino Toppmöller der festen Überzeugung, dass der grundsätzlich eingeschlagene Weg der richtige ist. Nur: So langsam solle eine Entwicklung auch sichtbar sein und zum Tragen kommen. Am besten jetzt noch auf den letzten Metern der Saison, dann könnte Platz sechs manifestiert werden – was angesichts eines schweren Restprogramms, aber sechs Punkten Vorsprung auf die Verfolger keine Selbstverständlichkeit ist.

Frankfurter Unsicherheitsfaktor: Eric Junior Dina Ebimbe.

Fans mit Spielweise von Eintracht Frankfurt unzufrieden

Nur zwei Siege aus den sechs verbleibenden Spielen könnten schon reichen. Krösche glaubt an die Qualifikation, auch das schwere Restprogramm schreckt ihn nicht, da sich die Eintracht gegen spielstarke Topteams leichter tue und in diesen Begegnungen nicht als Favorit ins Rennen gehe: „Das sind spannende Wochen. Wir haben nichts zu verlieren, nur etwas zu gewinnen.“ Eine zumindest mal diskussionswürdige These. Denn: Platz sechs zu verlieren, wäre eine herbe Enttäuschung.

Die generelle Unzufriedenheit rund um den Verein hat Markus Krösche natürlich wahrgenommen. Und da geht es weniger um eine etwaige Entfremdung von der Basis (Stichwort Eintracht-Lachs oder Vip-Lounge „Zum Jürgen“) und es hat auch nichts mit einer gestiegenen Erwartungshaltung zu tun, die Sportchef Krösche nach erfolgreichen Jahren ausgemacht haben will. „Das ist so ein bisschen der Fluch der guten Tat“, glaubt der Manager. Doch das trifft nicht des Pudels Kern. Die Schwere, die Torwart Kevin Trapp mit einer „sehr, sehr negativen Wolke“ umschrieben hat, liegt nur an der Performance auf dem Platz. Die behäbige Spielweise stößt den meisten Fans nach Jahren des wuchtigen Powerfußballs bitter auf.

Viele Wechsel bei Eintracht Frankfurt

Auch dafür gibt es Gründe. Zum einen die generelle Veränderung des Spielstils hin zu mehr Kontrolle und weniger Wildheit, womit die junge und heterogene Mannschaft fremdelt. Sie hat ohnehin noch immer nicht so wirklich zueinander gefunden, wird immer wieder mal auseinandergerissen, entweder durch den Afrika-Cup zu Beginn des Jahres, Verletzungen, gerade im zentralen Mittelfeld und im Sturm, oder, ganz aktuell, Sperren wie jenen von Defensivkraft Tuta und Allrounder Eric Dina Ebimbe.

In der Zentrale musste Coach Toppmöller häufig wechseln, erst war Ellyes Skhiri unpässlich und angeschlagen, dann Hugo Larsson – und zuletzt beide. Das ist natürlich nicht optimal. Zumal die anfangs gefeierten Transferaktivitäten im Winter gehörig nach hinten losgegangen sind.

Die beste Eintracht-Elf der Geschichte laut ChatGPT

Oka Nikolov spielte von 1991 bis 2013 bei Eintracht Frankfurt und machte 415 Pflichtspiele für den Club.
Tor: Oka Nikolov spielte von 1991 bis 2013 bei Eintracht Frankfurt und machte 415 Pflichtspiele für den Club. © IMAGO / Ulmer
Manfred Binz spielte 411 Mal für Eintracht Frankfurt und wurde 1988 Pokalsieger.
Abwehr: Manfred Binz spielte 411 Mal für Eintracht Frankfurt und wurde 1988 Pokalsieger.  © IMAGO / Kicker/Liedel
Karl-Heinz Körbel lief fast 20 Jahre für die Eintracht auf und ist mit 602 Spielen Rekordspieler der Bundesliga.
Abwehr: Karl-Heinz Körbel lief fast 20 Jahre für die Eintracht auf und ist mit 602 Spielen Rekordspieler der Bundesliga. ©  IMAGO / Ferdi Hartung
Thomas Berthold absolvierte zwischen 1982 und 1987 121 Spiele für die Eintracht und wurde zum Nationalspieler.
Abwehr: Thomas Berthold absolvierte zwischen 1982 und 1987 121 Spiele für die Eintracht und wurde zum Nationalspieler. © IMAGO / Pressefoto Baumann
Jürgen Grabowski lief in seinen 15 Jahren bei der SGE 545 Mal für den Club auf und gewann zweimal den Pokal sowie einmal den UEFA-Cup.
Mittelfeld: Jürgen Grabowski lief in seinen 15 Jahren bei der SGE 545 Mal für den Club auf und gewann zweimal den Pokal sowie einmal den UEFA-Cup. ©  IMAGO / Werner Otto
Jay-Jay Okocha spielte vier Jahre für Eintracht Frankfurt und verzauberte mit seinen Fähigkeiten am Ball die Fans.
Mittelfeld: Jay-Jay Okocha spielte vier Jahre für Eintracht Frankfurt und verzauberte mit seinen Fähigkeiten am Ball die Fans.  ©  IMAGO / Alfred Harder
Bernd Hölzenbein gewann in seinen 14 Jahren bei der Eintracht den UEFA-Cup sowie dreimal den DFB-Pokal.
Mittelfeld: Bernd Hölzenbein gewann in seinen 14 Jahren bei der Eintracht den UEFA-Cup sowie dreimal den DFB-Pokal. © IMAGO / Laci Perenyi
Uwe Bein machte zwischen 1989 und 1994 182 Spiele für Eintracht Frankfurt und wurde 1990 Weltmeister.
Mittelfeld: Uwe Bein machte zwischen 1989 und 1994 182 Spiele für Eintracht Frankfurt und wurde 1990 Weltmeister. © IMAGO / Claus Bergmann
Tony Yeboah schoss in 156 Spielen für die SGE Anfang der 90er 89 Tore.
Angriff: Anthony Yeboah schoss in 156 Spielen für die SGE Anfang der 90er 89 Tore.  ©  IMAGO / Alfred Harder
Bum-Kun Cha traf 58 Mal in 156 Spielen für Eintracht Frankfurt.
Angriff: Bum-Kun Cha traf 58 Mal in 156 Spielen für Eintracht Frankfurt. © IMAGO / WEREK
Bernd Nickel war 534 Mal im Einsatz für Eintracht Frankfurt und erzielte 178 Treffer. Dreifacher Pokalsieger und einmal UEFA-Cup-Sieger.
Angriff: Bernd Nickel war 534 Mal im Einsatz für Eintracht Frankfurt und erzielte 178 Treffer. Dreifacher Pokalsieger und einmal UEFA-Cup-Sieger. ©  IMAGO / Kicker/Eissner, Liedel
Dietrich Weise führte Eintracht Frankfurt 1974 und 1975 zum Triumph im DFB-Pokal.
Trainer: Dietrich Weise führte Eintracht Frankfurt 1974 und 1975 zum Triumph im DFB-Pokal. © IMAGO / Horstmüller

Wintertransfers von Eintracht Frankfurt hinter den Erwartungen

Das ist einerseits Pech, andererseits hausgemacht. Jean-Matteo Bahoya ist generell als Perspektivspieler für die neue Saison geholt worden, Sasa Kalajdzic hat sich gleich einen Kreuzbandriss zugezogen, und Donny van de Beek ist ein lupenreiner Flop. Da hat Krösche wahrlich danebengegriffen.

Und auch Stürmer Hugo Ekitiké, der mit 20 Millionen Euro der teuerste Transfer der Geschichte wird, konnte bisher die Erwartungen nicht erfüllen, zuletzt fiel er wieder verletzt aus. Krösche glaubt dennoch an das große Potenzial des jungen Franzosen. So oder so: Soforthilfen waren im Winter nicht dabei. Das war anders geplant.

Viel Ballast bei Eintracht Frankfurt

Und aktuell schleppen einige Spieler einen gewissen Ballast mit sich umher. Eric Dina Ebimbe ist unstet, Aurelio Buta schaffte es gar nicht mehr in den Kader, Fares Chaibi ist ein Schatten seiner selbst, Ellyes Skhiri kein Anker, und Ansgar Knauff scheitert regelmäßig an seiner überschaubaren Technik. Gleichwohl: In den Duellen gegen die Spitzenmannschaften mit mehr Raum kann der schnelle Mann ein entscheidender Faktor sein. „Der eine oder andere ist so ein bisschen im Tal und nicht auf seinem besten Level“, sagt Krösche. Das Problem: Viel Zeit ist nicht mehr bis zum Ende der Saison. Da sollte jetzt wieder vieles schnell funktionieren.

Über alle schwebt die Geschichte mit den ruhenden Bällen. Hinten ist die Eintracht inzwischen auffällig anfällig. „In der Hinrunde hatten wir die Probleme nicht, und auf einmal müssen wir jedes Wochenende über ein Standard-Gegentor reden“, rätselt Torwart Trapp.

Die größten Transfer-Flops von Eintracht Frankfurt

Anderson Bamba Ordonez Eintracht Frankfurt sieht sich die Commerzbank Arena an 05 02 2017 Eintr
Platz 10: Anderson Ordonez wechselte im Januar 2017 für 1 Mio. Euro von Barcelona an den Main. Jedoch nicht vom katalanischen Weltklub, sondern vom ecuadorianischen Pendant aus Guayaquil. Nach einem Jahr mit Verletzungsproblemen und nur vier Einsätzen ging es wieder zurück nach Ecuador, wo er bis heute spielt. © imago
Training Eintracht Frankfurt Ali Akman (Eintracht Frankfurt, 30) auf dem Rad. Training von Eintracht Frankfurt am 28. Ju
Platz 9: Ali Akman kam 2019 mit vielen Vorschusslorbeeren und reichliche Drama von Buraspor zur Eintracht. Weil er einen Vorvertrag in Deutschland unterschrieb, ließ Buraspor sein Toptalent für die restliche Vertragslaufzeit nicht mehr auflaufen. Die SGE zahlte ein wenig drauf, Akman kam noch früher. Der Stürmer kann sich aber bis heute nicht durchsetzten. Bis Sommer 2023 ist er an Göztepe ausgeliehen. Bislang ist er noch ohne Torerfolg in der Türkei. Der Durchbruch in Frankfurt wird ihm wohl nicht mehr gelingen. © Kessler/imago
31.10.2020, xjhx, Fussball 1.Bundesliga, Eintracht Frankfurt - Werder Bremen emspor, v.l. Bas Dost (Eintracht Frankfurt
Platz 8: Bas Dost schloss sich für stolze 7 Mio. Euro der SGE von Sporting aus Lissabon an. Nach einem vielversprechenden Start mit drei Treffern in fünf Spielen folgten in seiner Premierensaison nur noch fünf weitere Tore. Nach anderthalb Jahren ging er für 4 Mio. Euro - ein satter Verlust von 3 Millionen. © Huebner/imago
Lucas Alario fotografiert beim Fußball Freundschaft Spiel Eintracht Frankfurt gegen den SV Sandhausen am 2.12..22. in Fr
Platz 7: Für einen ähnlich hohen Betrag (6 Mio. Euro) kam Lucas Alario im Sommer 2022 von Bayer Leverkusen zu Eintracht Frankfurt. Mit nur 200 Spielminuten und nur einem mageren Törchen ist der Argentinier ein großer Flop - eigentlich. Denn noch hat Alario die Chance, das Ruder herumzureißen und sich mit Toren am Fließband aus dieser Liste zu katapultieren. © Schmidt/imago
Nelson VALDEZ F verletzt mit Krücken Fussball 1 Bundesliga 3 Spieltag Eintracht Frankfurt F
Platz 6: Bundesliga-Veteran Nelson Valdez kam 2014 immerhin ablösefrei aus den Vereinigten Arabischen Emiraten an den Main. Doch der Paraguayer riss sich bereits in seiner dritten Partie das Kreuzband. Zum Ende der Spielzeit kam er für acht Einsätze nochmal zurück, eher er die SGE wieder verließ. Immerhin: Bei seinem Comeback gegen Paderborn traf der Angreifer und sorgte für große Emotionen. © imago
Tommy Berntsen 2001 im Trikot von Eintracht Frankfurt
Platz 5: Nur die wenigsten Eintracht-Fans werden sich noch an Tommy Berntsen erinnern. 2001 für die damals schwindelerregende Ablösesumme von rund 1,9 Mio. Euro aus dem norwegischen Lillestrom nach Frankfurt gewechselt, reichte es nur zu drei Kurzeinsätzen in zwei Monaten. Neun Monate lang wurde der Norweger nicht mehr eingesetzt, ehe es wieder in die Heimat ging. © imago
Ümit Korkmaz von Eintracht Frankfurt mit Trainer Armin Veh
Platz 4: Als Toptalent von Rapid Wien für 2,3 Mio. Euro unter Vertrag genommen, konnte Ümit Korkmaz die Erwartung bei der Eintracht nie erfüllen. Zahlreiche Verletzungen verhinderten, dass der Österreicher mal viele Spiele in Folge absolvieren konnte. Dennoch ist der mittlerweile 37-Jährige immer ein gern gesehener Gast in Frankfurt. © imago
11.12.2019, xmhx, Fussball UEFA Europa League, Eintracht Frankfurt - Training und PK emspor, v.l. Dejan Joveljic (Eintr
Platz 3: Mit ähnlich großen Erwartungen schloss sich Dejan Joveljic den Adlerträgern an. Satte 4 Mio. Euro zahlte der Klub 2019 für das hoffnungsvolle Talent an Roter Stern Belgrad. Doch der Serbe setzte sich nie durch. Nach zwei Leihgeschäfte folgte im Sommer 2021 der Schritt nach Los Angeles - ohne je einen Bundesliga-Treffer erzielt zu haben. Mit einer Ablösesumme von 3,5 Mio. Euro konnte zumindest der finanzielle Schaden in Grenzen gehalten werden. © Huebner/imago
15.05.2021, Fussball, Saison 2020/2021, 1. Bundesliga, 33.Spieltag, FC Schalke 04 - Eintracht Frankfurt, Steven Zuber (E
Platz 2: 3 Milo. Euro ließ sich die Eintracht Steven Zuber Kosten. In 23 Einsätzen konnte er sich nicht in die Herzen der SGE-Fans spielen und enttäuschte größtenteils. Sein Leihgeschäft und anschließender Transfer-Deal nach Athen spülten immerhin 2 Mio. Euro wieder zurück in die Kassen der Hessen. © Rehbein/imago
Sam Lammers 9 (Eintracht Frankfurt), Bayer Leverkusen vs. Eintracht Frankfurt, Fussball, 1. Bundesliga, 32. Spieltag, 0
Platz 1: Schon die Rahmenbedingungen des größten Eintracht-Flops aller Zeiten machten stutzig. 3,6 Mio. Euro zahlten die Frankfurter für das einjährige Leihgeschäft von Sam Lammers an Atalanta Bergamo. Der Niederländer wirkt in jeder seiner größtenteils kurzen Einsätze wie ein Fremdkörper im Spiel der SGE. Der völlig überteuerte Leih-Deal wurde zur großen Enttäuschung. Ein anschließender Kauf stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, sodass der Angreifer nach einem Jahr wieder zurück nach Italien gehen musste. © Niemeyer/imago

Eintracht Frankfurt ist zu ungefährlich

Dazu kommt: die fast schon unglaubliche Harmlosigkeit bei eigenen Standards. Die Quote ist absurd schlecht und die mit Abstand mieseste der gesamten Liga. Nur vier Tore in 28 Partien fielen nach ruhenden Bällen, davon ein Strafstoß. Das ist lachhaft.

Und es ist auch ein Grund, weshalb die Eintracht zu viele Unentschieden und zu wenige Siege zu verbuchen hat. Denn enge Spiele gewinnt man auch mal durch ein Standardtor. Die Eintracht nicht. Das ist nicht nur ein Ärgernis, es kann auch ganze Saisonziele in Gefahr bringen.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner

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