Krise des Vizemeisters

Borussia Dortmund: Baustellen ohne Ende

+
In der Kritik: Dortmunds Trainer Edin Terzic.
  • schließen

Nach einem abermals deprimierenden Abend in der Bundesliga stellen sich bei Borussia Dortmund viele Fragen. In der Verantwortung steht nicht allein Trainer Edin Terzic.

Am Ende eines für sie deprimierenden Abends machten sich die BVB-Bosse unsichtbar. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verließ beim 1:1 (1:1) gegen Mainz 05 seinen Vip-Platz bereits Minuten vor dem Abpfiff, was reichlich Raum für Spekulationen ließ, und auch Sportdirektor Sebastian Kehl ließ Trainer Edin Terzic bei der Analyse buchstäblich im Regen stehen. Sechs Spiele in Folge ohne Sieg – der in die Kritik geratene Pokalsieger-Trainer von 2021 liefert mit seinem Kader derzeit Werte eines Abstiegskandidaten ab. Doch wären mit einem Rauswurf des 41-Jährigen alle Probleme gelöst? Mitnichten.

Denn auch die Mannschaft liefert zu wenig ab. „Sie hat den Trainer im Regen stehen lassen“, meinte Sky-Experte Didi Hamann, und nicht erst nach Spielen wie gegen Mainz sei auch die Chefetage gefordert: Sie müsse den Spielern „mal ein paar Takte sagen und zeigen, dass sie Verantwortung haben“.

Das aber scheint nur wenige aus dem kickenden Personal zu interessieren – offenbar ist nur die Champions League die von der Größe her passende Bühne für die überbordenden Egos. „So, wie sie heute aufgetreten sind, gehören sie nicht unter die ersten Vier“, befand Hamann in der Spielanalyse.

Ein Blick auf den Spielplan zeigt es: Bis zum 20. Oktober und dem 1:0 gegen Werder Bremen war die Borussia noch ungeschlagen. Die Gegner hießen Köln, Bochum oder Heidenheim. Dann kamen die Schwergewichte wie Bayern, Stuttgart, Leipzig oder Leverkusen – und mit ihnen ein Punkteschnitt von nur 0,87 aus den letzten acht Partien.

Am Ende reichte es nicht einmal mehr für Siege gegen Augsburg oder Mainz, dafür aber offensichtlich für eine Kabinenmeuterei gegen Terzic – angezettelt angeblich von dessen Ex-Intimus Marco Reus als einer der Rädelsführer.

Aus dem offiziell 28 Spieler umfassenden Profikader hat vielleicht ein halbes Dutzend wirklich abgeliefert, der Rest läuft hinterher, beschäftigt sich mit diversen persönlichen Befindlichkeiten (Donyell Malen) und Respektlosigkeiten (Reus). Das 1:1 gegen Mainz mit Pech zu begründen, weil Jamie Bynoe-Gittens und Marcel Sabitzer in der starken Anfangsphase nur die Latte trafen, ist zu einfach.

Es war auch ein Zeichen von (nicht vorhandener) Qualität und Einstellung, als Sabitzer vor dem Mainzer Ausgleich durch Sepp van den Berg wie ein störrisches Zirkuspferd in Richtung Philipp Mwene trabte und absolut nichts unternahm, diesen an der entscheidenden Flanke zu hindern. Oder als Niclas Füllkrug in Überzahl lieber selber abschloss, statt die besser postierten Bynoe-Gittens oder Malen anzuspielen. Die Liste ließe sich um einige Beispiele erweitern.

Edin Terzic wird den BVB-Bossen beim Jahresendrapport unangenehme Fragen beantworten müssen, wenn es um die Einschätzung einiger Spieler – zum Beispiel Kapitän Emre Can – geht. Und er wird eingestehen müssen, dass über weite Strecken in der Hinrunde eine klare Spielstruktur gefehlt hat.

Seine Mannschaft nimmt er öffentlich aus der Schusslinie, geht lieber in den Durchhaltemodus: „Wir haben bewiesen, auf welchem Niveau wir spielen können“, sagte er am Dienstag wieder mal und verwies auf die vergangene Saison, als der BVB sich in einer ähnlichen Lage befand und letztlich den Gewinn der Deutschen Meisterschaft in der eigenen Hand hatte. Das würde er gerne wiederholen, sagte aber auch: „Wie lange ich hier bin, das entscheide nicht ich. Das entscheiden die Führung und das Ergebnis. Und die Ergebnisse in den letzten Wochen waren einfach nicht gut. Ich kenne meine Verantwortung.“

Mit seinem Treueschwur zu Terzic hat sich Hans-Joachim Watzke in Sachen Trainer eigentlich handlungsunfähig gemacht – mit einem Rauswurf müsste er sich einen Fehler eingestehen. Aber das verträgt Watzkes Ego nicht. Auf der anderen Seite hat er seinen Sportdirektor nicht gestärkt, sondern Sebastian Kehl mit dem Rauswurf von Vertrauensmann Slaven Stanic sogar geschwächt. Auch Kehls Zukunft: ungewiss.

Die Fans waren in dieser Gemengelage nach der schockierenden Leistung in Halbzeit zwei aufgebracht. Es gab wütende Pfiffe und Durchhalte-Support nur vom Kern der Südtribüne. Inzwischen gibt es zwei Lager. Terzic polarisiert: Auf der einen Seite lieben sie seine authentische Liebe zur Borussia und seine offene, empathische Art. Auf der anderen Seite bringt aber gerade die keinen Erfolg. Und nur der zählt. Bezeichnend: Für das Spiel gegen Mainz öffnete sogar eine Tageskasse – in Dortmund fast undenkbar.

Kommentar Seite 21

Kommentare