Russland

Botschafter gegen den Westen

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Die Propaganda-Maschine läuft: Präsident Wladimir Putin hält Hof bei russischen Sportlerinnen und Sportlern. IMAGO/ITAR-TASS
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Der russische Präsident Wladimir Putin nutzt den Sport für seine Wahlkampagne und will der Bevölkerung in Kriegszeiten ein Gefühl der Normalität vermitteln.

Putins Team. Unter diesem Namen versammeln sich in Russland Prominente aus Politik, Kunst und Wissenschaft für die Unterstützung des Präsidenten. Der Sport gehört dabei zu den wichtigsten Feldern. Immer wieder zeigt sich Wladimir Putin bei Kundgebungen mit ehemaligen und aktuellen russischen Athletinnen und Athleten. Der Sport ist Teil einer nationalistischen Kampagne, die am kommenden Wochenende in die Wiederwahl des Präsidenten münden soll.

Da ist zum Beispiel Sergej Kariakin, aufgewachsen in der Ukraine auf der Krim, inzwischen aber stolzer Staatsbürger Russlands. Der Schachspieler Kariakin hatte sich schon mit zwölf Jahren den Titel des Großmeisters erarbeitet. Er gewann Turniere, reiste in andere Länder, galt als Vorbild für die Schach spielende Jugend. Seit 2022 unterstützt Kariakin die Invasion in der Ukraine mit pathetischen Worten. Seine internationale Laufbahn scheint zu Ende zu sein, doch immer wieder ist er Ehrengast bei russischen Nachwuchswettbewerben, und auch in besetzten ukrainischen Gebieten wie dem Donbass.

Oder Wladislaw Larin, großgeworden im äußersten Westen Russlands. Der Taekwondo-Kämpfer gewann bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio Gold. Vor kurzem veröffentlichte Larin ein Video, in dem er um Spenden für das russische Militär warb. Andere erfolgreiche Sportler wie der Ringer Abdulraschid Sadulajew, die jüngst wegen Doping gesperrte Eiskunstläuferin Kamila Walijewa oder der ehemalige Fußballnationalspieler Andrej Arschawin zeigen sich mit Putin auf Großveranstaltungen. Mit solchen Aktionen, die im Staatsfernsehen übertragen werden, will Putin der Bevölkerung offenbar ein Gefühl von Normalität und Einigkeit vermitteln – während in der Ukraine russische Soldaten kämpfen und sterben.

Das Internationale Olympische-Komitee IOC möchte offiziell verhindern, dass die anstehenden Sommerspiele in Paris zu einer Plattform für Putins Botschaften werden. Sportler aus Russland und dem befreundeten Belarus dürfen in Einzeldisziplinen höchstens als „neutrale Athleten“ an den Start gehen. Ihre nationale Symbolik mit Hymnen, Wappen und Flaggen ist untersagt. Eine weitere Bedingung: Die Sportler dürfen in Russland keine Verbindungen zu Militär und Sicherheitsorganen pflegen. Wer den Krieg in der Ukraine unterstützt hat, soll keine Erlaubnis erhalten.

Aber wie lässt sich das prüfen? Gilt die Weiterverbreitung von staatsnahen Inhalten in sozialen Medien bereits als Unterstützung des Krieges? Überdies ist der Spitzensport in Russland eng mit dem Sicherheitsapparat verzahnt. Im Zentralen Sportklub der Armee in Moskau, im ZSKA, trainieren mehr als 10 000 Athleten. Auch Dynamo Moskau mit seiner historischen Nähe zum Geheimdienst spielt eine beachtliche Rolle. Bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking waren 209 russische Athleten vertreten. 34 von ihnen gehörten den Sicherheitsorganen an, 15 davon mit einem Offiziersrang.

Wie in anderen Ländern auch sind Sporttreibende in Russland aus Mangel an privaten Sponsoren auf den Staat angewiesen. Etliche Athleten, die sich der Armee anschließen, bestreiten dort eine Grundausbildung, interessieren sich aber nicht unbedingt für den Dienst an der Waffe. Von den Teilnehmern in Peking gehörten aber auch 13 der Nationalgarde an, der Rosgwardija. Diese Einheit, die Putin direkt unterstellt ist, ist in der Ukraine im Kriegseinsatz und wurde von der EU mit Sanktionen belegt.

Die Haltung in Russland gegenüber internationalen Sportverbänden wie die dem IOC ist nicht einheitlich. Es gibt Sportlerinnen wie die Hochspringerin Marija Lassizkene, Olympiasiegerin von Tokio, die für eine Olympia-Teilnahme gern auf Hymne und Flagge verzichten würden. Und es gibt andere, die diese Auflagen in eine antiwestliche Erzählung einbetten. „Ich würde niemals unter diesen Bedingungen nach Paris reisen“, sagte der Schwimmer Jewgeni Rylow, der in Tokio zweimal Gold gewonnen hatte. Als Unterstützer Putins kommt Rylow aber ohnehin nicht mehr für eine Teilnahme in Frage.

Es ist wahrscheinlich, dass die „neutralen Athlet:innen“ während der Olympischen Spiele in russischen Staatsmedien nicht als neutral dargestellt werden, sondern als Botschafter einer aufstrebenden Großmacht. Damit ziehen sie eine Linie bis in die 2010er Jahre, als Russland zu den wichtigsten Gastgebern des Sports zählte, vor allem mit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi und der Fußball-WM 2018.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Russische Weltmeister und Olympiasieger sind kaum noch international aktiv, sondern treten meist vor wenigen hundert Zuschauern in regionalen Wettbewerben gegeneinander an. Häufig überträgt das Staatsfernsehen diese Veranstaltungen mit großem Aufwand. Mitunter schauen Minister vorbei und halten Reden. Und Banner und Spots werben für die Rekrutierung von Soldaten.

Auch mit Hilfe des Sports will der Kreml die Sanktionen kontern und die russische Selbstbehauptung betonen. Zehn Jahre nach den Spielen von Sotschi beschreiben Politik und Medien das Olympiagelände nicht als überteuerte Umweltsünde, sondern als Freizeitareal für die Mittelschicht. Zudem kündigte Putin den Bau von Trainingszentren außerhalb der Metropolregionen an. Ein Schritt, der Lokalpolitik, Oligarchen und Bauunternehmen in der Provinz zu Gute kommen könnte. Putin ordnete auch die Entwicklung von „alternativen Wettkämpfen“ an. So könnten sich Athlet:innen aus Staaten, die von Russland abhängig sind, öffentlichkeitswirksam von westlichen Organisationen abgrenzen. Auch Paraden und Massenübungen, wie man sie aus der Sowjetzeit kennt, sind denkbar.

Der russische Sport hat sich in kurzer Zeit grundlegend verändert und muss sich – noch mehr als früher – innenpolitischen Zielen unterordnen. Unter medialer Aufmerksamkeit hat das Nationale Olympische Komitee in Moskau die Sportverwaltungen in den besetzten Regionen der Ukraine an sich gebunden. Fußballklubs auf der annektierten Krim wie der FC Sewastopol und Rubin Jalta wurden in den russischen Ligabetrieb eingegliedert. Sportplätze, Hallen und Schwimmbäder im Osten der Ukraine sind vielfach zerstört. Oder sie werden zum Teil von russischen Soldaten genutzt.

Athleten, die sich in diesem gesellschaftlichen Klima kritisch zu Putin äußern, setzen ihre Gehälter, Trainingsplätze und mittlerweile auch ihre Freiheit aufs Spiel. Seit Kriegsbeginn haben rund 250 Leistungssportler Russland verlassen, etliche von ihnen treten nun für Israel, Serbien oder Deutschland an. Internationale Größen wie der Eishockeyspieler Alexander Owetschkin, der seit fast 20 Jahren in den USA lebt, oder der Tennisprofi Andrey Rublev wählen ihre Worte mit Bedacht, womöglich zum Schutz ihrer Familien und Freunde in Russland. Sie sprechen sich für Frieden aus, ohne Putin direkt zu kritisieren.

Wenige Monate vor der Fußball-EM und den Olympischen Spielen ist der russische Einfluss im Weltsport stark zurückgegangen, aber nicht verschwunden. Der Gasmanager Alexander Djukow sitzt noch immer im Exekutivkomitee des europäischen Fußballverbandes Uefa. Im IOC stammen zwei Mitglieder aus Russland: der einstige Tennisspieler Schamil Tarpischtschew und die frühere Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa.

Als Angestellte des Verteidigungsministeriums trägt Issinbajewa den Rang einer Majorin. Sie hatte sich oft mit Putins gezeigt, sie besuchte mit anderen Sportlern russische Soldaten in Syrien und gehörte dem Gremium an, das die Verfassung zugunsten des Präsidenten änderte. Das IOC hat Issinbajewa nicht sanktioniert, doch in Russland gilt sie für viele als Verräterin. Der Grund: Jelena Issinbajewa lebt inzwischen in einer Villla auf Teneriffa.

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