VonJakob Böllhoffschließen
Der bewegte Zweitligist Eintracht Braunschweig hat den Saisonstart verhauen – er kennt es nicht mehr anders
Sie sind den Kummer ja gewohnt an den Hamburger Straße 210 in Braunschweig. Bei einem Verein, dessen Geschichte in eine Zeit zurückreicht, in der Fußball noch als „Fußlümmelei“ oder „Englische Krankheit“ bezeichnet wurde.
Eintracht Braunschweig, gegründet 1895, scheint älter als die Tradition selbst im deutschen Fußball, Gründungsmitglied der Bundesliga 1963 ist die Eintracht, Deutscher Meister 1967, und sie hat, wenn man so will, dem Kommerz ordentlich Vorschub geleistet, indem sie 1973 als erste Mannschaft in Deutschland dauerhaft mit Trikotwerbung auflief. War eigentlich verboten damals, aber die Braunschweiger bedienten sich eines Tricks, der hier und da auch in der Fußballmoderne Wiederklang findet (Servus, Red Bull): Das Logo des Sponsors Jägermeister wurde ins Vereinswappen eingearbeitet.
Sensationeller Klassenerhalt
Vielleicht hätten die Braunschweiger das gelassen, wenn sie geahnt hätten, dass der moderne Fußball es nicht immer so gut meinen würde mit ihnen. Weite Teile der Achtziger-, Neunziger- und Nullerjahre schipperte der ehrenwerte Verein als eine Art Geisterschiff durch die Regionalliga Nord, Abstecher in die Oberliga und die zweite Bundesliga inklusive.
Erst unter dem heutigen Darmstädter Trainer Torsten Lieberknecht gelang es, sich wieder im Profifußball festzukrallen, gipfelnd in der Erstligasaison 2013/14. Danach wieder schwerere See, paar mal runter, paar mal rauf. Seit zwei Jahren dürfen die Braunschweiger sich wieder Zweitligist nennen, und sie setzen alles daran, dass das auch so bleibt.
Womit wir bei der Sache mit dem Kummer wären. Zweimal entkam die Mannschaft dem erneuten Gang in die Drittklassigkeit nur um eine Winzigkeit. In der vergangenen Saison bedeutete die Winzigkeit am Ende eine Welt, weil im Herbst schon fast alles vorbei zu sein schien – abgeschlagener Tabellenletzter. Da übernahm der Trainer Daniel Scherning das Ruder und, was soll man sagen, riss es herum. Dieser Klassenerhalt darf, in der Art und Weise seines Zustandekommens, als größter Erfolg der Eintracht seit dem Bundesligaaufstieg verstanden werden.
Aber so ein Klassenerhalt wird nicht alt. Schon beginnt die neue Saison, und in Braunschweig beginnt sie wie die Saison davor und die Saison davor und die Saison davor, und das ist keine gute Nachricht. Hello darkness, my old friend . Es ist nicht weit entfernt von Fußlümmelei, was Eintracht Braunschweig nun seit mehreren Jahren schon zu Saisonbeginn zeigt, der Fehlstart ist Programm geworden.
In der „Braunschweiger Zeitung“ liest man: „Lediglich in der Drittliga-Saison 2019/20 gelangen zum Auftakt zwei Siege. Ansonsten war in den zwei Jahren darauf ein Unentschieden neben einer Niederlage das höchste der Gefühle. In den weiteren Spielzeiten setzte es zu Beginn je zwei Pleiten.“
Riesiger Umbruch
So lief das auch diesmal: 1:5 zum Auftakt bei Schalke 04, dann ein 1:3 im ersten Heimspiel gegen den 1. FC Magdeburg. Sie kennen es, sie hassen es. Sie wissen damit umzugehen. „Wir haben null Punkte nach zwei Spielen. Das brauchen wir nicht schönzureden“ , sagte Mittelfeldspieler Fabio Kaufmann, „aber es bringt mir jetzt auch nichts, mich hinzustellen und zu sagen: Jetzt können wir aufhören.“
Zumal der Kaderumbruch gewaltig ist, den der kürzlich zum Sport-Geschäftsführer beförderte Ex-Profi Benjamin Kessel bewerkstelligen muss. Da muss sich alles noch zurechtruckeln. Mehr als ein Dutzend Profis haben die Eintracht verlassen (darunter der gute alte Anthony Ujah), genauso viele haben sich ihr angeschlossen (darunter Leon Bell Bell aus Hanau, der einst für Mainz 05 und den FSV Frankfurt spielte).
Es ragen heraus aus dem Kader: der erfahrene Bundesligaverteidiger Ermin Bicakcic, 34, genannt Eisen-Ermin, und der französische Angreifer Rayan Philippe, 24, mit einem geschätzten Marktwert von 1,7 Millionen Euro mit Abstand wertvollster Braunschweiger.
Wohin dieses fortgesetzte Kuddelmuddel diesmal führt? Weiß man ja selbst nicht an der Hamburger Straße 210. Nur so viel: Es wird schon irgendwie aufregend werden.
