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Bundestrainer Nagelsmann: Mitten im Lernprozess

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Vorhang auf für Julian Nagelsmann.
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Julian Nagelsmann sagt: „Wir wuppen das.“ Es ist dem neuen Bundestrainer zuzutrauen, auch wenn viel Arbeit auf ihn wartet. Ein Kommentar.

Wenn die Fotografen bereits in den Morgenstunden neben dem Parkdeck zum Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Frankfurter Stadtteil Niederrad in Stellung gehen, ist ein besonderer Tag angebrochen. Und tatsächlich hat der Verband ja am Freitag seine wichtigste Personalfrage geklärt: Julian Nagelsmann macht den Job als Bundestrainer. Man wird allerdings mal fragen dürfen, warum der in der Türkei entlassene Stefan Kuntz nie wirklich auf die Kandidatenliste rückte, obwohl dessen EM-Titel mit der U 21 von 2017 und 2021 eigentlich für ihn sprechen.

Aber Kuntz ist, obwohl er jünger rüberkommt, eben auch schon 60 Jahre alt. Insofern ist die Entscheidung für Nagelsmann richtig, weil sie auch wirtschaftlich vertretbar ist. Es stecken durch die kurze Laufzeit mehr Chancen als Risiken drin. Der Verband hat aus seinen zu vorzeitigen Vertragsverlängerungen mit Bundestrainern und Bundestrainerinnen gelernt.

Dass der 36 Jahre alte Hoffnungsträger sich seine flapsigen Belehrungen ersparte, ohne an seiner gegenüber Vorgänger Hansi Flick deutlich besseren Rhetorik einzubüßen, war ein Pluspunkt einer durchaus gelungenen Vorstellung. Und ganz nonchalant sagte er zwischendrin: „Wir wuppen das.“ Nagelsmann kennt das Potenzial, das (noch) in der deutschen Nationalelf schlummert, aber er muss natürlich auch die Realitäten anerkennen: Der vierfache Weltmeister ist aktuell nur noch Mittelmaß, steht in der Weltrangliste auf Platz 15 irgendwo zwischen Marokko, Kolumbien und Uruguay.

Und den Rückhalt der Fans muss sich seine Mannschaft erst mühsam erarbeiten. Auch der neue Bundestrainer sollte weiter an sich feilen, um sympathischer rüberzukommen. Noch immer ist zudem der Ballast aus der WM in Katar nicht gänzlich abgetragen, auch wenn der DFB gerade in diesen Tagen den alten Machtapparat von Oliver Bierhoff personell und strukturell zerschlägt.

Joti Chatzialexiou als Bierhoff-Vertrauter wird wohl nur noch die aktuellen Länderspiele der DFB-Frauen begleiten, bis seine Amtszeit als Sportlicher Leiter Nationalmannschaften endet. Und mit Akademieleiter Tobias Haupt ist ein weiterer Intimus des Ex-Direktors kaum mehr sichtbar. Diesem Zirkel trauen die Oberen nicht mehr. Es ist sicherlich diskutabel, auf die Expertise solcher Fachleute zu verzichten, doch eines spricht gegen sie: der Misserfolg der A-Nationalmannschaft, der U21 und der Frauen in diesem Sommer.

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