„Ihn zu manipulieren, ist extrem schwierig – weil er alles kann“: Jörg Butt über Kane, der 29 Elfmeter an Stück verwandelt hat.
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Der letzte Bundesliga-Spieler, der vor Harry Kane neun Elfmeter an Stück verwandelt hat, war Jörg Butt (50). Der Ex-Bayern-Keeper spricht im Interview über damals und heute.
Herr Butt, sagen Sie uns als Experte: Muss man überhaupt noch nervös sein, wenn Harry Kane zum Elfmeter antritt?
Es ist total beeindruckend, was Harry Kane aktuell vom Punkt aus zeigt. In dieser Regelmäßigkeit so zu performen - da kann man nur den Hut ziehen. Wenn ein Elfmeterpfiff ertönt, ist die Wahrscheinlichkeit für ein Tor immer hoch. Aber sich dann immer und immer wieder so zu fokussieren, dass man alles ausblendet – gerade bei Bayern München –, ist nicht ohne.
Ihre Quote lag bei knapp 84 Prozent, Kanes bei über 88. Ist das eine neue Liga?
Die 29 hintereinander sind auf jeden Fall eine eigene Liga, fast einmalig. Aber 88 Prozent als Quote zeigen auch, dass es 100 Prozent nicht geben wird – selbst nicht bei ihm. Auch er hat schon mal wichtige Elfmeter verschossen. Dennoch immer wieder anzutreten, ist eine besondere Qualität. Da geht es um Charakter.
Sie haben in der Liga einst 18 hintereinander verwandelt. Wie ist das inmitten einer Serie: Geht irgendwann der Kopf an?
In meiner HSV-Zeit hatte ich irgendwann so eine Selbstverständlichkeit– da ist man in der Lage, alles auszublenden. Auch wenn man Harry Kane derzeit beobachtet, sieht man immer dasselbe: Es gibt den Pfiff, er nimmt sich die Kugel, legt sich den Ball hin und strahlt aus, dass er sich von nichts um ihn herum beeindrucken lässt. Dennoch ist auch er nur ein Mensch (lacht). Irgendwann wird halt mal einer daneben gehen. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass seine Serie noch lange hält.
Butt sagt: „Kane macht es technisch perfekt“
Haben Sie auch mal verzichtet, weil Sie sich nicht gut gefühlt haben?
In der Saison 1999/2000 haben wir 14 Elfmeter bekommen, ich habe aber „nur“ neun davon geschossen. Wenn man zum Elfmeter antritt, sollte man zu 100 Prozent sicher sein. Deswegen finde ich auch Streitigkeiten am Punkt ganz schlimm. Dann geht es nämlich gerne daneben.
Die Mischung aus Technik und hoher Konzentrationsfähigkeit gilt als Schlüssel. Stimmt bei Kane beides?
Er ist fokussiert und macht es technisch perfekt. Er guckt auf den Torwart, ohne dass man es richtig merkt, hat aber zudem eine Schärfe in der Ausführung, die einmalig ist. Dazu wechselt er: Manchmal sucht er sich eine Ecke aus, manchmal wartet er auf den Keeper. Das macht es als Gegenüber noch schwerer. Als Torwart muss man ja auch eine Entscheidung treffen. Ihn zu manipulieren, ist extrem schwierig – weil er alles kann.
Wie hätten Sie als sein Gegenüber agiert?
Aktuell hätte ich keine Chance, aber vor 15 Jahren hätte ich es mir zugetraut (lacht). Als Torwart sehe ich es gegen ihn als wichtig an, lange stehenzubleiben und ihn zu beeinflussen. Trotzdem: So wie er schießt, ist die Chance relativ gering.
Trainierbar ist vor allem die Schusstechnik, allerdings simuliert Kane auch Spielsituationen. Es gibt im Training sogar einen Pfiff.
Elfmeter sind eine Trainingssache, aber ganz so extrem ging es bei uns nicht zu. Auch die Technik von Harry Kane ist nicht vom Himmel gefallen, er wird schon mehr als 1000 Elfmeter geschossen haben. Sie alle unter Real-Bedingungen zu simulieren, kann nicht schaden. Er bringt sich dann immerhin recht nah an den Zustand, den er auch im Stadion hat.
Butts stärkster Elfmeter-Schütze? „Thomas Müller“
Wie viel Einfluss kann das Äußere nehmen – konkret: Wie viel Unruhe im Kopf könnte am Mittwoch der Celtic Park stiften?
Das nimmt jeder anders wahr. Aber bei mir war es so, dass laute Stadien und gute Stimmung eher die Konzentration gefördert haben. Wenn man in kleinen Stadien einzelne Rufe von außen hört, verunsichert das mehr. Man muss bei der Sache sein. Übrigens auch, was das mediale Umfeld betrifft.
Inwiefern?
Harry Kane nimmt jetzt natürlich auch wahr, dass es um seinen Rekord geht, dass gezählt wird, wie viele er noch hintereinander verwandelt. Und auch er wird wissen: Irgendwann ist es halt mal so weit. Jeder wartet im Grunde darauf, dass er mal verschießt. Dass immer weiter auszublenden, ist eine große Kunst.
Wer war denn eigentlich ihr meist gefürchteter Gegner als Schütze?
Im Training Thomas Müller. Thomas hatte eine unglaubliche Quote am Anfang. Als er aber mal einen verschossen hat, war die 100-prozentige Sicherheit weg. Er hatte die Fähigkeit, auf den Torwart zu achten und im letzten Moment zu entscheiden. Das war schon eine harte Nuss.
Gegen Sie hat kein Keeper zwei Mal gehalten.
Aber mit Richard Golz hatte ich ein Privat-Duell. Er war in Hamburg mein Kollege, ist dann nach Freiburg gegangen – und schon vor dem ersten Spiel gegen ihn liefen die Geschichten zu einem möglichen Elfmeter hoch und runter. Natürlich gab es einen, den ich dann verschossen habe. Im Rückspiel allerdings, als Richard angekündigt hat, „zu 100 Prozent wieder halten“ zu werden, habe ich dann einen verwandelt. Obwohl die Gedanken an das Scheitern vor dem Spiel da waren. Da war es schon besser, wenn man gar nicht nachgedacht hat.
So wie 2009, als Sie Bayern in Turin in der Champions League hielten?
Da war es vor dem Spiel gar kein Thema, dass ich schießen würde. Bastian Schweinsteiger hat mich auf dem Feld nach vorne gerufen. Im Rückblick sage ich gerne, dass das mein wichtigster Elfmeter war. Bei Bayern hat sich nach dem Spiel viel gedreht – wir sind dann ins Finale gekommen.
Was gibt denn eigentlich mehr Glücksgefühle: verwandeln oder halten?
Als Torhüter klar: halten.
Und derjenige, der gegen Harry Kane hält, hat besonders viele Glücksgefühle…
Er dürfte stolz auf sich sein, aber auch da wäre alles abhängig vom Spielstand. Wenn es schon 0:3 steht, ist die Geschichte vielleicht eher klein (lacht).
Interview: Hanna Raif

