Vulkan an der Mercedesstraße brodelt

Warum der Porsche-Deal des VfB in einem Machtkampf mündete

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Beim VfB Stuttgart tobt seit Monaten ein Machtkampf, der rund um den Porsche-Deal ausbrach. Am Sonntag steht die Mitgliederversammlung an.

Stuttgart - Als eine Einheit, so präsentierten VfB-AG-Chef Alexander Wehrle und Präsident Claus Vogt am 27. Juni 2023 das sogenannte Weltmarkenbündnis. Gemeinsam saßen sie bei der anberaumten Pressekonferenz auf dem Podium und verkündeten den Coup. Das Schmankerl des Deals: Mit Porsche und Mercedes bekamen die Schwaben gleich zwei Automobilriesen aus Stuttgart als Investoren unter einen Hut, die obendrein bis dato nicht gerade als beste Freunde galten.

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Claus Vogt als „Störfaktor“ beim VfB Stuttgart?

Nur ein Jahr später ist von dieser vermeintlichen Einheit beim VfB Stuttgart nichts mehr zu sehen. Denn es ist ein Machtkampf ausgebrochen, der sich nach Recherchen von Business Insider bereits vor dem Deal angebahnt hatte. Dabei geht es um die Rolle von Präsident Vogt, der schon 2022 in einen Machtkampf mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger verwickelt war. Hitzlsperger, der dem Präsidenten ziemlich unverblümt Inkompetenz vorwarf, zog den Kürzeren.

Doch die Vorwürfe, die der Meistertorschütze von 2007 in einem offenen Brief veröffentlichte, erinnern an die, die aktuell rund um den Porsche-Deal kursieren. Vogt soll in allen Gesprächen ein „Störfaktor“ gewesen sein, wie der Business Insider aus dem Umfeld des Klubs jetzt erfahren haben will.

Haben inzwischen klare Differenzen: VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle (l.) und Präsident Claus Vogt (r.).

Für VfB-Vorstandsboss Wehrle hat Vogt dem Verein „Schaden zugefügt“

Immer wieder eckt der Präsident an. Ein Beispiel von vielen ist sein Streit mit dem einstigen Aufsichtsrat Christian Riethmüller, der ebenfalls, wie Hitzlsperger, zurücktrat. Man könnte meinen, Vogt setzt sich gegen alle Widerstände durch, doch dafür steht er im Verein inzwischen völlig alleine da. Wie verloren er im Klub agiert, zeigt auch die klare Kommunikation der VfB-AG-Chefs. Wehrle sagte im März 2024 gegenüber der Stuttgarter Zeitung: „Claus Vogt hat dem VfB leider in den letzten Wochen großen Schaden zugefügt.“

An seinem Amt hält Vogt trotzdem fest, obwohl er mittlerweile sogar den Rückhalt der Fans verloren hat. Dabei war der Support aus der Kurve einst sein Faustpfand. Längst ist er für die Anhänger ebenfalls ein Buhmann, wenn auch nicht der einzige. Vor allem werfen sie Vogt vor, dass er in einem Schriftstück zugesichert hatte, das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden abzugeben. Dies soll Voraussetzung von Porsche für den Investoreneinstieg gewesen sein. Eigentlich hätte sich Vogt wohl komplett aus dem Gremium zurückziehen sollen, doch dem verweigerte er sich. Immerhin hätten ihn die Mitglieder gewählt, weshalb ihm die Entscheidung nicht obliege, lautete sein Argument.

„Tischtuch zwischen Vogt“ und VfB-Fans ist „zerschnitten“

Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass Vogt ahnte, eine Veränderung seiner Funktion, ohne die Mitglieder zu befragen, könnte für Ärger sorgen. Doch dafür hat letztlich bereits sein Versprechen gegenüber Porsche ausgereicht, den Aufsichtsratsvorsitz abzugeben. „Das Tischtuch zwischen Vogt und uns ist zerschnitten und es wird auch nie wieder ein neues geben! Chaos und Verrat müssen enden! Vogt raus!“, stand im April auf einem Banner in der Cannstatter Kurve. Vogt wehrte sich nochmal, aber am Ende übernahm Tanja Gönner den Aufsichtsratsvorsitz.

VfB-Fans fordern wiederholt den Rücktritt von Präsident Claus Vogt und Rainer Adrion. Es war eines von zahlreichen Transparenten.

Doch was ist eigentlich das Problem daran, dass Vogt den Platz an der Vereinsspitze räumte? Für viele Mitglieder wurde damit das Versprechen gebrochen, das ihnen im Jahr 2017 bei der Ausgliederung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft gegeben wurde. Nämlich, dass der von den Mitgliedern gewählte Präsident des e.V. gleichzeitig das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der AG innehaben wird.

Ein für viele VfB-Fans immens wichtiges Versprechen wurde gebrochen

Wie wichtig dieses Anliegen der aktiven Fanszene ist, dürfte Vogt getrost unterschätzt haben. Und die AG-Bosse? Die sollen nach Informationen unserer Redaktion das Versprechen, das Ex-Präsident Wolfgang Dietrich übrigens gab, gar nicht auf dem Schirm gehabt haben. Einen Strick kann man ihnen daraus nicht drehen, schließlich sind sie streng genommen für die Belange des e.V. nicht zuständig.

Bleibt jedoch die Frage, ob in Sachen Rückzug aus dem Aufsichtsrat Druck auf Vogt ausgeübt wurde. Dem Bericht des Business Insiders zufolge gibt es dazu verschiedene Versionen, was angesichts unterschiedlicher Interessen wenig verwunderlich ist. Auch die Wahrnehmungen, was darunter konkret zu verstehen ist, dürften auseinander gehen. Allerdings stand für den VfB ein für die Bundesliga einmaliger Investorendeal auf dem Spiel. Für die Vorstellung, dass es in Gesprächen zwischen den AG-Bossen und dem Präsidenten nicht gerade zimperlich zuging, braucht man also eine nicht allzu große Fantasie.

Das sind die zehn teuersten VfB-Abgänge der Vereinsgeschichte

Gregor Kobel war auch beim VfB Stuttgart schon ein sicherer Rückhalt.
Gregor Kobel war auch beim VfB Stuttgart schon ein sicherer Rückhalt. Er wechselte 2021 für 15 Millionen Euro zum BVB.  © Pressefoto Rudel/Robin Rudel via www.imago-images.de
Ehemaliger VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic (r.) bedankt sich bei Borna Sosa für die Vorlage.
Ex-VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic (r.) war vor allem kopfballstark. Für 18 Millionen Euro ging es im Sommer 2022 zu den Wolverhampton Wanderers. © Wolfgang Frank/Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de
Serhou Guirassy applaudiert dem Publikum.
Ebenfalls für 18 Millionen Euro ging 28-Tore-Mann Serhou Guirassy im Sommer 2024 – aber zum BVB.  © IMAGO/Pressefoto Rudel/Herbert Rudel
Konstantinos Mavropanos war beim VfB Stuttgart für seinen Offensivdrang bekannt.
Konstantinos Mavropanos war beim VfB Stuttgart für seinen Offensivdrang bekannt. Er wechselte 2023 für 20 Millionen Euro zu West Ham United. © IMAGO/CB
Endo zeigt sich bei seinen Zielen ambitioniert.
Fanliebling Wataru Endo träumte von der Premier League und wechselte deshalb 2023 für 20 Millionen Euro vom VfB zum FC Liverpool.  © Foto: Getty Images
Der Abschied von Waldemar Anton ist ein schlechtes Signal für den VfB Stuttgart.
Der Abgang tat der VfB-Fanseele ebenfalls weh: Anton verließ im Sommer 2024 Stuttgart für 22,5 Millionen Euro in Richtung Dortmund.  © IMAGO/Markus Fischer
Hier wirbelte er noch im VfB-Dress: Nicolas Gonzalez.
Nicolas Gonzalez zog es 2021 vom VfB zur AC Florenz, dafür zahlten die Italiener 23,5 Millionen Euro.  © Hansjürgen Britsch/Imago
Hiroki Ito wechselte vom VfB Stuttgart zu den Bayern.
Hiroki Ito wechselte im Sommer 2024 vom VfB Stuttgart zu den Bayern. Ihn ließ sich der FC Bayern München 23,5 Millionen Euro kosten. © Frank Hoermann / SVEN SIMON/IMAGO
Mario Gomez erzielte für den VfB Stuttgart in der Saison 2008/09 24 Tore.
Mario Gomez wechselte 2009 für eine Ablöse zwischen 30 und 35 Millionen Euro zum FC Bayern München.  © imago sportfotodienst
Benjamin Pavard wechselte vom VfB Stuttgart zum FC Bayern München.
Mit Benjamin Pavard verpflichteten die Bayern 2019 für 35 Millionen Euro einen Weltmeister vom VfB Stuttgart. © Pressefoto Rudel/Robin Rudel via www.imago-images.de

Bei der Mitgliederversammlung geht es um die Zukunft von VfB-Präsident Vogt und Rainer Adrion

Doch fordert der Machtkampf weitere personelle Konsequenzen? 13 Monate und einen Tag nach der Verkündung des Weltmarkenbündnisses könnte es so weit kommen. Dann steht ausgerechnet in der Porsche-Arena die Mitgliederversammlung an und die Anhänger entscheiden per Wahl über die Zukunft von Vogt und Präsidiumsmitglied Rainer Adrion. Letzterer will nur bei einer Zustimmung von mindestens 50 Prozent im Amt bleiben, während Präsident Vogt keine voreilige Entscheidung treffen möchte.

Stattdessen verwies er gegenüber der Stuttgarter Zeitung auf die für seine Abwahl nötigen 75 Prozent und sagte: „Ich werde mich nicht im Voraus öffentlich zu potenziellen Entscheidungen äußern. Die Mitgliederversammlung ist das höchste Organ unseres Vereins und auf dieser möchte ich zu den Argumenten der Mitglieder, die für eine Abwahl meiner Person sind, vollumfänglich Stellung beziehen und Klarheit schaffen. Ich möchte die Mitglieder auf der Mitgliederversammlung überzeugen, dass wir unseren seit Jahren erfolgreichen Weg weiter zusammen gehen sollten – dafür braucht es Offenheit, Selbstkritik und Transparenz“ All das wolle er am Sonntag (28. Juli) einbringen.

Rubriklistenbild: © Michael Weber IMAGEPOWER/IMAGO

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