VonChristopher Michelschließen
Deutschlands EM-Traum endete abrupt durch ein umstrittenes Handspiel. Die Entscheidung des Schiedsrichters sorgt auch Tage später für hitzige Debatten.
Stuttgart - Die Europameisterschaft endete für Deutschland abrupt am vergangenen Freitag in Stuttgart, als Spanien in der Nachspielzeit das entscheidende Tor erzielte. Besonders die 106. Minute bleibt im Gedächtnis: Jamal Musiala schoss auf das spanische Tor, doch der Ball traf die Hand von Marc Cucurella.
Cucurella blieb nach seinem Handspiel „ruhig“
Die ersten Zeitlupen wurden auf der Pressetribüne gezeigt. Alle erwarteten, dass Schiedsrichter Anthony Taylor sich die Szene am TV-Gerät ansieht und auf den Elfmeterpunkt zeigt. Doch zur Überraschung aller ließ Taylor nach kurzer Rücksprache mit dem VAR das Spiel weiterlaufen. Je öfter die Bilder gezeigt wurden, desto unverständlicher wurde diese Entscheidung.
Anstatt sich mit einem „Sorry“ an die deutsche Öffentlichkeit zu wenden, versuchte man im Nachhinein, die Szene zu rechtfertigen. Cucurella, der Linksverteidiger, wird im Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich im Fokus stehen. Bei einer Pressekonferenz sagte er: „Der Ball hat meine Hand getroffen, aber ich war ruhig, als ich den Schiedsrichter sah. Wenn die Experten sagen, dass es kein Handspiel war, ist es kein Handspiel.“
Sorry von Cucurella? Von wegen!
Cucurella drehte den Spieß um und sagte lachend: „Ich verstehe, dass es eine etwas fragwürdige Aktion ist. Aber ich denke, wenn Deutschland gewonnen hätte, hätten wir nicht darüber gesprochen. Wir hätten uns auch darüber beschweren können, dass Toni Kroos nicht des Feldes verwiesen wurde.“ Es ist wahr, dass der Weltstar des DFB-Teams großes Glück hatte, nicht früher eine Gelbe Karte zu sehen. Aber hätte Kroos dann weiter so aggressiv gespielt? Bei seiner Erfahrung ist das fraglich.
Warum nicht zugeben, dass es ein Fehler war, der versuchte, das Ausscheiden zu verhindern? Fehler sind menschlich. Anstatt Klarheit zu schaffen und den Fehler klar zu benennen, verteidigen einige Schiedsrichter die Entscheidung. Experte Michael Ballack sagte bei Magenta TV: „Ein klareres Handspiel gibt es nicht.“ Patrick Ittrich entgegnete: „Die Sachlage ist in der Tat so, dass der Schiedsrichter sachlich und unemotional entscheiden muss. Wir haben einen Ermessensspielraum im Fußball.“
Rosetti zeigte vor Turnierbeginn das Beispiel Lukeba
Vor dem Turnierbeginn ordnete UEFA-Schiedsrichter Roberto Rosetti die Handspielregel ein. Als Beispiel diente eine Szene, in der der Ball den in einer natürlichen Position gehaltenen Arm von Leipzigs Oastello Lukeba traf, nachdem Manchester City einen Angriff abgeschlossen hatte. Laut Rosetti war dies „niemals ein Elfmeter“. Wer sich die Szenen genau ansieht, erkennt jedoch schnell Unterschiede in Bezug auf Distanz und Armhaltung von Lukeba.
Warum stellte sich der umstrittene Taylor nach dem Spiel nicht den kritischen Fragen der Journalisten? Er hätte seine Entscheidung klar erklären und sich auf Rosettis Aussagen beziehen können. War Taylor vielleicht nicht vollständig von seiner Entscheidung überzeugt? Das Thema Handspiel ist seit langem ein Streitpunkt unter den Fans. Wo ist die klare Linie? Warum ist in einigen Szenen ein „Pulsschlag“ entscheidend, bei Cucurella aber nicht?
„Ermessensspielraum“: Wie weit darf er gehen?
Der „Ermessensspielraum“ macht die Entscheidung noch schwieriger. Auch das Fachmagazin kicker bezieht sich auf diesen bei der Bewertung des Schiedsrichters. Das bedeutet: Wenn Slavko Vinčić im Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich bei einer ähnlichen Situation auf den Elfmeterpunkt zeigt, wird es wieder heißen: Ermessensspielraum. Es ist ein Begriff, der eine Bewertung fast unmöglich macht.
Die internationale Presse, insbesondere die Italiener, bedauerten Deutschland. Die Gazetta dello Sport schrieb: „Taylor, du schon wieder! Für Mourinho war es ‚eine Schande‘, dieses Mal macht er Spanien ein Geschenk. Und der VAR?“ Auch die Tuttosport schrieb: „Merino, Held für Spanien in der Verlängerung: Deutschland k.o.! Der sensationelle Fehler von Taylor belastet den Spielverlauf, da er ein klares Handspiel von Cucurella im spanischen Strafraum nicht sanktionierte.“
Warum hat Taylor sich die Szene nicht angesehen?
Die spanischen Medien feierten nur ihr Team, ein „lo Siento“ war nicht zu lesen. Ist das sportlich fair, trotz berechtigter Freude über das Weiterkommen? Übrigens: Wie die „Daily Mail“ berichtet, wird Taylor bei diesem Turnier in Deutschland kein Spiel mehr pfeifen. Liegt das daran, dass England noch im Turnier ist oder daran, dass die Szene auch intern bei den Regelhütern kontrovers diskutiert wurde?
Die entscheidende Frage bleibt: Warum hat Taylor sich nicht die Zeit genommen, sich die Bilder noch einmal in Ruhe und mit kühlem Kopf anzusehen? Ittrich sagte: „Ich habe nur gesagt, dass der Videoassistent da nicht reingehen kann. Er muss Bilder liefern, die den Schiedsrichter von dem überzeugen, was er gesehen hat, oder eben nicht.“ Hier spekuliert der Bundesliga-Schiedsrichter. Wie kann Ittrich wissen, was Taylor gesehen hat? So wird der VAR immer in der Kritik bleiben. Das Handspiel von Cucurella wird zumindest in Deutschland noch lange nachwirken.
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