VonJan Christian Müllerschließen
Warum der Fußball-Zweitligist Darmstadt 98 zum Heimspiel gegen den FC Schalke 04 mit Sondertrikots aufläuft, zur Wahl aufruft und die Plattform X meidet.
Zweifellos ist die Begegnung am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) gegen Schalke 04 von einiger Bedeutung. Denn Erstligaabsteiger Darmstadt 98 muss nach einer nun schon mehr als zweimonatigen Sieglosserie plötzlich aufpassen, nicht auch noch direkter Zweitligaabsteiger zu werden. Vom nächsten Gegner und von der Spvgg. Greuther Fürth – vormals kaum mit dem Fernglas im Rückspiegel erkennbar – sind die Südhessen in der Tabelle bereits überholt worden. Der Relegationsplatz ist nur noch fünf Punkte entfernt.
Umso beachtlicher, dass die Lilien auch in der sportlichen Krise ihre Haltung nicht vergessen. Gegen Schalke werden die Profis in Sondertrikots auflaufen. Unter dem Motto „Demokratie wählen. Gegen Ausgrenzung und Rassismus“, ruft der Verein dazu auf, von demokratischen Rechten Gebrauch zu machen und sich an der am selben Tag stattfindenden Bundestagswahl zu beteiligen. Sogar nach Spielschluss um kurz vor halb vier bliebe dafür ja noch Zeit genug.
Klares Statement
Von Klubseite heißt es: „Als eingetragener Verein, dessen satzungsgemäßer Vereinszweck lautet, als verbindendes Element zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Religionen sowie Menschen mit und ohne Behinderung zu wirken, wünscht sich der SV 98, dass sich möglichst viele Menschen an dieser Wahl beteiligen und ihre Stimme abgeben.“ Ausdrücklich wird keine Partei erwähnt, aber die Botschaft ist unter Verweis auf die Satzung deutlich: „Der Verein tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen.“ Die Folge: „Demokratie, Toleranz und Respekt sind für uns unverhandelbar. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen ist es wichtiger denn je, sich für Geschlossenheit und ein gutes Miteinander einzusetzen. Wir rufen daher alle Menschen dazu auf, ihre Stimme für eine offene, demokratische Gesellschaft zu nutzen.“
Die von den Profis gegen Schalke getragenen Sondertrikots werden im Anschluss an die Partie versteigert. Die Erlöse kommen dem Projekt Lernort Stadion „Bölle macht Bildung“ zugute, einer Aktion, bei der Schulklassen zu Gast am Böllenfalltor sein können, um über Demokratie zu diskutieren und die verbindende Wirkung des Sports hautnah zu erleben.
Rote Linie
In das Bild der Haltung, das Darmstadt 98 nach außen abgibt, passt auch der Austritt aus Elon Musks Plattform X zum Beginn der Rückrunde. Begründung: „Wir haben die Entwicklung der Plattform in der jüngeren Vergangenheit sehr genau und kritisch verfolgt. Und dabei auch mit uns gerungen, ob unsere Präsenz auf X noch vertretbar ist. Gerade mit den Entwicklungen in den vergangenen Wochen wurden für uns aber rote Linien überschritten, die nicht mehr mit unseren Werten vereinbar sind. Wir möchten nicht mehr auf einer Plattform auftreten, welche in ihrer Gesamtheit immer mehr in die rechtspopulistische Ecke abdriftet und mittlerweile sogar versucht, aktiv den Wahlkampf der nahenden Bundestagswahl zu beeinflussen.“
Auch das soziale Engagement des Zweitligisten ist beachtlich. Im November veranstaltete Darmstadt 98 zum zweiten Mal eine „Nacht für mehr Menschlichkeit “ im Stadion am Böllenfalltor, um auf die Situation der 1264 Obdachlosen in der Stadt aufmerksam zu machen.
