VonJan Christian Müllerschließen
Eine wundersam holprige Profifußballkarriere findet ihren vorläufigen Höhepunkt.
Die Nacht war schon fast angebrochen, als Maximilian Mittelstädt vom kundigen DFB-Pressemann vor die Medien geschoben wurde. Der Verteidiger hatte zuvor noch nicht mal mehr Zeit gefunden, seine Haare sorgsam zu gelen. Sie lagen einfach platt auf dem Kopf herum.
Die Geschichte von Maximilian Mittelstädt gehört zu den fürwahr wundersamsten Erzählungen des deutschen Fußballs. So unstet die Karriere des mit 27 Jahren nicht mehr ganz taufrischen Linksfußes verlaufen ist, so unvorhersehbar verlief auch sein zweites Länderspiel, diesmal gegen die Niederlande. Es begann mit einem folgenschwerem Fehlpass, in dessen Folge Deutschland bereits nach vier Minuten 0:1 zurücklag. Mittelstädt verzichtete der Einfachheit halber darauf, sich großartig zu grämen und drosch den Ball ein paar gelungene Stafetten später humorlos zum 1:1 in den Winkel.
Nur 500 000 Euro Ablöse
Hinterher dozierte er in einem Sprechtempo, das sich offenbar seinem Spieltempo anpasst: „Ich glaube, ich habe in den letzten Monaten genug Selbstvertrauen getankt, um so eine Situation abzuschütteln und mich davon nicht verunsichern zu lassen. Vielleicht wäre es in der Vergangenheit noch anders gewesen und hätte meinem Spiel mehr geschadet.“
Das wäre in der Tat anzunehmen gewesen. Und genau hier bekommt das Märchen von Maxi Mittelstädt diesen entscheidenden Twist der Unvorhersehbarkeit mit einem zumindest vorläufigen Happy End. Denn im vergangenen Sommer wechselte ein ziemlich verunsicherter Absteiger von Hertha BSC für die lächerliche Ablöse von 500 000 Euro zum VfB Stuttgart. Die Experten fragten sich, was, um Himmels willen, die ja ebenfalls zuvor arg gebeutelten Schwaben mit so einem anfangen sollten?
Denn Maxi Mittelstädt hatte zuvor für die Hertha nur sehr unregelmäßig mitmachen dürfen. Er war meistens nicht gut genug für eine Mannschaft, die nicht gut genug für die erste Liga war. Man kann das im Portal von transfermarkt.de genau nachlesen. Erstaunliche 14 Mal hockte der gebürtige Berliner gesund auf der Ersatzbank, ohne auch nur eine einzige Minute zum Einsatz zu kommen. Regelmäßig wurde ihm der bei der WM 2018 noch zur deutschen Startformation gehörende Marvin Plattenhardt vorgezogen. Der vormalige Hertha-Kapitän hat - Ironie des Schicksals - nach dem Abstieg keinen Verein mehr gefunden hat. Mittelstädt ist jetzt gefeierter Nationalspieler und angehender Champions-League-Teilnehmer.
Julian Nagelsmann kriegte sich gar nicht wieder ein, als er nach dem Linksverteidiger befragt wurde. „Das Beste ist: Er ist ein völlig normaler Typ, ein unfassbar lieber Kerl, immer sehr freundlich.“ Und dann beschrieb der Bundestrainer das Gesehene aus seiner Sicht: „Der macht hier einen Fehler, geht nach vorne und donnert das Ding aus 18 Metern in den Winkel. Der Fehler passiert, aber die Reaktion ist der allerwichtigste Marker, damit ist er top umgegangen. Jetzt muss er weitermachen und auf Sebastian Hoeneß hören, dann bin ich zuversichtlich, dass er hier auch im Sommer wieder so aufdribbelt.“
Das wäre für die deutsche Mannschaft in der Tat hilfreich. Der Hochgelobte findet: „Wir haben eine sehr Teamchemie und verstehen uns alle sehr gut. Man hat gesehen: Auch die draußen saßen, haben sich mega gefreut, auch für mich.“ Da spricht einer aus der Erfahrung des Bundesligaabsteigers. Es sei von immenser Bedeutung, dass „du draußen Spieler hast, die brennen und gute Stimmung ins Team bringen. Das ist auch für diejenigen, die spielen, total wichtig.“
