Interview vor dem Madrid-Derby

DAZN-Kommentator Platte: „Irgendwann ist es Vinícius zu viel!“

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Spitzenspiel in Spanien, Tabellenführer gegen Verfolger: Real Madrid gegen Atlético! DAZN-Kommentator Jan Platte im Interview vor dem „Derbi madrileño“.

München – Am Samstagabend (21 Uhr, live bei DAZN) kommt es im Estadio Santiago Bernabéu zum Spitzenspiel in LaLiga: Real Madrid empfängt Atlético zum Stadtderby. Vor dem 23. Spieltag könnte die Ausgangslage in der spanischen Primera División spannender nicht sein: Real führt die Tabelle mit 49 Punkten an, gleich dahinter kommt Atlético mit 48 Zählern. Der FC Barcelona folgt mit 45 Punkten auf Rang drei.

DAZN-Kommentator Jan Platte spricht vor dem „Derbi madrileño“ im Interview mit fussball.news/absolut.fussball, dem Fußball-Portal von IPPEN.MEDIA, über die Ausgangslage beider Klubs, Real Madrids vierseitigen Schiedsrichter-Brandbrief, Vinícius Júnior und Kylian Mbappé sowie einen möglichen Transfer von Joshua Kimmich. Zudem gibt der Experte eine Prognose für das Champions-League-Duell zwischen Manchester City und Real Madrid ab.

fussball.news: Herr Platte, seit 2016 konnte Atlético keinen Sieg mehr im Estadio Santiago Bernabéu einfahren. Schafft Diego Simeone mit seiner Truppe endlich mal wieder einen Auswärtssieg gegen Real Madrid oder wird die Mannschaft von Carlo Ancelotti ihrer Favoritenrolle gerecht?
Jan Platte: Real Madrid zu Hause, da fährt keiner hin und nimmt ihnen diese Favoritenrolle. Aber Atlético hat wettbewerbsübergreifend 19 der letzten 21 Spiele gewonnen. Sie sind das Team der letzten Monate und im Gegensatz zu Real Madrid aktuell komplett verletzungsfrei. Bei Real Madrid fallen Antonio Rüdiger und David Alaba aus. Nach dem Abgang von Nacho haben sie keinen Ersatz geholt, der auf so gut wie allen Positionen hinten aushelfen kann. Sie spielen mutmaßlich in der Viererkette mit Lucas Vázquez, Aurélien Tchouaméni, Raúl Asencio und Ferland Mendy. Aber das weiß eben auch Diego Simeone, der es bis Dezember 2024 auch noch nicht geschafft hatte, in seiner fantastischen Trainerkarriere in Barcelona zu gewinnen. Genau das ist aber am 21. Dezember passiert, weil sie aus ihren sehr, sehr wenigen Möglichkeiten das Maximum rausgeholt haben. Atlético ist in der Lage, in großen Spielen Widerstände zu überwinden, sie mögen die Außenseiterrolle. Ich traue ihnen einiges zu. Deswegen stehen die Chancen bei 50,1 für Real und 49,9 für Atlético.
Vor dem 23. Spieltag beträgt der Vorsprung Real Madrids auf Atlético gerade mal einen Punkt. Kann das Derbi madrileño bereits die Meisterschaft vorentscheiden oder bleibt es bis zum Ende spannend?
Ich sehe tatsächlich die beiden Madrider Klubs als die Kandidaten für Platz eins und zwei. Und deswegen ist dieses Duell richtig wichtig, auch wenn es danach noch 15 weitere geben wird und sie sehr, sehr lange aneinanderhängen können. Wenn Atlético es schafft, gegen Real Madrid zu siegen, dann spricht in Sachen Meisterschaftsmomentum doch wieder eine ganze Ecke mehr für Atlético. Zumal man im Hinterkopf behalten muss, dass Atlético bereits sicher im Champions-League-Achtelfinale steht, während Real Madrid in den Playoffs erst noch gegen Manchester City ranmuss. Atlético hat in dieser Saison nicht den Hang dazu, um einzubrechen. Sie sind das Team, das am meisten bei sich ist und im Gegensatz zu Barcelona und eben auch zu Real Madrid ganz wenig Störgeräusche hat.
Der FC Barcelona startete mit seinem neuen Trainer Hansi Flick stark in die Saison, baute zwischenzeitlich aber ab. Hat Barça noch realistische Chancen auf den Meistertitel?
Ich würde einen Teufel tun und sie rausnehmen aus diesem Meisterrennen. Bei der Qualität, die der FC Barcelona besitzt, kann er nochmal einen ähnlich erfolgreichen Lauf wie zu Saisonbeginn starten. Lass sie mal zehnmal in Folge gewinnen... Es ist aber so, dass dieses Team, das auf so vielen Positionen noch so wahnsinnig jung ist, noch ganz natürliche Entwicklungsschritte gehen muss. Man hat zwar den erfahrenen Robert Lewandowski, doch dieser ist auch nicht in dieser Form, um Barça im Alleingang zur Meisterschaft zu schießen. Deswegen hängt so viel an Spielern wie Lamine Yamal oder Raphinha. Aber klar, Barça schreibe ich nicht ab.

Jan Platte: DAZN-Kommentator und Spanien-Experte

Jan Platte ist seit Jahren fester Bestandteil des Streamingdienst DAZN. Ob am Freitagabend beim Bundesliga-Spiel in der Münchner Allianz Arena oder als Spanien-Experte beim „El Clásico“ zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, Platte ist bei DAZN für die großen Spiele oftmals die erste Wahl.

Die Schiedsrichterentscheidungen schlagen in Spanien mal wieder hohe Wellen. Vor allem Real Madrid echauffiert sich immer wieder. Nach dem 0:1 gegen Espanyol hat Real einen vierseitigen Brandbrief veröffentlicht und damit einen „Protest gegen das Schiedsrichtersystem“ eingelegt. Man spricht von einer „Doppelmoral der Schiedsrichter gegenüber Real Madrid“, das System habe sich als „von innen heraus korrupt erwiesen“. Hat Real Madrid recht?
Es ist eine ganz toxische Geschichte, die so richtig losgetreten wurde in den letzten Jahren durch den FC Barcelona und den Fall Negreira und die Millionenzahlungen an den Vizepräsidenten des spanischen Schiedsrichterkomitees. Im aktuellen Fall kann ich die Sicht von Real Madrid verstehen, weil Carlos Romero nach seinem Einsteigen in die Kniekehle von Kylian Mbappé klar vom Platz gestellt gehört hätte. Dass der Videoschiedsrichter nicht eingegriffen und dem Schiedsrichter gefunkt hat, sich die Szene nochmal anzuschauen, ist ein Skandal. Dann schießt der Spieler, der eigentlich nicht mehr auf dem Platz stehen dürfte, das Siegtor, das bringt Real nochmal mehr auf die Palme. Letztendlich schadet die Diskussion aber allen. Wobei man eben auch nicht vergessen darf, dass Real Madrid sie immer wieder befeuert. Der gegenseitige Verfolgungswahn von beiden großen spanischen Klubs, Barça und Real, ist jedenfalls so alt wie die Liga.
Jemand, der im „Derbi madrileño“ – auch bei den Schiedsrichtern – mal wieder im Fokus stehen wird, ist Vinícius Júnior. Der Brasilianer wird immer wieder angefeindet und provoziert und fiel zuletzt erneut durch unsportliches Verhalten negativ auf. Nach seiner Roten Karte in Valencia wurde er für zwei Spiele gesperrt, auch in der Champions League musste er eine Gelb-Sperre absitzen. Wird Vinícius sogar zum Problem für Real Madrid?
Es gab in den letzten Jahren auch immer wieder Szenen, da dachte ich, er tickt aus, ist aber dann plötzlich ganz cool geblieben. Aber irgendwann ist es ihm eben zu viel. Ich will ihn gar nicht verteidigen und als sein Anwalt auftreten, aber wir wissen nicht genau, was er auf dem Platz zu hören bekommt. Auch Zinédine Zidane oder anderen Spielern ist es so ergangen, auch sie wurden häufig provoziert und sind deshalb mal vom Platz geflogen. Viele Leute, die ich kenne, sagen, sie können Vinícius nicht mehr ertragen. Das ist auch verständlich. Auch ich finde, seine Schwalben und sein Meckern sind manchmal zu viel. Letztendlich ist er aber der beste Linksaußen der Welt – mit Abstand! Und wenn er es schafft, sich auf Fußball zu konzentrieren, ist er nicht aufhaltbar. Wird er zum Problem? Ich weiß nicht. Wie wären wir, wenn wir Profis wären und uns immer wieder etwas anhören müssten? Wir haben vielleicht die Idealvorstellung, wie er sich zu verhalten hat, dass er 90 Minuten alles schlucken muss und nur Fußball spielen sollte. Aber wer kann das? Die wenigsten!
DAZN-Kommentator Jan Platte spricht über das „Derbi madrileño“ zwischen Real und Atlético.
Die spanische Sportzeitung Marca konstatierte zuletzt: „Der Aufschwung von Mbappé fällt mit der Vollbremsung bei Viní zusammen.“ Ist Mbappé bereits bei Real Madrid angekommen oder braucht er weiter Anpassungszeit? Cristiano Ronaldo sprach nun davon, Mbappé wisse nicht, wie man als Stürmer spiele und Real Madrid müsste ihm das erst beibringen. Ronaldo erinnerte dabei an sich selbst, denn auch er begann auf dem Flügel und wanderte ins Zentrum.
Kylian Mbappé entwickelt sich gut für den doch recht holprigen Anfang. Bei Real Madrid ist der Druck dann doch nochmal größer als bei anderen Vereinen. Und das ist eine Findungsphase, durch die Mbappé geht und durch die Ronaldo gegangen ist. Sie haben beide ein großes Ego, wollen über 20 Tore pro Saison schießen. Es entwickelt sich bei Mbappé immer mehr zu einem Zusammenspiel mit seinen Kollegen, sie können sich aufeinander anpassen in ihren Positionen. Mbappé steht in der Liga bei 15 Toren, das ist okay für seine erste Saison, auch wenn es noch keine Cristiano-Ronaldo-Sphären sind. Selbst Karim Benzema musste sich nach dem Abgang von Ronaldo zu Juventus wieder daran gewöhnen, als Neuner zu spielen. Im Derby gegen Atlético und im Duell mit Manchester City liegt jetzt noch mehr Verantwortung auf Mbappé, weil sie defensiv geschwächt sind. Das wird jetzt eine interessante Zeit.
Was deutsche und vor allem Fans des FC Bayern interessiert: Joshua Kimmich wird mit einem möglichen Wechsel zu Real Madrid in Verbindung gebracht. Können Sie sich persönlich einen Transfer von Kimmich zu den Königlichen vorstellen?
Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Allein aufgrund der Art und Weise, wie er Fußball spielt, wegen seiner Energie, den höchsten Ansprüchen an sich selbst, aber auch an die Kollegen. Er steht einem Jude Bellingham in nichts nach. Kimmichs Vielseitigkeit spricht auch dafür, er kann nicht nur im Mittelfeld spielen, sondern auch als Rechtsverteidiger, das macht er in der Nationalmannschaft fantastisch. Der FC Bayern würde sehr gut daran tun, ihn zu halten, so wichtig und gut, wie er ist. Aber ich habe überhaupt keine Schwierigkeiten, ihn mir als Spieler von Real Madrid vorzustellen. Das ist genau das Profil – charakterlich und sportlich –, das von Anfang an perfekt zu Real Madrid passen würde. Umso besser seine Mitspieler, desto besser Kimmich.
Und zum Abschluss bereits ein Blick auf die Playoffs in der Champions League: In der Zwischenrunde kommt es mit Manchester City gegen Real Madrid zu einem echten Hammer-Duell. Wer von beiden erreicht das Achtelfinale?
Ich rechne damit, dass Real Madrid sich durchsetzen wird, weil City einfach viel größere Probleme mitbringt, sie sind zu sehr neben der Spur. Haben sie die individuelle Qualität? Natürlich haben sie die, ganz klar. Aber wie wenig läuft da bitte schön zusammen? Real Madrid ist in einer anderen Verfassung, auch wenn es natürlich auf beiden Seiten Probleme gibt. City wird Rodri weiterhin nicht ersetzt bekommen, auch wenn sie Nico González vom FC Porto geholt haben. Rodri geht ihnen wahnsinnig ab, sein Ausfall hat das Ganze auch ein Stück weit zum Einstürzen gebracht. Für Real Madrid spricht außerdem die Cleverness auf europäischer Ebene.

Rubriklistenbild: © IMAGO, DAZN

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