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Debatte um DFB-Torwart: Julian Nagelsmann und sein Basta im Fall Manuel Neuer

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Nicht mehr der Souverän unter der Latte: Torwart Manuel Neuer.
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Das Leistungsprinzip ist von Julian Nagelsmann im Fall seiner Nummer eins ausgesetzt worden. Der Bundestrainer hat die Hausmacht des Keepers schon beim FC Bayern spüren können.

Manuel Neuer war ein Jahrzehnt lang der beste Torwart der Welt. Aber er ist es jetzt nicht mehr. Er war es schon vor seinem Skiunfall nach der WM in Katar nicht mehr. Das ist eine nüchterne Analyse, die nun auf brachiale Art und Weise darin mündet, dass der 38-Jährige binnen weniger Wochen eine Häufung schwerer Fehler offenbart, die jedem anderen deutschen Nationalspieler, egal ob im Tor oder im Feld, den Stammplatz kosten würde.

Nur nicht Manuel Neuer. Bei ihm gelten die Meriten der Vergangenheit, nicht die Aufritte der Gegenwart.

Das Leistungsprinzip ist von Julian Nagelsmann nach dem „Basta“-Prinzip ausgesetzt worden. Der Bundestrainer hat die Hausmacht eines Manuel Neuer schon bei Bayern München erspüren können. Er darf seine Demission dort auch als Niederlage im Machtkampf mit Neuer interpretieren.

Neuers Stellvertreter Marc-André ter Stegen hat sich den Machtverhältnissen gebeugt. Er hat das schon 2018 getan, als Neuer aus einer langwierigen Fußverletzung kam und dennoch umgehend wieder zur Nummer eins befördert wurde. Das WM-Turnier beendete Neuer seinerzeit im Angriff auf Linksaußen, als er in purer Verzweiflung beim Ausscheiden gegen Südkorea von dort eine Flanke schlagen wollte, den Ball aber verlor, worauf die Asiaten zum 2:0-Endstand konterten.

Die Szene dokumentiert den übermächtigen Status von Neuer, den er auch ohne Kapitänsbinde nach wie vor inne hat. Kein anderer Torwart weltweit hätte es sich herausnehmen können, in eine solch absurde Angriffsposition aufzurücken.

Diese Einschätzung soll die Verdienste Neuers um das von ihm geprägte moderne Torwartspiel und für den WM-Titelgewinn 2014 nicht schmälern. Aber zehn Jahre später könnte die nicht mit Leistung unterfütterte Dominanz, die er im Nationalteam nach wie vor einnimmt, der sich Nagelsmann offenbar untergeordnet hat und die sich auch an den ständigen taktischen Erklärungen des Bundestrainers an den Torwart am Spielfeldrand dokumentieren lässt, zum Problem werden.

Schlingerkurs des Trainers

Nagelsmann verteidigt Neuer mit einer Konsequenz, die der Bundestrainer in der Nominierungsfrage nicht eingehalten hat. Da passt einiges nicht zusammen. Erst verkündete Nagelsmann, ihm sei ein 23-köpfiger Kader lieber, um die Gruppe besser beieinander halten zu können. Nachdem die Uefa eine Erweiterung auf 26 Spieler erlaubte, erklärte er, er werde vier Torhüter ins EM-Aufgebot aufnehmen. Davon rückte er nun wieder ab und setzte den einzigen überdurchschnittlichen deutschen Torwart mittleren Alters, Alexander Nübel, humorlos vor die Tür. Eine kluge, stringente, nachvollziehbare Strategie und Kommunikation geht anders.

Im Fall Neuer bleibt Nagelsmann, um nach innen und nach außen Ruhe zu bewahren und die Hierarchie nicht wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel völlig neu zu sortieren, wenig anderes übrig, als seiner Nummer eins die Stange zu halten. Der Torwart hat lediglich in homöopathischen Dosen Selbstkritik geübt. Das war so zu erwarten. Es ist in der Vergangenheit selten anders gewesen.

Aber der Druck ist nun gigantisch. Er ist bei einem Heimturnier, vollgepumpt mit den Erwartungen der Fans, ohnehin enorm. Er wäre auch für ter Stegen riesig, wenn er kurzfristig befördert würde. Es ist ein Dilemma, das Neuer auflösen kann, indem er zuverlässig die haltbaren Bälle abwehrt und sie fehlerfrei mit kalkuliertem Minimalrisiko nach vorne befördert.

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