VonPeter Siebenschließen
Harmlose Jubelgeste bei der EM 2024 oder gefährliches Bekenntnis? Klar ist: Die rechtsextremen „Grauen Wölfe“ führen in Deutschland nichts Gutes im Schilde.
Berlin – Die Jubelgeste des türkischen Nationalspielers Merih Demiral beim EM-2024-Achtelfinale gegen Österreich wirkt auf den ersten Blick harmlos – doch sie hat für Aufsehen gesorgt. Nach seinem zweiten Tor formte der 26-Jährige im Leipziger Stadion mit den Händen den sogenannten „Wolfsgruß“, ein Symbol der „Grauen Wölfe“. Die Bezeichnung steht für die Anhänger der rechtsextremistischen „Ülkücü-Bewegung“, die vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. In der Türkei ist die ultranationalistische MHP ihre politische Vertretung und Bündnispartnerin der islamisch-konservativen AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Experten beobachten, dass die „Grauen Wölfe“ in Deutschland zunehmend aktiver werden.
EM 2024: Türkischer Spieler rechtfertigt „Wolfsgruß“-Geste
Demiral verteidigte seine Geste nach dem Spiel: „Wie ich gefeiert habe, hat etwas mit meiner türkischen Identität zu tun“, erklärte er. „Deswegen habe ich diese Geste gemacht. Ich habe Leute im Stadion gesehen, die diese Geste auch gemacht haben.“ Er betonte, dass es „keine versteckte Botschaft“ gebe. „Wir sind alle Türken, ich bin sehr stolz darauf, Türke zu sein und das ist der Sinn dieser Geste“, fügte er hinzu. „Ich wollte einfach nur demonstrieren, wie sehr ich mich freue und wie stolz ich bin.“ Er hoffe, dass es noch mehr Gelegenheiten geben werde, diese Geste zu zeigen.
Das dürfte dann jedes mal aufs Neue für Diskussionen sorgen. Denn Anhänger der „Grauen Wölfe“ zeigen mit dem „Wolfsgruß“, wofür sie stehen: für einen ultranationalistischen Rechtsextremismus.
Abseits der EM 2024: Türkische Rechtsextremisten nutzen „Wolfsgruß“ in Deutschland und werden aktiver
„Das ist eine rechtsextremistische, zutiefst antisemitische Bewegung, die sich gegen eine freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet“, erklärte Terror-Experte Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project (CEP) Anfang des Jahres IPPEN.MEDIA. Die Gruppierung entstand in der Türkei in den 1950er Jahren. Ihre Anhänger nennen sich selbst „Ülkücüler“, was übersetzt „Idealisten“ bedeutet. Sie betrachten alle, die nicht zu den Turkvölkern gehören, als minderwertig, einschließlich Kurden und Armeniern.
Graue Wölfe: Daher kommt der Name
Die Anhänger berufen sich auf einen Gründungsmythos, laut dem die Türken von einer Wölfin abstammen.
Der Wolfsgruß soll außerdem mehrere Bedeutungsebenen haben: Die ausgestreckten Finger stehen demnach für die Türkei und den Islam. Der Ring, den Daumen, Mittel- und Ringfinger bilden, stellt die Welt dar.
Die Ideologie der „Grauen Wölfe“ wurde in den 70er Jahren von türkischen Einwanderern nach Deutschland gebracht. Aktuell wächst die Zahl ihrer Anhänger hierzulande, mindestens 18.000 sind in Deutschland aktiv (Stand Januar 2024). Sie betreiben Vereine in vielen Städten, organisieren harmlos wirkende Kulturveranstaltungen und versuchen, politischen Einfluss auf deutsche Parteien auszuüben. „Deutsche Politiker sind gut beraten, sich nicht täuschen zu lassen. Es gibt auf deren Seite keine Gesprächsbereitschaft“, warnt Schindler. „Die Vereine, die zu der Bewegung gehören, tragen nicht zur Integration bei, ganz im Gegenteil. Sie streben eine Isolation türkischer Gemeinden in Deutschland an.“ Ihr Ziel sei klar: „Sie wollen eine islamistische Version eines Führerstaates etablieren.“
Rechtsextremisten aus der Türkei: „Wollen islamistischen Führerstaates etablieren“
Die in Deutschland lebenden Anhänger der Grauen Wölfe sehen sich als Vertreter eines europäischen Türkentums, die nationalistische Interessen außerhalb der Türkei durchsetzen sollen, erklärt Kemal Bozay, Politikwissenschaftler an der Internationalen Hochschule (IU) Köln. Er hat jahrelang zu diesem Thema geforscht und beobachtet das Aufkommen einer neuen Generation von Grauen Wölfen.
„Es gibt eine Wiederbelebung von Rechtsextremismus, das lässt sich weltweit beobachten“, sagt Bozay. Dies betrifft auch türkische Jugendliche in Deutschland. „Bei vielen hängt das sicherlich mit einer Identitätssuche zusammen.“ Einige haben Diskriminierungserfahrungen gemacht und sehen sich als Verlierer der Modernisierung. „Die Vereine vermitteln ihnen: Hier bei uns kannst du ein stolzer Türke sein, wir nehmen dich gern auf.“
Erdogan hofiert die „Grauen Wölfe“ in der Türkei
In der Türkei hofiert Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Rechtsextremisten. Die Hauspartei der Wölfe, die rechtsextreme MHP, ist eng mit Erdogans AKP verbunden. „Die AKP ist seit einigen Jahren deutlich nationalistischer geworden, während die MHP zunehmend islamistische Züge trägt“, erklärt Bozay. Die jungen Grauen Wölfe machen immer mehr Propaganda im Netz für ihre nationalistisch-islamistische Sache, beflügelt auch vom Nahostkonflikt. „Eine antizionistische Tendenz ist in der Türkei weit verbreitet. Und Antisemitismus gehört ganz fest zum Kanon der Gruppierung.“
Die Wölfe waren bereits in den 70er Jahren für Gewalttaten verantwortlich und Extremismus-Experte Hans Jakob Schindler warnt, dass dies wieder passieren könnte. „Wenn es zum Streit zwischen Deutschland und der Türkei unter Erdogan käme, wäre es schon denkbar, dass die aktiv werden. Sie schüchtern jetzt schon Erdogan-Kritiker ein und Mitglieder üben Gewalt gegen Minderheiten wie zum Beispiel Kurden aus.“ Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Gruppierung in kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel und Waffenschieberei verwickelt ist.
Experten warnen vor handfesten Konflikten zwischen türkischen Rechtsextremisten und Kurden
Kemal Bozay befürchtet, dass es zu Auseinandersetzungen auf der Straße mit hier lebenden Kurden und kurdisch-libanesischen Familien kommen könnte: „Es wird eine Zuspitzung der Konflikte geben, auch weil Konflikte aus dem Herkunftsland nach Deutschland getragen werden.“ Der Verfassungsschutz warnt ebenfalls, die Gewaltneigung der Ülkücü-Bewegung gefährde die innere Sicherheit in Deutschland.
Die Vereine der Bewegung sind in Deutschland nicht verboten, anders als in Frankreich. Auch der Wolfsgruß ist erlaubt, obwohl er in Österreich kürzlich verboten wurde. „Ich finde es richtig, dass Österreich juristische Schritte gegangen ist. Für Deutschland wäre das auch eine wichtige Maßnahme“, sagt Bozay. „Allerdings wäre das sehr aufwändig, denn die Dachverbände sind in über 300 Vereine untergliedert.“ Hans-Jakob Schindler weist auf einen weiteren Aspekt hin: „Ein Verbot brächte diplomatische Schwierigkeiten mit sich, denn Erdogan unterstützt die Bewegung.“
Rubriklistenbild: © IMAGO/Arnulf Hettrich


