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Franz Wagner verzaubert die NBA. Er wird als All-Star gehandelt und ist der herausragende Spieler einer neuen Generation deutscher Basketballer in der NBA.
Sein großer Bruder brachte es auf den Punkt. „Ehrlicherweise bin ich am meisten überrascht davon, dass mich gar nichts mehr überrascht“, sagte Moritz Wagner neulich über Franz, nachdem festgestanden hatte, dass dieser erstmals zum Eastern Conference Player of the Week gekürt wurde. Eine Auszeichnung, die in der NBA keine große Relevanz besitzt, aber zeigt, wie sehr das Ansehen für Franz Wagner auch in den USA steigt.
Seit zwei Wochen spielt Franz Wagner auf einem Niveau, das man bisher noch nicht von ihm gesehen hat. 32 Punkte hie, 31 Punkte da. Dazu konstant mehr als fünf Assists. „Das ist das Beeindruckendste. Ich gehe davon aus, dass er so spielt, und mir ist es egal, wie viele 30-Punkte-Spiele er auflegt, weil es mittlerweile normal ist“, schwärmte Moritz weiter, während nicht nur er, sondern sämtliche Beobachter und Beobachterinnen dabei zusehen können, wie sich Franz Wagner von einem Talent zu einem Spieler entwickelt, der ein Team anführen kann. Und zwar mit den Orlando Magic eines, was in der Eastern Conference souverän in den Top vier rangiert, obwohl sie seit mehr als drei Wochen auf ihren Superstar Paolo Banchero verzichten. Der hat sich nach einem brandheißen Saisonstart einen Bauchmuskel gerissen. Ein Dämpfer für ihn, zugleich aber eine Chance für Franz Wagner.
Beinahe so elegant wie einst Manu Ginóbili
Denn in der Symbiose der beiden war Banchero häufig derjenige, der Vorteile entstehen ließ, während Wagner die Vorteile erweiterte oder ausnutzte. Nun aber, ohne Banchero, muss Wagner nicht nur dann, wenn sein Superstar eine Verschnaufpause braucht, den Angriff mit dem Ball in der Hand einleiten, nein, es ist nun seine Hauptaufgabe. Und Wagner bewältigt sie beeindruckend.
Für einen Basketballer ist er kein herausragender Athlet. Schon gar nicht in der NBA, wo die Fähigkeit zu fliegen auch bei Menschen recht ausgeprägt ist. Wagner vernascht die Gegner mit feiner Fußarbeit und mit einem ausgeprägten Gefühl für Verzögerung und Beschleunigung. Manchmal, da wirkt es fast, als sei Wagner eine Ellipse. So, als würde er die Zeit langsamer wahrnehmen als die anderen Spielern auf dem Court. Dann fliegen die Gegner an ihm vorbei, während er kurz ausharrt und den Ball dann gefühlvoll über seine Finger in den Korb rollen lässt - oder zu einem freistehenden Teamkollegen passt. Wagner ist kein spektakulärer, aber ein eleganter Spieler. Sein Spiel erinnert an das des argentinischen Basketballschöngeistes Manu Ginóbili - auch deswegen vergisst man manchmal, dass Wagner nur fünf Zentimeter kleiner ist als Dirk Nowitzki.
In dessen Fußstapfen könnte er bald treten. Denn während sein Mitspieler Anthony Black neulich davon berichtete, dass Wagner mittlerweile viel mehr auf dem Court kommuniziere und Kommandos gebe, lobte ihn sein Cheftrainer Jamahl Mosley überbordend und bescheinigte ihm „All-Star-Level“. Bis zu dem Show-Spiel ist es noch ein bisschen hin. Es wird am 16. Februar in San Francisco stattfinden. Sollte es Wagner aber tatsächlich in den erlesenen Kreis der 24 Spieler schaffen, die sich alljährlich die Bälle zu Alley-oops und anderen Sperenzien hin und her passen, dann wäre Wagner der erste deutsche All-Star seit dem in den USA noch immer heldenhaft verehrten Nowitzki
Dessen Erbe, das verwaltet Wagner aber nicht alleine, denn anders als zu Zeiten des großen Dirks, spielen in der NBA mittlerweile mehr als nur ein deutscher Spieler. Das hängt sicherlich mit der Europäisierung der Liga zusammen (mit Nikola Jokic und Giannis Antetokounmpo gab es zuletzt mehr europäische als US-amerikanische MVP’s), aber auch an der verbesserten Ausbildung in Deutschland.
Franz Wagner und sieben weitere Deutsche in der NBA
Strukturell wichtige Entscheidungen waren die Gründung einer Nachwuchsbasketball-Bundesliga (NBBL) im Jahr 2006, einer Junioren-Basketball-Bundesliga (JBBL) im Jahr 2008 und die Einführung der 6+6-Regel in der BBL. Die bedeutet: sechs deutsche Spieler müssen immer im Kader stehen.
Seitdem wurden deutsche Basketballer von den heimischen Klubs stärker gefördert, weil die Klubs auf sie angewiesen sind. Und auch deswegen spielt nun nicht nur Franz Wagner in der NBA, sondern neben ihm sieben weitere deutsche Spieler. Mehr als jemals zuvor. Zwei davon sogar in seinem Team, den Orlando Magic: Tristan da Silva, der sich in seiner ersten Saison in der Liga immer mehr Spielminuten erarbeitet, und natürlich Franz’ Bruder und Mitbewohner Moritz, der für die Magic als Rollenspieler und Energielieferant von der Bank wichtig ist. Auf all diese Spieler darf sich Nationaltrainer Álex Mumbrú freuen, wenn im Sommer 2025 die nächste Basketball-Europameisterschaft stattfindet. Doch erstmal muss er die Qualifikation schaffen - ohne die NBA-Spieler.
