VonJan Christian Müllerschließen
Nationalelf am Tiefpunkt: Der Status quo mutet verfahrener an, als er unter Joachim Löw je war. In die September-Spiele kann es nur mit weichen Knien gehen oder mit neuem Trainer. Der Kommentar.
Es ist unfassbar, wie sie es beim Deutschen Fußball-Bund alle miteinander verkorkst haben. Zum sportlich tiefsten Tiefpunkt gesellt sich im Verband die schlimmste je erlebte Finanzkrise. Begleitet wird die unheilvolle Entwicklung von einer Kommunikation, die nun in einer Bankrotterklärung mündete.
Während Bundestrainer Hansi Flick verdrossen postuliert, er habe Spieler mit „enormer Qualität“ beisammen, die, bitte schön, von den Medien nicht kritisiert werden sollten, erklärt Sportdirektor Rudi Völler aus der Hüfte, es mangele an individuellem Können, es werde Konsequenzen für einzelne Akteure geben, die nicht mehr nominiert würden.
Nationalspieler öffentlich derart fundamental zu kritisieren, ist neu im DFB. Die Stoßrichtung ist durchschaubar: Völler will Flick stützen und schützen, indem er den Druck auf die schwächsten vieler schwacher Spieler kanalisiert. Das dürfte in diesem Fall jedoch kolossal danebengegangen sein - ganz so wie die Auftritte auf dem Platz. Es fehlt auf vielen Ebenen in dem auf Schlagseite geratenen Verband an Abstimmung.
Der Bundestrainer seinerseits ist nicht annähernd in der Lage, seine wirren Experimente zu erklären. Er spricht ständig von einem „Plan“, einem gemeinsamen „Weg“ und einem „Prozess“. Wahr ist allerdings: Dieser Prozess geht in die völlig falsche Richtung.
Man muss sich im Fußball nicht in aller Tiefe auskennen, um sich zu fragen: Warum fliegen Flanken in den Strafraum, wenn der potenzielle Abnehmer Niclas Füllkrug ständig auf der Bank hockt? Weshalb wird der formstarke Ilkay Gündogan in eine Halbposition verschoben, von der aus er kaum einmal an den Ball gelangt? Wieso darf Emre Can einen Libero geben, wie er im schon seit Jahrzehnten im modernen Fußball nicht mehr existiert?
Can ist gelernter Mittelfeldspieler. Seinen zuvor letzten Auftritt in der Abwehrzentrale im DFB-Team hatte er im Herbst 2019. Er sah gegen Estland nach 15 Minuten die früheste Rote Karte der deutschen Länderspielgeschichte. Wie also kommt Flick auf einen solchen Unfug, den er hinterher auch nicht schlüssig zu erklären weiß und der auch eine Botschaft an andere ist. Größer könnte sein Misstrauensvotum für die gelernten Verteidiger Nico Schlotterbeck, Matthias Ginter, Thilo Kehrer und den nicht nominierten Niklas Süle nicht sein.
Nach der WM redeten sich Spieler, Trainer und später auch Völler noch vieles schön. Quintessenz: Im Grunde seien vordringlich 20 schwache Minuten gegen Japan und die leidige Bindendebatte Schuld am Aus gewesen. Ähnlich relativierende Erklärungen folgten auch im März nach dem 2:3 gegen Belgien und am Freitag nach dem 0:1 in Polen. Immerhin: Solche oberflächlichen Ausreden brachte nach dem desaströsen Vortrag gegen Kolumbien niemand mehr vor.
Kein Geld für neuen Trainer
Im Grunde kann man im DFB sogar dankbar sein: Die leidgeprüften Fans nehmen jede der seltenen halbwegs gelungene Kombination genügsam auf. Es müssten halt öfter mal gelungene Kombinationen zu besichtigen sein.
Der Status Quo mutet verfahrener an, als er unter Joachim Löw je war. In die September-Spiele gegen Japan und Frankreich kann es nur mit schlotternden Knien gehen oder mit neuem Bundestrainer. Aber der DFB hat kein Geld für eine Ablösung.
In den vergangenen Monaten haben zehn Arbeitsgruppen mit wachsender Verzweiflung danach gefahndet, wie der Verband jeden Tag 55 000 Euro einsparen kann, die er derzeit mehr ausgibt als er einnimmt. Es wird also in jeder Ecke hinter jedes Staubkorn geschaut, ob dort noch ein paar Centstücke herumliegen. Vor diesem Hintergrund tut man sich furchtbar schwer, einen Bundestrainer ein Jahr vor dessen Vertragsende mit einer Millionensumme abfinden und einen neuen bezahlen zu müssen, nachdem schon der Abschied von Oliver Bierhoff die Bilanz belastet. Besser geworden ist seitdem: nichts!
