Mit einer Abwehrleistung wie beim wilden 3:4 gegen Union wird die Eintracht ihre Ziele verfehlen.
Frankfurt – Zuweilen sind selbst die führenden Köpfe eines professionellen Fußballvereins uneins über die Bewertung des Geschehenen. Das ist nicht schlimm, sogar in der oft gleichgeschalteten Branche gilt ja die Freiheit der Meinung und des Wortes. Nach der einigermaßen empfindlichen 3:4-Niederlage der Eintracht gegen Union Berlin rückte also Sportvorstand Markus Krösche das Abwehrverhalten bei den schnellen Gegenangriffen der Eisernen in den Fokus. „Wir hatten keine gute Restverteidigung“, stellte er heraus.
Bei Dino Toppmöller, dem Cheftrainer, hörte sich das anders an. Er haderte mit einigen einfachen Fehlern, die er zum Teil und völlig zu Recht „haarsträubend“ nannte. Aber mit der generellen Absicherung war er offenbar zufrieden. „Das einzige Mal, dass die Restverteidigung nicht gepasst hat, war beim vierten Tor.“ Na, was denn nun?
Ausfall von Haudegen Kristensen schmerzt
Im Kern ist das aber eine Scheindebatte, denn in der Sache sind sich nicht nur die beiden Herren einig: Mit einer solchen Defensivleistung wird die Eintracht in dieser Saison Probleme bekommen und Gefahr laufen, einige ambitionierte Ziele zu verpassen. Das Fundament bröckelt. „Wir wissen, dass es das eine oder andere Gegentor zu viel ist“, analysierte der Fußballlehrer. „So wird es schwer, Spiele zu gewinnen. Du kannst nicht in jedem Spiel drei, vier Tore schießen.“
Neun Tore haben die Frankfurter in der Liga schon geschluckt, sieben in den vergangenen beiden Spielen. Das ist eine Menge Holz. Und in der Tat ist die Abwehrformation (und auch das defensive Mittelfeld) derzeit weit weg von einem Niveau, um höchsten Ansprüchen zu genügen. Klar ist, und das wussten alle vorher, dass die Spielweise der Eintracht mit hohem Pressing zu gefährlichen Situationen am anderen Ende des Spielfelds führen kann, die Lesart des Spiels ist riskant. Aber was tun? Die generelle Herangehensweise verändern? Auf eine Dreierkette umstellen?
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Ein Problem ist auch, dass hinten – von Nnamdi Collins abgesehen – keine Sprinter am Werk sind, die den Gegner mal eben ablaufen können. Den flinken Oliver Burke konnten die Frankfurter jedenfalls nicht aufhalten – zwei seiner drei Tore machte der Stürmer nach astreinen Kontern. Und natürlich sind die Berliner zum Toreschießen eingeladen worden. Vor dem ersten Tor in einer doppelten Fehler-Koproduktion von Hugo Larsson und Robin Koch. Vor dem zweiten nach einem eigenen Einwurf tief in des Gegners Hälfte. Beim dritten nach einem stümperhaften Ballverlust von Nnamdi Collins. Und beim vierten durch einen einfachen Chipball hinter die Kette.
Auffällig sind die Leistungsschwankungen der Akteure. Gegen Union verteidigte plötzlich Robin Koch ungewohnt fehleranfällig, Nnamdi Collins ist seit seinem misslungenen Nationalmannschaftsdebüt von der Rolle. Selbst bei Arthur Theate, sonst immer eine Konstante, wechselt Licht und Schatten. Und auch Torwart Kaua Santos konnte keine zusätzliche Stabilität verleihen, was nach monatelanger Pause aber relativ normal ist.
So schmerzt aktuell gerade das verletzungsbedingte Fehlen von Mentalitätsbolzen Rasmus Kristensen, das macht sich in jedem Fall bemerkbar. Und auch, dass der Kader an manchen Stellen eben doch dünn besetzt ist. In der Innenverteidigung gibt’s nur noch Aurele Amenda als Backup – den hätte der Klub bei einem entsprechenden Angebot vor wenigen Wochen sogar noch abgegeben.
Eintracht-Neuzugang Burkardt trifft und wird trotzdem geschont
Auch auf den defensiven Außenbahnen sind nur wenige Alternativen am Start, Rückkehrer Elias Baum schafft es derzeit nicht mal in den Kader, Niels Nkounkou ist nicht mehr da. Im Sturm blieb Elye Wahi erneut den Beweis schuldig, wirklich helfen zu können. Jonathan Burkardt, gegen Galatasaray Doppeltorschütze, wurde nach der ersten Englischen Woche gleich geschont. Seltsam.
Und unübersehbar ist der Formverlust des Schweden Hugo Larsson. Der 21-Jährige zeigte gegen die Köpenicker sein vielleicht schwächstes Spiel. Womöglich behagt ihm die etwas defensivere Position an der Seite von Fares Chaibi doch nicht so sehr. Larsson ist eigentlich, wie es heutzutage heißt, ein klassischer Box-to-Box-Spieler, ganz sicher keine Holding Six. Vielleicht sollte das Tandem Hugo Larsson und Ellyes Skhiri reaktiviert werden. In dieser bewährten Konstellation zog die Eintracht in die Champions League ein. Im Übrigen hat die Eintracht es im Sommer auch hier verpasst, personell nachzulegen.
Dino Toppmöller wird versuchen müssen, mit seinem Team die individuellen Fehler abzustellen. Das ist leichter geschrieben als getan. Denn im Endeffekt ist es eine generelle Frage der Qualität. Andererseits: Dass es die Spieler besser können, haben sie schon nachgewiesen. Und es geht darum, die Ausschläge nach unten zu minimieren. „Die größte Herausforderung ist, Konstanz reinzubringen“, findet Kapitän Koch. „Das zeichnet große Mannschaften aus. Wir müssen erwachsener werden.“