Der FC Bayern und die verloren gegangene Weltklasse vorm CL-Kracher gegen Mailand
VonPeter Grad
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Der FC Bayern glaubt trotz der bitteren 1:2-Heimniederlage im CL-Viertelfinal-Hinspiel gegen Inter Mailand noch an ein Weiterkommen. Was dabei Hoffnung macht.
München / Mailand - FCB-Chefcoach Vincent Kompany wurde nach dem 2:2 im „deutschen Clásico“ gegen Borussia Dortmund gefragt, was ihm die Zuversicht geben würde, in der nächsten Woche in San Siro zu bestehen und über die hohe Hürde Inter Mailand ins CL-Halbfinale einzuziehen. Der Belgier argumentierte darauf nicht zuletzt mit der Vielzahl an hochkarätigen Chancen, die man sich in den beiden Spielen gegen CL-Viertelfinalisten erarbeitet hätte und erwähnte dabei „50 Abschlüsse“.
Die fehlende Effizienz ist ein großes FCB-Thema
Ganz so viele waren es nicht, aber immerhin 48: 20:10 gegen den italienischen Meister, 28:11 gegen den BVB. Die Münchner Bilanz ist dabei allerdings ernüchternd: Drei Tore bei 48 Schüssen, den Gegnern reichten ganze 21 Abschlüsse für vier Tore. Die derzeit fehlende Effizienz ist ein großes Thema, selbst die bisherige „Tormaschine“ Harry Kane hat sich zuletzt auf fast schon dramatische Weise davon anstecken lassen.
Und dann sind es natürlich die „dicken Böcke“ in der Abwehr, die die Gegner zum Toreschießen nahezu eingeladen haben - individuelle Fehler (Sacha Boey gegen Inter; Minjae Kim gegen den BVB) oder kollektive Blackouts im gesamten Abwehrverbund. Die gilt es zu minimieren.
Wie bei allen Teamsportarten, die mit Toren bewertet werden, gewinnt diejenige Mannschaft, die mindestens ein Tor mehr als der Gegner erzielt. Beim deutschen Rekordmeister scheint das aktuell praktikabler über die immer noch sehr gut funktionierende Offensive zu sein.
Nicht zu kompensieren: FCB-Abwehr fehlen Weltklassespieler
Im Defensivverbund fehlen derzeit mit Abwehrchef Dayot Upamecano (freie Gelenkkörper im Knie) und Alphonso Davies (Kreuzbandriss) zwei Akteure, die im fitten Zustand in der laufenden Saison auf absolutem Weltklasseniveau performt haben. Beide können nicht 1 zu 1 ersetzt werden. Zudem fehlt seit sechs Wochen der fünfmalige Welttorhüter Manuel Neuer (Wadenverletzung), sein 21-jähriger Ersatz Jonas Urbig macht seine Sache gut, natürlich fehlt ihm aber noch die Aura des Weltmeisters von 2014. Auch der Ausfall des japanischen Nationalspielers Hiroki Ito (zum wiederholten Male Mittelfußbruch) schmerzt in diesem Kontext.
Die übriggebliebenen Defensivspieler können definitiv nicht das großartige Niveau der Stammkräfte aufrechterhalten. Zumal sich Minjae Kim seit Monaten mit Achillessehen-Beschwerden quält, Innenverteidiger-Kollege Eric Dier grundsätzlich nicht der geeignete Spielertyp für das Kompany-System ist, Eigengewächs Josip Stanišić von rechts auf links wechseln muss und Konrad Laimer eigentlich Mittelfeldspieler und nicht Rechtsverteidiger ist.
Trotz Musiala-Verletzung: Offensive insgesamt in guter Form
In der FCB-Offensive fehlt seit dem Auswärts-Sieg in Augsburg mit Jamal Musiala (Muskelbündelriss) ebenfalls ein „Unterschiedsspieler“ auf Weltklasseniveau. Dennoch scheint sein Fehlen besser verkraftet werden zu können.
Michael Olise und Leroy Sané spielen seit Wochen auf konstant hohem Niveau, Serge Gnabry hat gegen den BVB nach seiner Einwechslung ein Ausrufezeichen gesetzt und auch das Comeback von Kingsley Coman war vielversprechend. Dazu ein Thomas Müller, der es in seiner letzten FCB-Saison allen noch einmal mit größtem Einsatz und Laufbereitschaft zeigen möchte.
Die große FCB-Hoffnung: Kane „explodiert“ in San Siro
Dann kommen wir jedoch zum derzeitigen „Sorgenkind“ in der immer noch außergewöhnlich guten Bayern-Offensive: Es ist ausgerechnet die eigentliche Tormaschine des Teams, Harry Kane. Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft hat in seinen ersten anderthalb Jahren beim Rekordmeister fast nach Belieben getroffen - jetzt in der entscheidenden Saisonphase hat er Ladehemmung. Gegen Inter ließ er beim Stand von 0:0 eine sogenannte hundertprozentige Chance aus und scheiterte am rechten Torpfosten.
Kane meinte nach der 1:2-Pleite gegen die Nerazzurri selbst, dass er an einem guten Tag wohl dreimal getroffen hätte, es aber bei Torjägern eben auch solche Tage geben würde. Gegen den BVB war seine Bilanz nicht besser.
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Es besteht kein Zweifel daran, dass der 31-jährige Engländer ein Weltklassekicker ist. In Mailand muss er das aber unbedingt zeigen, damit sein Team eine Chance aufs Weiterkommen ins CL-Halbfinale besitzt. Vielleicht hat er sich im Hinspiel und im Clásico aber auch nur die Tore für das San Siro aufgehoben. Wenn zusätzlich die personell so geschwächte Abwehr dann die Fehlerquote noch um ein paar Prozentpunkte herunterschrauben könnte, wäre kein „Wunder“ wie 1988 notwendig, um Inter zu eliminieren.