Finale

Der letzte Vorhang

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Hoch geflogen - und weich gelandet: Toni Kroos...

Abgang von zwei Ikonen: Tonis Kroos und Marco Reus nehmen auf der großen Bühne Abschied von Real und Borussia Dortmund – die Karrieren unterscheiden sich.

Die Bedeutung des Spiels allein spricht für sich, das muss niemand mehr erhöhen oder zu etwas Übergroßem stilisieren. Es ist das Spiel der Spiele am Ende der langen Saison in Europa, das bedeutendste Match ganz zum Schluss, das Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid im Londoner Wembleystadion. Und die ganze Welt schaut zu. Mehr geht nicht. „Dieses Finale ist mit nichts zu vergleichen“, sagt BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl vor dem Showdown am Samstag (21 Uhr/ZDF und Dazn) in England. „Wir wollen Großes leisten. Und dazu sind wir bereit. Wir haben die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben.“

Und doch ist die Partie, so ganz nebenbei, auch der Schlussakt für zwei herausragende Fußballspieler, die ihre letzte Partie für ihre Klubs absolvieren werden: der langjährige Dortmunder Kapitän Marco Reus und Reals Mittelfeldanführer Toni Kroos. Beide haben sich über die Jahre zu Ikonen ihrer Vereine entwickelt – und unterscheiden sich doch.

Denn anders als bei Nationalelf-Rückkehrer Kroos, der seine Karriere nach der Heim-Europameisterschaft im Sommer beenden wird, ist im Trophäenschrank von Reus, der seine Laufbahn über das Saisonende hinaus fortsetzen will, noch reichlich Platz. In seinem 429. und letzten Spiel für die Borussia soll es für den seit Freitag 35 Jahre alten gebürtigen Dortmunder mit dem ganz großen Wurf klappen. „Marco hat über die Jahre so viel Qualität an den Tag gelegt. Wir werden ihn brauchen, auch für das Finale“, sagte Sportdirektor Sebastian Kehl nach Reus’ emotionalem Abschied vom eigenen Anhang gegen Darmstadt 98 – gekrönt mit einem Freistoßtreffer. War eine schöne Sache.

Gemessen an seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten hat Reus in seiner Karriere zu wenige große Titel gewonnen. Das Schicksal meinte es nicht gut mit Reus, der oft am falschen Ort war oder, wie beim WM-Triumph 2014, verletzt fehlte. Vielleicht auch deshalb werde er sich diesmal umso mehr „für den Klub und die Stadt zerreißen“, wie Sportdirektor Kehl versprach.

Bislang stehen „nur“ die DFB-Pokalsiege 2017 und 2021 in seiner Vita als Profi. Und selbst die sind nicht ohne Wermutstropfen: 2017 zog sich Reus im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt (2:1) eine seiner vielen Verletzungen zu und musste ausgewechselt werden. Vier Jahre später, als er bereits Kapitän war, fand das Finale gegen RB Leipzig (4:1) mitten in der Corona-Pandemie statt – und damit vor nahezu leeren Rängen.

Ein Meistertitel blieb Reus in seinen zwölf Jahren beim BVB verwehrt. „Ich wünsche ihm noch einen emotionalen letzten Tag. Dass wir auch für ihn noch diesen Titel holen“, sagte Kehl mit Blick auf das Königsklassen-Finale, das Reus 2013 auch in seiner ersten Saison nach seiner Rückkehr von Mönchengladbach erreicht hatte. Seinerzeit unterlagen die Dortmunder ebenfalls in Wembley dem FC Bayern – damals noch mit Toni Kroos, der im Endspiel aber verletzt fehlte und über diesen Titel daher sagt: „Er hat einen Beigeschmack.“ Eine Rechnung hat er also noch offen.

Reus, der in dieser Spielzeit bei Trainer Edin Terzic nicht mehr durchgehend erste Wahl war, nimmt elf Jahre später seinen zweiten Anlauf auf den ersten Königsklassentriumph. „Wir müssen bereit sein“, sagt er. „Am Ende steht da kein Geringerer als Real Madrid.“ Und Toni Kroos. Der 34-Jährige kämpft in seiner letzten Partie für die Spanier nach zehn Jahren um seinen insgesamt sechsten Königsklassen-Titel. Eine Rekordmarke, die bislang nur der große Paco Gento zwischen 1956 und 1966 ebenfalls für Real erreicht hat.

„Ich hoffe, dass er noch einmal die Champions League gewinnen kann“, sagte Real-Coach Carlo Ancelotti: „Aber die Karriere von Toni Kroos braucht nicht noch einen Champions-League-Sieg mehr, um in die Geschichte einzugehen. Er ist bereits Geschichte.“ Auch Kroos hat die Verabschiedung vom eigenen Publikum bereits hinter sich. Beim 0:0 gegen Betis Sevilla enthüllten die Fans im Bernabeu-Stadion ein riesiges Banner, auf dem „Gracias Leyenda“ (Danke, Legende) stand. Als Kroos am Spielfeldrand seine in Real-Trikots gekleideten Kinder in Empfang nahm, kamen ihm die Tränen. Emotionale Momente für die Ewigkeit.

Kurz drauf postete Real ein Foto von Kroos gemeinsam mit Präsident Florentino Pérez auf dem Rasen des legendären des Estadio Santiago Bernabeu – Kroos umarmt den mächtigen Real-Boss, hinterlegt ist das Foto mit dem Schriftzug auf der Anzeigetafel „Gracias por todo“ (Danke für alles) und ausgefüllt wird es von allen 22 (!) Trophäen, die Kroos seit seinem Wechsel 2014 zu den Königlichen gewonnen hat, davon viermal die Meisterschaft (2017, 2020, 2022, 2024) und viermal die Champions League (2016, 2017, 2018, 2022). Toni Kroos verlässt Real Madrid als lebende Legende.

Ob Kroos ihm nicht diesen einen, letzten Triumph lassen könnte, wurde Reus vor dem Finale gefragt. Die Antwort: „Er wird jetzt nicht sagen, okay, ich schenke ihn dir, sondern der Junge will auch vernünftig abtreten, kann er auch.“ Und auch Kroos, der am Mittwoch zur Ablenkung noch ein Konzert von Popstar Taylor Swift in Madrid besuchte, machte klar: „Ich habe das riesengroße Ziel, in Wembley das Ding zu holen.“

Kroos und Reus verbindet eine eher kurze Geschichte. Erstmals gemeinsam auf dem Platz standen sie am 19. Dezember 2009. Der Ausgang: typisch. Kroos schoss Bayer Leverkusen mit einem Doppelpack gegen Borussia Mönchengladbach zur Herbstmeisterschaft. Und auch beim größten gemeinsamen Moment war Kroos der Held: Bei der WM 2018 tippte Reus im Gruppenspiel gegen Schweden den Ball an, Kroos zirkelte den Freistoß zum späten Siegtreffer in den Winkel. Ausgeschieden sind die Deutschen dann später trotzdem.

Kroos sei „einer der größten Spieler, wenn nicht der größte Spieler in der deutschen Fußballgeschichte“, sagt Marco Reus: „Persönlichkeit und Titel: Der Junge hat eine Riesenkarriere hingelegt, und ja, trotzdem hoffen wir, dass er am Samstag einen nicht allzu guten Tag hat.“

Der BVB ist wild entschlossen. „London is calling – again!“, sagt Sportdirektor Sebastian Kehl, der 2013 noch als Spieler gegen den FC Bayern München verloren hatte. „Wir haben eine Rechnung offen: In diesem Stadion. In dieser Stadt. In diesem Endspiel.“ Wembley II!

Marco Reus oder Toni Kroos? Es kann nur einen geben. mit sid

...und Marco Reus.

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