Mitspielerinnen schildern Situation

„Es hat Knack gemacht“: Der Schockmoment für Lena Oberdorf

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Lena Oberdorf hat sich schwer verletzt. Der Ausfall des DFB-Stars trifft die deutschen Fußballerinnen vor den Olympischen Spielen an zentraler Stelle.

Hannover – Lea Schüller hatte gar keine große Lust verspürt, auf dem Rasen herumzutanzen. „Oh wie ist das schön“, hatte das frohgelaunte Publikum in der ausverkauften Arena in Hannover gesungen, und fast 44.000 Menschen sich wirklich größte Mühe gegeben, die freudvolle Atmosphäre von der Heim-EM der Männer ins letzte EM-Qualifikationsspiel der Frauen gegen Österreich (4:0) zu tragen. Trotzdem stand die Torjägerin mit roten Augen vor den Kabinen.

Die schwere Verletzung von Lena Oberdorf, ihrer besten Freundin, legte sich wie ein dunkler Schatten über die Olympia-Generalprobe. Am Tag danach brachte eine MRT-Untersuchung in München für die gerade zum FC Bayern gewechselte 22-Jährige die niederschmetternde Diagnose. Wie der DFB am Mittwochabend mitteilte, hat sich die Mittelfeldspielerin eine Kreuz- und Innenbandverletzung im rechten Knie zugezogen. Der Traum von einer Teilnahme an den Sommerspielen ist damit zerplatzt.

Krümmt sich in Hannover vor Schmerzen: Deutschlands Nationalspielerin Lena Oberdorf.

Lena Oberdorf verletzt sich – Mitspielerinnen schildern Schockmoment auf dem Platz

Zweimal hat Verteidigerin Giulia Gwinn solch eine schwere Verletzung erlitten, die sich nach dem verhängnisvollen Zweikampf mit Barbara Dunst sofort über die vor Schmerzen schreiende Mitspielerin beugte: „Das hat sich nicht gut angehört und tut natürlich sehr weh, wenn man eine Spielerin so leiden sieht.“ Die in der Nähe stehende Kathrin Hendrich berichtete: „Sie meinte, es hat Knack gemacht.“ Auch Sportdirektorin Nia Künzer verdrehte die Augen, weil sie selbst nach vier Kreuzbandrissen mit 28 Jahren ihre Karriere beenden musste.

Auch heute fallen selbst professionell betreute Fußballerinnen oft mehr als ein halbes Jahr aus. Horst Hrubesch hatte zuvor erklärt, für die 51-fache Nationalspielerin „eine Nacht beten“ zu wollen. Vergebens. Der Bundestrainer konnte nur noch konstatieren: „Diese Nachricht tut weh! Unsere schlimmste Befürchtung ist eingetreten. Wir alle denken an Obi und fühlen mit ihr. Wir werden nun einmal mehr alle Kräfte für die Olympischen Spiele bündeln. Wir wollen und werden auch für Obi um die Medaille spielen.“ Doch die klaffende Leerstelle ist im Grunde nicht zu schließen.

DFB-Star Lena Oberdorf: Weltklasse auf der Sechs

Der 73-Jährige weiß ja, dass es in den Gruppenspielen gegen Australien (25. Juli) und die USA (28. Juli) und dann auch gegen Sambia (31. Juli) auf die Körperlichkeit ankommt. Wenn jemand international mit physischer Präsenz imponiert, dann Deutschlands teuerste Fußballerin. An guten Tagen gibt sie mit ihrer energetischen Attitüde eine Weltklasse-Sechserin. Eine Variante wäre, die gegen Österreich bereits an Oberdorfs Seite spielende Janina Minge nachzunominieren, die sich beim VfL Wolfsburg auf Abruf bereithalten sollte. Beim Pokalsieger hat auch Kapitänin Alexandra Popp oft genug im defensiven Mittelfeld geackert – diese Option bestände auch fürs DFB-Team. Elisa Senß, Sjoeke Nüsken und Sydney Lohmann sind andere Spielertypen. Ans Original „Obi“ reicht niemand heran.

Die Schwester des Zweitliga-Profis Tim Oberdorf (Fortuna Düsseldorf) wird in Zukunft vermutlich überlegen muss, ob sie weiterhin so oft dazwischen grätschen muss. Sie bringt das Potenzial mit, ein Spiel mit mehr Weitsicht zu lenken.Sie sollte eigentlich bei den Bayern bald eine erfolgreiche Ära prägen – die seit der gemeinsamen Zeit bei der SGS Essen mit ihr befreundete Stürmerin Schüller hatte sich darauf gefreut. „Obis Mutter hat auch gesagt, dass es mal wieder Zeit wird, dass wir wieder in einer Mannschaft spielen.“ Nun könnte es noch dauern.

Ann-Katrin Berger kann die neue Nummer eins der DFB-Frauen werden

Die Hiobsbotschaft für die DFB-Frauen fällt in eine Phase, in der Abwehrchefin Marina Hegering und Anführerin Popp zuletzt geschont wurden, damit sie „bei Olympia in einer Topverfassung sind“ (Hrubesch). Doch garantieren kann das bei der 34-jährigen Hegering und der 33 Jahre alten Popp aufgrund deren Verletzungshistorie niemand. Dazu hat der Noch-Trainer offenbar vor, mit Merle Frohms eine weitere Stütze auszutauschen. Ihren Status als unangefochtene Nummer eins hat die zuletzt unsicher wirkende 29-Jährige eingebüßt. Die Entscheidung in der Torwart-Frage werde kommende Woche in Marseille verkündet, verriet Hrubesch.

Die offenbar von ihm favorisierte Ann-Katrin Berger strahlte viel Sicherheit aus und bereitete gleich zwei Toren mit langen Schlägen vor. „Das ist schon ein bisschen verrückt“, gestand die inzwischen für Gotham FC in den USA spielende 33-Jährige. Dort habe sie noch einmal ganz neu erfinden müssen. „Ich kann verschiedene Erfahrungen aus verschiedenen Ligen einbringen. Letztlich kommt es jetzt nur auf den Trainer an, was er entscheidet.“ Für sie wäre es nach zwei überstandenen Krebsbehandlungen ein Traum, bei Olympia anzutreten. Die Freudengesänge hätten dann zumindest für eine deutsche Torhüterin gepasst.

Rubriklistenbild: © dpa

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