Ärgernis Handspielregel

Der Strafstoß für den FC Bayern, der alle in den Wahnsinn treibt

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Handspielregel: Sie erzeugt heftige Diskussionen. Der erste Strafstoß für den FC Bayern in Hoffenheim war korrekt, dient jedoch nicht dem Sport.

Hoffenheim – Es gehört zum Fußball dazu, über Schiedsrichter-Entscheidungen zu diskutieren. Vor rund 20 Jahren ging es zum Beispiel oft darum, ob eine Situation als Abseits zu werten war oder nicht. Mit dem Zulassen von Video-Technik und der Einführung des Video-Schiedsrichters hat sich dieses Problem erledigt.

Sacha Boey (Mitte) holte für den FC Bayern den ersten Elfmeter beim Sieg in Hoffenheim heraus.

Zwar sind viele Fans sauer, dass oftmals noch die Analyse über eine Abseits-Entscheidung lange dauert und dem Fußball, gerade beim Torjubel, seine Emotion nimmt. Doch das Gute daran: In Sachen Abseits gibt es keine Fehlerquote mehr. Zum großen Ärgernis in den vergangenen Jahren sind dagegen Diskussionen über Handspiele geworden.

Die Handspielregel soll verwissenschaftlicht werden

Auch früher gab es Diskussionen über Handspiele, aber nicht so häufig wie heute. Was ist der Kern des Problems? Ähnlich wie bei den Abseits-Entscheidungen war es von den Regelhütern das Ziel, Handspiele zu technisieren, zu verwissenschaftlichen und dadurch klar zu regeln. Es geht nun oft darum, wie und in welchem Winkel ein Verteidiger seine Hände nutzt, um daraus eine Elfmeter-Situation abzuleiten.

Spätestens seit dem EM-Viertelfinale 2024 zwischen Spanien und Deutschland weiß man, dass dieses Vorhaben in die Hose gegangen ist. Die UEFA gab selbst an ihre Schiedsrichter durch, dass es bei der Szene mit Marc Cucurella einen Elfmeter hätte geben müssen. Was in Sachen Abseits-Entscheidungen mit dem VAR ein guter Schritt war, scheint in Sachen Handspiele den Fußball in eine falsche Richtung zu lenken.

Bayern-Noten gegen Hoffenheim: Neuzugänge enttäuschen – Kane und Youngster überragen

Fussball Testspiel, FC Bayern Muenchen - Tottenham Hotspur
Manuel Neuer: Noch auf der Pressekonferenz am Freitag schwärmte Vincent Kompany über die „Lockerheit“ Neuers, der durch seine Weltkarriere keinerlei Druck mehr verspüre. Gegen Hoffenheim wurde es dann aber etwas zu viel Gelassenheit: Nach keinen 13 Minuten spielte der Keeper völlig unbedrängt im Aufbauspiel dem Hoffenheimer Asllani den Ball in den Fuß, der überhastet an den Pfosten schoss. Riesiges Glück für Neuer – der anschließend aber mit guten Paraden dafür sorgte, dass die Bayern nach einem schwachen Start nicht in Rückstand gerieten. Beim 1:3-Anschlusstreffer, den der eingewechselte Kimmich abfälschte, war Neuer machtlos. Note: 3 © IMAGO/Jerry Andre
Franz Beckenbauer Supercup 2025
Supercup VfB Stuttgart - FC Bayern Muenchen 1 : 2
am 16.08.2025 in Stuttgart
Sacha Boey: Erlebt in München gerade so etwas wie einen zweiten Frühling, ohne je einen ersten gehabt zu haben. Immerhin wurde Boey nach seinem Auftritt gegen Chelsea gelobt und durfte auch in Hoffenheim ran – es gab schon Zeiten, in denen Vincent Kompany auf den Ausfall Stanisics (und damit dem letzten etatmäßigen Linksverteidigers) lieber mit einer Systemumstellung reagiert hätte, anstatt Boey aufzustellen. Gegen die TSG legte der Franzose aber den nächsten soliden Auftritt hin und durfte sich über einen „halben“ Scorerpunkt freuen, weil er mit seinem Schuss an die Hand des Hoffenheimer Verteidigers den Elfmeter zum 2:0 rausholte. Note: 3 © IMAGO/Laci Perenyi
FC Bayern Muenchen FCB vs Tottenham Hotspur Spurs
Jonathan Tah: Schob oft hoch nach vorne, um Bälle vor möglichen gegnerischen Kontern zu gewinnen. Das gelang größtenteils souverän. Note: 3 © IMAGO/Michael Weber IMAGEPOWER
02.08.2025, Fussball Testspiel,  FC Bayern - Olympique Lyon
Minjae Kim: Rückte anstelle von Upamecano in die Startelf und zeigte eine solide Leistung, die Hoffnung auf mehr Spielzeit weckt – sofern sich der angeschlagen ausgewechselte Kim nicht ernster verletzt hat. Note: 2 © IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.
Konrad Laimer: Schaltete sich in gewohnter Weise häufig nach vorne ein, ließ bei seinen Flanken aber zu oft die nötige Präzision vermissen. Note: 3
Konrad Laimer: Kompanys Allzweckwaffe musste durch die Hereinnahme Boeys auf die linke Abwehrseite weichen, dort hatte er mehr als genug mit Hoffenheims Toure zu tun. Nach einer halben Stunde hatte Laimer Glück, dass der Schiedsrichter nach einem brenzligen Einsteigen Laimers nicht auf Elfmeter entschied. Ansonsten gewohnt zweikampfstark. Note: 3 © IMAGO/Ulrik Pedersen/DeFodi Images
CR Flamengo v FC Bayern München: Round Of 16 - FIFA Club World Cup 2025
Aleksandar Pavlovic: Organisierte das Offensivspiel mit vielen Seitenverlagerungen und strahlte eine gute Präsenz aus. Note: 2 © IMAGO/Allstar Picture Library Ltd
VfB Stuttgart - FC Bayern München
Leon Goretzka: Verschaffte dem sonstigen Alles-Spieler Kimmich eine Pause und vertrat ihn auf der Doppelsechs neben Pavlovic. Arbeitete gut gegen den Ball und machte das Zentrum dicht. Nach vorne unauffällig. Note: 3 © IMAGO/Noah Wedel
Lennart Karl: Einwechslung in der 68. Minute, feierte somit sein Bundesligadebüt – ohne Bewertung.
Lennart Karl: Feierte sein Startelfdebüt in der Bundesliga und verschaffte damit Olise eine Pause. Karl machte es auf der rechten Seite gut, suchte immer wieder das Dribbling und traute sich dabei auch Abschlüsse aus der Distanz zu. Seine exponierte Stellung für einen erst 17-Jährigen äußerte sich aber dadurch, dass er bereits die Ecken schießen darf – und so das 1:0 durch Kane vorbereitete. Auch darüber hinaus auffällig. Note: 2 © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Jenni Maul
Nicolas Jackson: Ohne Einsatz im Kader.
Nicolas Jackson: Kam zu seinem ersten Startelfeinsatz, bei dem Jackson aber zunächst mit zu leichten Ballverlusten auffiel. Der Stürmer wirkte etwas desorientiert: Wenn die Bälle lang gespielt wurden, kam Jackson oft entgegen – und wenn er selber startete, blieb das Zuspiel aus. Undankbarer Auftritt. Note: 4 © IMAGO/Ulrich Wagner
VfB Stuttgart - FC Bayern München
Luis Diaz: Verpasst einen historischen Rekord: Noch nie traf ein Neuzugang in seinen ersten vier Spielen – nach drei Treffern in seinen ersten drei Partien konnte Dias nun in Hoffenheim nicht nachlegen. Das lag daran, dass der Kolumbianer im Offensivspiel etwas außen vor wirkte und zu weniger Aktionen als seine Nebenmänner kam. Note: 4 © IMAGO/Noah Wedel
GER, VfB Stuttgart vs. FC Bayern Muenchen, Fussball, Herren, Franz-Beckenbauer-Supercup 2025, Supercup, Spielzeit 2025/2026, 16.08.2025
Harry Kane: Wer den Weltklassespieler Kane verstehen will, muss neben all den Gala-Auftritten in der Champions League vor allem Spiele wie in Hoffenheim betrachten: Denn hier, während andere Spieler eine Verschnaufpause bekommen, ackerte Kane, holte sich Bälle ab und grätschte sie sich selbst zurück. Sein kämpferischer Auftritt gegen mutige Hoffenheimer wirkte daher lange wie der eines Sechsers – bis Kane dann nach einem Eckballtrick zur Führung traf und auch seine Hauptqualität unter Beweis stellte: Tore schießen. Dazu passte natürlich, dass Kane auch die Elfer zum 2:0 und 3:0 verwandelte. Es war sein elfter (!) Scorerpunkt im vierten Bundesligaspiel. Aber das ist inzwischen ja fast nichts Besonderes mehr. Note: 1 © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Wolfgang Frank
VfB Stuttgart - FC Bayern München
Joshua Kimmich: Ohne Bewertung. © IMAGO/Noah Wedel
Fussball Supercup Saison 2025/2026 VfB Stuttgart - FC Bayern Muenchen
Serge Gnabry: Ohne Bewertung. © IMAGO/Markus Ulmer
Fussball Telekom Cup / FC Bayern Muenchen -Tottenham Hotspur 4-0
Michael Olise: Ohne Bewertung. © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON
Fußball, Franz Beckenbauer Supercup 2025, 20250816, VfB Stuttgart - FC Bayern München
Dayot Upamecano: Ohne Bewertung. © IMAGO/Markus Fischer
GER, FC Bayern Muenchen vs. Tottenham Hotspur, Fussball, Telekom Cup, Testspiel, Saison 2025/2026, 07.08.2025
Tom Bischof: Ohne Bewertung. © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Jenni Maul
CALCIO
Josip Stanisic: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
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Raphaël Guerreiro: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
Jonah Kusi-Asare: Feierte in der 86. Minute nach Einwechselung ebenfalls sein Bundesliga-Debüt – ohne Bewertung.
Jonah Kusi-Asare: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.
VfB Stuttgart - FC Bayern München
Jonas Urbig: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Revierfoto
Jamal Musiala: Ohne Einsatz im Kader.
Jamal Musiala: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/David Klein
Franz-Beckenbauer-Supercup 2025, VfB Stuttgart - FC Bayern München; 16.08.2025
Sven Ulreich: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Goldberg
Wisdom Mike: Ohne Einsatz im Kader.
Wisdom Mike: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Markus Ulmer
Alphonso Davies: Ohne Einsatz im Kader.
Alphonso Davies: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/JOERAN STEINSIEK
Leon Klanac: Ohne Einsatz im Kader.
Leon Klanac: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Mladen Lackovic
Hiroki Ito: Ohne Einsatz im Kader.
Hiroki Ito: Ohne Einsatz im Kader. © DeFodi/Imago

Schiedsrichter müssen nun in Milli-Sekunden zu Körper-Geometrie-Experten werden – und selbst mit Hilfe des VAR kommen uneinheitliche Entscheidungen zustande. Zwei wichtige Elemente des Fußballs treten dagegen in den Hintergrund. Fußball ist ein dynamisches Spiel – und der Schiedsrichter sollte ursprünglich anhand eines Regelwerks die Regeln so auslegen, dass sie dem Geiste des Spiels dienen.

Beim Handspiel ging es früher im Wesentlichen um zwei Aspekte: Hat der Spieler mit Absicht ein Handspiel gemacht? Oder hat er, absichtlich oder nicht, mit einem Handspiel eine große Torchance verhindert? Das waren lange Zeit die beiden Orientierungspunkte für Schiedsrichter, um vor allem in Sachen Elfmeter klare Entscheidungen zu treffen. So konnten die Referees im Sinne des Spielflusses und des Ergebnisses meist gute Entscheidungen treffen.

Bayerns Boey schießt Gegenspieler aus kurzer Distanz an

Heute gibt es dagegen viele Entscheidungen, die alle in den Wahnsinn treiben. Exemplarisch sei das Beispiel zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem FC Bayern (1:4) am vergangenen Spieltag herangezogen. Hoffenheim setzte dem FC Bayern zunächst zu, verpasste es aber, ein Tor zu erzielen.

Die Münchner schlugen mit einem Standard eiskalt zurück und gingen mit einer 1:0-Führung in die Pause. Hoffenheim kam motiviert aus der Kabine, doch schon nach wenigen Minuten gab es Elfmeter für den FC Bayern. Warum? Bayerns Sacha Boey zog an der Strafraumgrenze ab, der Ball prallte Hoffenheims Abwehrspieler Albian Hajdari ans Bein und von dort an den ausgestreckten rechten Arm.

Der Schuss selbst war keine große Torchance, eher eine Verzweiflungstat in einem Gewühl an der Strafraumkante. Schiedsrichter Robert Hartmann gab dennoch Elfmeter. Er erklärte später bei Sky dazu: „Regeltechnisch komme ich bei dem Handspiel nicht um einen Pfiff herum. Natürlich bitter für den Verteidiger. Er hält die Hand fast 90 Grad weg vom Körper, unter Spannung. Dadurch wird der Ball geblockt. Regeltechnisch zu 100 Prozent klarer Strafstoß.“

Und dass vor dem Handspiel der Ball noch den Oberschenkel berührte, spielte keine Rolle, „weil der Arm schon vorher so gehalten wird, weil er unter Spannung steht“, so Hartmann. Die Münchner machten mit dem Elfmeter das 2:0 – und von da an hatte Hoffenheim praktisch keine Chance mehr auf einen überraschenden Punktgewinn.

Zahlreiche Experten, sei es Dietmar Hamann bei Sky, Michael Ballack bei DAZN oder die Runde im Doppelpass von Sport1, nahmen im Anschluss den Schiedsrichter in Schutz. Schließlich setze er nur das Regelwerk um. Die Experten waren sich aber einig, dass die Handspielregel einer Änderung bedarf. In diesem Fall gilt: Lasst wieder mehr Spielgefühl walten statt pure Regeltheorie. Sonst treibt die Handspielregel den Fußball und alle Beteiligten noch in den Wahnsinn.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Markus Ulmer

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