Der Strafstoß für den FC Bayern, der alle in den Wahnsinn treibt
VonDaniel Michel
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Handspielregel: Sie erzeugt heftige Diskussionen. Der erste Strafstoß für den FC Bayern in Hoffenheim war korrekt, dient jedoch nicht dem Sport.
Hoffenheim – Es gehört zum Fußball dazu, über Schiedsrichter-Entscheidungen zu diskutieren. Vor rund 20 Jahren ging es zum Beispiel oft darum, ob eine Situation als Abseits zu werten war oder nicht. Mit dem Zulassen von Video-Technik und der Einführung des Video-Schiedsrichters hat sich dieses Problem erledigt.
Zwar sind viele Fans sauer, dass oftmals noch die Analyse über eine Abseits-Entscheidung lange dauert und dem Fußball, gerade beim Torjubel, seine Emotion nimmt. Doch das Gute daran: In Sachen Abseits gibt es keine Fehlerquote mehr. Zum großen Ärgernis in den vergangenen Jahren sind dagegen Diskussionen über Handspiele geworden.
Die Handspielregel soll verwissenschaftlicht werden
Auch früher gab es Diskussionen über Handspiele, aber nicht so häufig wie heute. Was ist der Kern des Problems? Ähnlich wie bei den Abseits-Entscheidungen war es von den Regelhütern das Ziel, Handspiele zu technisieren, zu verwissenschaftlichen und dadurch klar zu regeln. Es geht nun oft darum, wie und in welchem Winkel ein Verteidiger seine Hände nutzt, um daraus eine Elfmeter-Situation abzuleiten.
Spätestens seit dem EM-Viertelfinale 2024 zwischen Spanien und Deutschland weiß man, dass dieses Vorhaben in die Hose gegangen ist. Die UEFA gab selbst an ihre Schiedsrichter durch, dass es bei der Szene mit Marc Cucurella einen Elfmeter hätte geben müssen. Was in Sachen Abseits-Entscheidungen mit dem VAR ein guter Schritt war, scheint in Sachen Handspiele den Fußball in eine falsche Richtung zu lenken.
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Schiedsrichter müssen nun in Milli-Sekunden zu Körper-Geometrie-Experten werden – und selbst mit Hilfe des VAR kommen uneinheitliche Entscheidungen zustande. Zwei wichtige Elemente des Fußballs treten dagegen in den Hintergrund. Fußball ist ein dynamisches Spiel – und der Schiedsrichter sollte ursprünglich anhand eines Regelwerks die Regeln so auslegen, dass sie dem Geiste des Spiels dienen.
Beim Handspiel ging es früher im Wesentlichen um zwei Aspekte: Hat der Spieler mit Absicht ein Handspiel gemacht? Oder hat er, absichtlich oder nicht, mit einem Handspiel eine große Torchance verhindert? Das waren lange Zeit die beiden Orientierungspunkte für Schiedsrichter, um vor allem in Sachen Elfmeter klare Entscheidungen zu treffen. So konnten die Referees im Sinne des Spielflusses und des Ergebnisses meist gute Entscheidungen treffen.
Bayerns Boey schießt Gegenspieler aus kurzer Distanz an
Heute gibt es dagegen viele Entscheidungen, die alle in den Wahnsinn treiben. Exemplarisch sei das Beispiel zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem FC Bayern (1:4) am vergangenen Spieltag herangezogen. Hoffenheim setzte dem FC Bayern zunächst zu, verpasste es aber, ein Tor zu erzielen.
Die Münchner schlugen mit einem Standard eiskalt zurück und gingen mit einer 1:0-Führung in die Pause. Hoffenheim kam motiviert aus der Kabine, doch schon nach wenigen Minuten gab es Elfmeter für den FC Bayern. Warum? Bayerns Sacha Boey zog an der Strafraumgrenze ab, der Ball prallte Hoffenheims Abwehrspieler Albian Hajdari ans Bein und von dort an den ausgestreckten rechten Arm.
Der Schuss selbst war keine große Torchance, eher eine Verzweiflungstat in einem Gewühl an der Strafraumkante. Schiedsrichter Robert Hartmann gab dennoch Elfmeter. Er erklärte später bei Sky dazu: „Regeltechnisch komme ich bei dem Handspiel nicht um einen Pfiff herum. Natürlich bitter für den Verteidiger. Er hält die Hand fast 90 Grad weg vom Körper, unter Spannung. Dadurch wird der Ball geblockt. Regeltechnisch zu 100 Prozent klarer Strafstoß.“
Und dass vor dem Handspiel der Ball noch den Oberschenkel berührte, spielte keine Rolle, „weil der Arm schon vorher so gehalten wird, weil er unter Spannung steht“, so Hartmann. Die Münchner machten mit dem Elfmeter das 2:0 – und von da an hatte Hoffenheim praktisch keine Chance mehr auf einen überraschenden Punktgewinn.
Zahlreiche Experten, sei es Dietmar Hamann bei Sky, Michael Ballack bei DAZN oder die Runde im Doppelpass von Sport1, nahmen im Anschluss den Schiedsrichter in Schutz. Schließlich setze er nur das Regelwerk um. Die Experten waren sich aber einig, dass die Handspielregel einer Änderung bedarf. In diesem Fall gilt: Lasst wieder mehr Spielgefühl walten statt pure Regeltheorie. Sonst treibt die Handspielregel den Fußball und alle Beteiligten noch in den Wahnsinn.