„Der Wagen im Rückspiegel“ – Eintracht Frankfurt holt zum BVB gefährlich auf
VonLars Pollmann
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Eintracht-Boss Axel Hellmann wählt ein starkes Bild für die Jagd auf den BVB. Doch ist die Kampfansage korrekt? Die Daten sprechen eine klare Sprache.
Dortmund/Frankfurt – „Wir sind der Wagen im Rückspiegel, den sie sehen“ – mit dieser bildhaften Metapher bringt Eintracht Frankfurts Vorstandssprecher Axel Hellmann die aktuelle Konkurrenzsituation zu Borussia Dortmund auf den Punkt. In einem Interview mit der Bild-Zeitung liefert er eine spannende Analyse der Kräfteverhältnisse zwischen beiden Vereinen.
Ein datengestützter Faktencheck zeigt: Der Eintracht-Boss liegt mit seinen Einschätzungen richtig. „Es liegen eineinhalb Welten zwischen uns“, lautet die Kernthese von Hellmann. Die Dortmunder spielen „über zehn Jahre in Folge Champions League“, führt er aus, sind „bei der Klub-WM dabei“ und „verkaufen vier- bis fünfmal so viele Trikots“. Gleichzeitig betont er aber auch: „Wir haben in bestimmten Feldern deutlich aufgeholt.“
Der BVB erkennt Eintracht im Rückspiegel immer deutlicher
Der BVB qualifiziert sich seit der Saison 2016/17 in der Tat ununterbrochen für die Champions League – das sind mit der kommenden Saison 2025/26 zehn aufeinanderfolgende Teilnahmen. In der Saison 2015/16 spielte der BVB noch in der Europa League, seitdem aber ist die Serie ungebrochen, weil am 34. Spieltag der vergangenen Spielzeit noch der Sprung vorbei am SC Freiburg gelang.
Der alljährliche Gang zu den prall gefüllten Fleischtöpfen der UEFA-Vermarktung ist das finanzielle Rückgrat des BVB und schafft einen Kreislauf aus sportlichem Erfolg und wirtschaftlicher Kraft. Daraus resultierte auch die Qualifikation für die FIFA Klub-WM 2025 in den USA – Dortmund sicherte sich über ein UEFA-Ranking einen Startplatz. Die Einnahmen beliefen sich auf 44,8 Millionen Euro.
Auch bei den Merchandising-Zahlen liegt Hellmann wahrscheinlich richtig. Wirklich belastbare Zahlen über die Anzahl der verkauften Trikots sind kaum zu finden. Ein Multiplikator von vier bis fünf, wie Hellmann ihn angibt, ist jedoch eine mindestens plausible Einschätzung. Der BVB ist eine etablierte internationale Marke, Frankfurt eine stark wachsende, aber noch regional konzentrierte Größe.
Im aktuellen Branchenranking der Deloitte Football Money League 2025 steht Dortmund auf Platz elf weltweit mit einem Umsatz von 514 Millionen Euro, während Frankfurt auf Platz 24 mit 245,2 Millionen Euro rangiert. Eintracht war 2023 erstmals in den Top 20 gelistet, fiel aber wieder heraus. In all diesen Kennzahlen lässt sich also durchaus festhalten, was Hellmann konstatiert: Ein Vorsprung für den BVB.
Doch Hellmanns zweite zentrale These stimmt ebenso: Frankfurt hat „in bestimmten Feldern deutlich aufgeholt“. Die Daten belegen das eindrücklich. Der Kaderwert der Eintracht beim Portal Transfermarkt betrug Anfang 2018 90,75 Millionen Euro, heute sind es 342,40 Millionen Euro. Im Verhältnis zum BVB waren es Anfang 2018 nur knapp über 21 Prozent des Kaderwerts, heute sind es über 85 Prozent!
Dieser Zuwachs ist das Resultat erfolgreicher Veredelungsarbeit am Main. Randal Kolo Muani kam ablösefrei und wurde für 95 Millionen Euro verkauft, Hugo Ekitiké wechselte für ähnlich schwindelerregende Summen jüngst zum FC Liverpool. Frankfurts Wachstum hängt stark von volatilen Transfererlösen und der Qualifikation für lukrative Europacup-Wettbewerbe ab – was auch den Rückfall im Deloitte-Ranking erklärt.
Weil der Klub bisher jeden Top-Verkauf kompensieren konnte, steigt aber die Qualität nachhaltig. Frankfurt übernimmt zunehmend die Rolle, die lange dem BVB vorbehalten war: „Das beste Sprungbrett Europas“, wie DAZN-Experte Sebastian Kneißl gegenüber Absolut Fussball, dem Fußballportal von Home of Sports, analysierte.
Auch sportlich manifestiert sich Frankfurts Aufholjagd in beeindruckenden Zahlen: Seit Markus Krösches Amtsantritt als Sportchef im Jahr 2021 haben sich die SGE und der BVB kontinuierlich angenähert. Lag der BVB in Krösches erster Saison noch 27 Punkte vor Frankfurt, waren es danach 21, dann 16 – bis die Eintracht in der vergangenen Spielzeit vor Dortmund landete. Ein 30-Punkte-Turnaround in vier Jahren.
Dass Frankfurts Aufstieg auch extern wahrgenommen wird, zeigen Experteneinschätzungen. Mit Robbie Hunke und Oliver Forster nannten zuletzt gleich zwei Top-Kommentatoren von DAZN im Gespräch mit Absolut Fussball die Eintracht als ersten Konkurrenten für den FC Bayern in der neuen Saison – noch vor dem BVB.
Dortmund hat das Erstarken der SGE nach Informationen von Absolut Fussball ohnehin bereits frühzeitig vorausgeahnt und in Frankfurt einen „schlafenden Riesen“ erkannt. Hellmanns Analyse der Konkurrenzsituation trifft den Nagel dabei auf den Kopf: Der BVB verwaltet noch einen Vorsprung, die Eintracht wird im Rückspiegel aber immer deutlicher erkennbar – und will das Überholmanöver aus der letzten Saison noch öfter vollziehen.