VonThomas Kilchensteinschließen
Makoto Hasebe und Sebastian Rode beenden ihre Karrieren - sie waren nicht nur Eintracht-Profis, sie waren Botschafter für den Verein
Als der nun scheidende Makoto Hasebe so alt war wie Sebastian Rode jetzt, hat seine Laufbahn noch einmal richtig Fahrt aufgenommen. Stammspieler bei Eintracht Frankfurt, WM in Russland, Pokalsieg 2018 gegen die Bayern, dann staunenswerte Auftritte in Europa, der Gewinn der Europa League in Sevilla. All das hätte der alte Hase, seit Januar 40 Lenze, nicht erlebt, hätte er, wie jetzt Seppl Rode, mit 33 Schluss gemacht, Schluss machen müssen. So ist das mit der Gesundheit, mit den Knochen, Gelenken, Sehnen, Muskeln – am Ende des Tages schnurrt vieles im Leben auf körperliche Unversehrtheit zusammen.
Es verlassen an diesem Samstag beim Halali gegen RB Leipzig nicht irgendwelche Spieler die große Bühne und die Eintracht: Es gehen Identifikationsfiguren. Der Klub verliert gleich zwei Gesichter, Aushängeschilder, Persönlichkeiten, die prägend waren, Vorbilder auch. Sie waren nahbar, normal, allürenfrei. Und treu: Rode spielte neun, Hasebe zehn Jahre für die Eintracht.
Beide werden immense Lücken hinterlassen, die mindestens so groß sein werden wie die Abgänge etwa von Randal Kolo Muani oder der sogenannten Büffelherde. Nicht sportlich, aber vor allem menschlich, charakterlich, und dieser Verlust wirkt stärker. Beide, integer und loyal, haben die Mannschaft zusammengehalten, haben stets den Teamgedanken in den Mittelpunkt gerückt, sie waren Respektspersonen, die viele Dinge untereinander geregelt haben, deren Worte in der multikulturellen Kabine Gewicht hatten. Über Seppl Rode sagt etwa Ikone Alex Meier, er sei dort „ein Riese“ gewesen. An Hasebe haben sich alle bis ins hohe Alter viele Scheiben abschneiden könne, was Einstellung und Professionalität betraf.
Und es sind kluge Köpfe, die über den Tellerrand hinausblicken, die sich gesellschaftspolitisch engagieren. Rode setzt sich als Botschafter des Landespräventionsrates Hessen für Gewaltfreiheit bei Kindern und Jugendlichen ein, Hasebe schrieb ein Buch („Die Ordnung der Seele“), dessen Erlös den Opfern der Reaktorkatastrophe von Fukushima zugute kam, beide werden der Eintracht in wichtigen Funktionen erhalten bleiben. Beide Familienväter wissen, dass sie als Fußballer privilegiert waren. „Wir Spieler haben unser Hobby zum Beruf gemacht“, zum bestens besoldeten, sagt der aus Seeheim-Jugenheim stammende Rode. „Vielen Menschen geht es viel, viel schlechter. Es gibt so viel Leid, dagegen sind meine ganzen Verletzungen doch Lappalien.“
Asiatische Gelassenheit?
Sebastian Rode, der Kapitän von Eintracht Frankfurt, hat mit seinen Knochen nicht so viel Glück gehabt wie Hasebe, wahrlich nicht, und umso größer ist die Hochachtung vor der fußballerischen Lebensleistung des gerne von der FR als semmelblond umschriebenen Kämpfers: Rode hat in seiner Laufbahn, die ihn 2010 (von den Offenbacher Kickers) zum ersten Mal zur Eintracht geführt hat, 52 mehr oder weniger schwere Verletzungen klaglos ertragen müssen, es gibt ja kaum etwas in beiden Knien, das nicht mal lädiert war. Mehr als 300 Spiele hat er verpasst, insgesamt war er an mehr als 1500 Tagen nicht in der Lage, Fußball zu spielen, runde vier Jahre. Deswegen kommt Rode „nur“ auf 387 Spiele (plus zwölf U-Auswahlkicks), Hasebe aber auf 691 Partien plus 114 Länderspiele – und das hat nicht nur damit zu tun, dass der Japaner sieben Jahre länger am Ball war.
Hasebe, der in seiner mehr als zwei Jahrzehnte währenden Laufbahn für vier Klubs gespielt hat (Red Diamonds Urawa, VfL Wolfsburg, 1. FC Nürnberg, seit 2014 bei der Eintracht), war ein anderer Spielertyp, zwar konnte er auch dazwischenfegen, sein Spielstil war aber eher elegant, leicht, viel mit Auge. Auch deshalb hat er bis ins hohe Fußballeralter sein Level halten können, er antizipierte, wusste vorher schon, wohin der Ball kommen würde. Das hat ihm im defensiven Mittelfeld Vorteile verschafft, mehr aber am Ende, als er den Libero aufleben und häufig Spieler, die seine Söhne hätten sein können, alt aussehen ließ. Asiatische Gleichmut freilich verkörperte der früher auf dem Rasen leicht aufbrausende Hasebe im Eifer des Gefechts nicht. Beide, Rode und Hasebe, haben in ihrer Karriere aber immer dazugelernt, sind hungrig geblieben.
Für Rode war der Wechsel zu den Bayern, 2014, womöglich die beste Entscheidung seines Lebens, denn dort im Münchner Starensemble hat sein Spiel einen strategischen Schliff erhalten, dazu musste er wegen der üblichen Rotation nicht regelmäßig spielen, konnte seinem geschundenen Körper notwendige Aus- und Ruhezeiten gönnen. Dass er Meister und Pokalsieger wurde, kam dazu. Schließlich sein Wechsel zu Borussia Dortmund, wo er das einzige Mal nach einer Verletzung ernsthaft ans vorzeitige Karriereende dachte. 2019 kehrte er in den Stadtwald zurück. Es kam ein gereifter, ein erwachsener Seppl Rode zurück.
Der „Terrier“ ist viele, viele Male gefragt worden, ob es nicht besser für ihn gewesen wäre, seine Spielart zu ändern, nicht in jeden Zweikampf zu gehen als sei es der letzte. Unvergessen natürlich das Europacup-Finale im Glutofen von Sevilla, nach fünf Minuten blutete die klaffenden Kopfwunde nach einem Tritt an den Schädel, Rode ließ sich tackern, biss wie immer auf die Zähne. Klar, hätte er den Fuß, den Kopf zurückziehen können, aber dann wäre es nicht mehr Rode-Fußball gewesen. Rode kann nur Rode-Fußball, er wäre nicht der Spieler gewesen, der er geworden ist.
Hessische Verbissenheit
4Nur diese Verbissenheit, diese Opferbereitschaft, diese Professionalität haben Rode und Hasebe, noch eine Gemeinsamkeit, dazu befähigt, so lange durchzuhalten, so häufig wieder zurückgekommen. Er habe halt nach jeder Verletzung gehofft, dass jetzt „alles gut wird“, sagte der 33-Jährige nach seiner jüngsten Knie-OP im Februar. Dieser Wille trieb ihn die letzten Monate an, um wenigstens ein paar Minuten beim Abschied im Trikot mit der Nummer 17 ein letztes Mal auf dem Rasen stehen zu können. Und wer, wie Hasebe, mit 40 Bundesliga spielen könnte (wenn ihn Trainer Dino Toppmöller aufgestellt hätte, der am Donnerstag die Spieltagspressekonferenz wegen starker Kopfschmerzen verschieben musste), der hat ohnehin sein ganzes Leben dem Sport unterworfen, inklusive gesunder Ernährung, viel Schlaf, Meditation und heißen Bädern, Hasebes „Doping“ für die Füße. Nur so wird man zu einem „Beckenbauer Asiens“ und Elder Statesman in Fußballschuhen. Dazu: Es wird sich keiner finden lassen, der je ein böses Wort über Makoto Hasebe verloren hätte.
Für die beiden Säulen, nicht wegzudenken aus dem Klub, muss Sportvorstand Markus Krösche Ersatz finden. Es könnte seine größte, seine schwierigste Aufgabe werden.
