VonJan Christian Müllerschließen
Frank Hellmannschließen
Ein aufgedrehtes DFB-Team zerlegt die Azzurri und zieht eindrucksvoll ins Final Four der Nations League ein.
Rauschende Fußballabende hat Dortmund schon einige erlebt. Doch der schwarz-gelbe Stimmungstempel eignet halt vortrefflich, um immer wieder der deutschen Nationalmannschaft besondere Erweckungserlebnisse zu verschaffen. In diesen Reigen fügte sich am Sonntagabend das kuriose 3:3 (3:0)-Remis im Viertelfinal-Rückspiel der Nations League gegen den früheren Angstgegner Italien. 64762 Fans gerieten bei den Toren von Joshua Kimmich (30./Foulelfmeter), Jamal Musiala (37.) und Tim Kleindienst (45.) zunächst aus dem Häuschen, ehe ein Doppelschlag von Moise Kean (49. und 69.) sowie Giacomo Raspadori (90.+5/ Handelfmeter) auf die Stimmung drückte.
Am Ende nach einer ewig langen Nachspielzeit standen die die deutschen Spieler im Mittelkreis und diskutierten. Es sah von den Rängen verdächtig nach einer Mischung aus Erleichterung und Verärgerung aus. Erleichterung darüber, dass es noch zum Unentschieden gereicht hatte und nicht noch in die Verlängerung ging. Verärgerung darüber, dass man das Spiel nach einer 3:0-Halbzeitführung und einer bis dahin hervorragenden Leistung fast noch komplett aus der Hand gegeben hätte.
Erinnerungen an Schweden-Spiel 2012
Es waren zwischendurch gar Erinnerungen wach geworden an jenes legendäre 4:4 im Oktober 2012 unter Bundestrainer Joachim Löw gegen Schweden. Damals hatte das DFB-Team gar 4:0 geführt und dann binnen 25 Minuten vier Gegentreffer kassiert. Diesmal war die Vorstellung in der ersten Halbzeit ähnlich eindrucksvoll wie seinerseits, aber nach dem Wechsel auch ähnlich desolat wie vor 13 Jahren.
Vor allem in der ersten Hälfte betätigte sich die deutsche Nationalelf als perfekte Pressingmaschine. Da griff ein Rädchen ins andere – und das trotz der extrem kurzen Vorbereitungszeit und vier Monaten ohne Länderspiel über den Jahreswechsel. Teilweise schimmerte da schon WM-Form durch. Doch die zweite Hälfte wird Bundestrainer Julian Nagelsmann weniger gefallen haben, weil Ordnung und Kontrolle ziemlich abhanden kamen.
Nach dem 2:1-Hinspielerfolg hat die DFB-Auswahl dennoch das Final Four eines noch jungen Wettbewerbs geht, den bislang Portugal (2019), Frankreich (2021) und Spanien (2023) gewonnen haben. In diese Liste möchte sich das ehrgeizige Ensemble unter Nagelsmann einreihen, wo der Deutsche Fußball-Bund (DFB) doch den Zuschlag für diese Endrunde am 4. bis 8. Juni erhalten hat.
Diese Mini-EM soll nicht nur die Stimmung der Heim-EM 2024 wiederbeleben, sondern auch eine Siegermentalität im Hinblick auf die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA schärfen. Fast schade, dass dann in München und Stuttgart gespielt wird – und nicht in Dortmund, wo das Halbfinalaus bei der WM 2006 gegen die Squadra Azzurra die einzige Niederlage in 21 Länderspielen bleibt. Ganz nebenbei steht jetzt fest, gegen wen der vierfache Weltmeister in der WM-Qualifikation spielt: nämlich Slowakei, Nordirland und Luxemburg. Ein Pflichtprogramm.
Nagelsmann hatte seine Startelf aus dem Giuseppe-Meazza-Stadion auf vier Positionen geändert: Nico Schlotterbeck, Maximilian Mittelstädt, Angelo Stiller und Tim Kleindienst rückten ins Team. Die Grundsystematik wirkte überdies sehr flexibel, weil sich Mittelstädt fast als Linksaußen postierte, Stiller den einzigen Sechser gab, während Musiala und Leroy Sane aus den Zehnerräumen anschoben. Zudem attackierte der Gastgeber ausgesprochen früh und eroberte immer wieder im Gegenpressing das Spielgerät. Nur dauerte es zunächst, bis zwingende Chancen heraussprangen. Doch als der fleißige Leon Goretzka den Ball in die Gasse passte und der starke Mittelstürmer Kleindienst von Verteidiger Alessandro Buongiorno in höchster Not im Laufduell gehalten wurde, verwandelte Kapitän Kimmich den fälligen Strafstoß entschlossen.
Den nächsten Scorerpunkt sammelte der Rechtsverteidiger in der kuriosesten Szene des Tages: Als die Italiener bei einem Eckball noch herumstanden, Torwart Gianluigi Donnarumma mal wieder eine sinnfreie Debatte startete, legte Kimmich in die Mitte, wo Klubkollege Musiala nur noch ins leere Tor schob. Selbst viele Stadionbesucher hatten so schnell nicht mitbekommen, was da eigentlich zwei geistesgegenwärtige Akteure des FC Bayern angestellt hatten. Schiedsrichter Szymon Marciniak zeigte sofort zum Mittelkreis.
Wenig später deutete der polnische Unparteiische auf seine Uhr, die ihm nämlich den dritten deutschen Treffer durch die Torlinientechnologie angezeigt hatte. Wieder eine Balleroberung, erneut eine Kimmich-Flanke und dann der Kleindienst-Kopfball, den Donnarumma erst hinter der Linie zu greifen bekam: Fertig war das 3:0 nach einem furiosen Vortrag in Halbzeit eins.
Sané spielt schlampig auf Kimmich ab
Der zweite Durchgang begann erst einmal mit einem Wachmacher. Nach ungenauem Sané-Zuspiel legte Kimmich den Ball in den Lauf des Italieners Kean, der sich beim 3:1 nicht lange bitten ließ. Die Italiener wollten offenbar ihren Nationaltrainer Luciano Spalletti doch nicht in Erklärungsnot für ein blutleere Vorstellung bringen. Bald musste das deutsche Publikum Abwehrchef Antonio Rüdiger für eine Rettungsaktion mit Sprechchören gefeiert werden.
Nach gut einer Stunde sollten neben Nadiem Amiri noch die Dortmunder Groß und Karim Adeyemi für Belebung sorgen. Doch irgendwie waren die Automatismen verloren gegangen. Erneut Kean mit einer starken Einzelleistung besorgte das 3:2. Und wenig später freuten sich die Tifosi im Gästeblock schon auf die große Chance zum Ausgleich, doch nahm Referee Marciniak einen von Schlotterbeck verursachten Strafstoß nach VAR-Intervention wieder zurück. Schlotterbeck hatte zuerst den Ball gespielt. Glück für Deutschland. Dennoch kamen die Italiener noch zum Ausgleich, weil der Videoassistent ein Handspiel von Maximilian Mittelstädt erspähte, was dann zum späten Gleichstand durch Raspadori führte.
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