Bei EM-Spiel gegen Österreich: Wunsch von deutscher Handball-Legende erfüllt sich
VonChristoph Wutz
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Jo Deckarm feierte seinen 70. Geburtstag. Auch die Handball-Nationalmannschaft ehrt ihn jetzt. Für ihn ist es ein sehr besonderer Moment.
Gummersbach/Köln – Hochspannung bei der Handball-EM! Am Samstagabend trifft Deutschland im zweiten Hauptrundenspiel auf Österreich. Rund 20.000 Zuschauer werden in der Kölner Lanxess-Arena erwartet – unter ihnen auch Handball-Legende Joachim „Jo“ Deckarm. Für den Weltmeister von 1978, der seit seinem tragischen Unfall vor rund 45 Jahren hilfsbedürftig ist, wird damit ein großer Traum wahr.
Bei EM-Spiel gegen Österreich: Wunsch von DHB-Handball-Legende erfüllt sich
Am Freitag (19. Januar) feierte Deckarm, der als einer der besten Handballer aller Zeiten gilt, seinen 70. Geburtstag. Tags folgt die große Feier in der Lanxess-Arena. „Wir werden ihn auf der Platte feiern, wie wir das schon bei der Heim-WM 2019 zu seinem 65. Geburtstag gemacht haben“, kündigte DHB-Sportvorstand Mark Schober vor der Partie gegen die Österreicher an. Vor fünf Jahren sangen die Zuschauer beim Aufeinandertreffen mit Island ein Geburtstagsständchen. Gegen Österreich soll Deckarm erneut geehrt werden und so kann er die Nationalmannschaft noch einmal hautnah verfolgen.
Darüber freut sich der 70-Jährige außerordentlich: „Das Gefühl, das noch erleben zu können und vor 20.000 Menschen mit den Jungs auf das Spielfeld zu gehen, ist ein Traum für mich“, sagte Deckarm jetzt, unterstützt von seinem Bruder Herbert, dem Sport-Informationsdienst (SID). „Da würde ich am liebsten aus meinem Rollstuhl springen und ‚Juhu‘ schreien“, verriet der frühere Spieler des VfL Gummersbach.
Joachim „Jo“ Deckarm (hier bei einem Auftritt 2018) freut sich sehr auf das deutsche Handball-EM-Spiel gegen Österreich, bei dem er anlässlich seines 70. Geburtstages geehrt wird.
Deckarm kann deutsche EM-Spiele im Seniorenheim nicht verfolgen
Der Besuch des zweiten deutschen Hauptrundenspiels bei der Heim-EM ist dabei nur ein Teil des regelrechten Partymarathons rund um Deckarms 70. Geburtstag. Am Freitag bereits hatte Deckarms Kumpel Brand eine Sause in Gummersbach organisiert. In der kommenden Woche gibt es noch ein kleines Festival vom Handballverband Saar in Saarbrücken mit Empfang beim Oberbürgermeister und einem Benefizspiel zu Ehren des Jubilars. „Darauf freue ich mich“, sagte Deckarm dem SID.
Die bisherigen deutschen EM-Spiele konnte Deckarm aufgrund der späten Anwurfzeiten nicht live verfolgen. „Da ist bei uns das Licht schon aus, um halb neun sagen wir im Seniorenheim ‚Gute Nacht‘“, so Deckarm, der aber trotzdem voll im Thema ist. Brand gehört zu seinen „Reportern“, die ihm alles berichten. Wenn seine Freunde von den begeisternden DHB-Auftritten erzählen, macht ihn das „glücklich“.
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Ausgesprochen werden die emotionalen Worte gegenüber dem SID von seinem Bruder Herbert, der seit geraumer Zeit Deckarms gesetzlicher Vertreter und auch dessen Sprachrohr ist. Deckarm selbst fällt das Sprechen schwer.
Der 70-Jährige ist davon überzeugt, dass es für das deutsche Team weit gehen kann bei der EM. Die aktuelle Begeisterung der „jungen Burschen“ könne „Berge versetzen. Wenn die mal Blut lecken, wenn da einmal Feuer unterm Dach ist, sind sie nicht mehr zu bremsen. Ein Feuer, wie wir es damals auch 1978 hatten.“ Damals hatte er die DHB-Auswahl mit Heiner Brand zum WM-Titel geworfen.
Handball-Koryphäe Deckarm erfreut sich an kleinen Dingen des Alltags
Dass er seinen runden Geburtstag noch erleben darf, ist ein Geschenk. Denn nach einem mehrwöchigen Krankenhaus-Aufenthalt während der Corona-Zeit ist sein Körper geschwächt. Medizinisch gesehen geht es ihm wieder besser, doch die Zeit ohne Gymnastik und Reha und vor allem ohne Besuch macht ihm bis heute schwer zu schaffen. Zumindest könne er inzwischen „wieder auf die Toilette gehen“, sagte Deckarm im Gespräch mit dem SID.
Besondere Geburtstagswünsche hat „Jo“ Deckarm nicht. Er genießt vor allem die kleinen Dinge des Alltags. Die regelmäßigen Besuche von Brand und anderen langjährigen Weggefährten. Und natürlich die sonntäglichen Kaffee-Ausflüge, wenn es mit seinem Bruder Herbert und seiner „geliebten Schwägerin“ raus aus dem evangelischen Seniorenzentrum in Gummersbach ins Bergische Land geht. Filterkaffee mit Milch und Käsekuchen – „herrlich“ sei das, so Deckarm: „Kaffee trinken, ein Stückchen Kuchen essen oder auch zwei. Dann ist die Welt für mich in Ordnung.“
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Deckarm kämpfte sich nach schwerem Handball-Unfall zurück ins Leben
Deckarm blickt auf ein bewegtes und bewegendes Leben zurück. Die schrecklichen Bilder vom 30. März 1979 sind bis heute unvergessen. Mitten im Europapokalspiel des VfL Gummersbach bei Banyasz Tatabanya in Ungarn wurde der 104-malige Nationalspieler jäh aus seinem Leben gerissen. Nach einem Zusammenstoß mit Lajos Panovics stürzte Deckarm ungebremst mit dem Kopf auf den nur mit einer dünnen PVC-Schicht belegten Betonboden. Spieler und Betreuer trugen ihn vom Feld, Deckarm fiel ins Koma.
Erst nach 131 Tagen wachte Deckarm als neuer Mensch auf. Ein hilfsbedürftiger Mensch, der alle Fähigkeiten neu erlernen muss – gehen, sprechen, essen. Mit unbändigem Willen und dem Motto „Ich kann, ich will, ich muss“ kämpfte er sich danach ins Leben, sein zweites Leben, zurück. Als „besonderer Kämpfer“ wurde er im Jahr 2013 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Ein beispielloser Kämpfer ist er bis heute.