VonJan Christian Müllerschließen
Kleinigkeiten, die sehr groß werden können - zwei Joker auf den Spuren von David Odonkor und Oliver Neuville.
In dem bei Fußballprofis auch aus Gründen der Selbstvermarktung bevorzugten Austauschkanal hat es David Raum kurz nach Mitternacht noch geschafft, seiner freudigen Erregung Ausdruck zu verschaffen. Begleitet von einem einsamen Jubelbild postete der Linksverteidiger auf Instagram den Satz; „Fühlt sich nicht soooo schlecht an.“ Torschütze Niclas Füllkrug reagierte prompt löblich auf Raums Insta-Profil: „Flankengott.“ Von seiner Seite war dank professioneller Unterstützung da längst eine sechsteilige Bilderstrecke veröffentlicht worden, in der die Vollstreckung per Kopf nach Raums Präzisionsflanke dokumentiert wurde. Dazu gesellte sich der Satz ans internationale Publikum: „It ain’t over til it’s over!“ („Es ist nicht vorbei, ehe es vorbei ist.“)
So werden fußballhistorische Momente im Jahr 2024 virtuell begangen. Als ein solcher dürfte sich Flanke Raum/Kopfball Füllkrug aber nur dann im kollektiven Gedächtnis fixieren, wenn die deutsche Nationalmannschaft den Ausgleich zum 1:1 gegen die Schweiz mit Erfolgen in der bevorstehenden Ausschlussrunde abrundet. So, wie das beim Sommermärchen 2006 der Fall war, bei diesem epischen Odonkor-Neuville-Moment im WM-Gruppenspiel gegen Polen, als in der Zusammenarbeit der beiden Joker das 1:0 brachial gefeiert wurde.
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Damals in Dortmund, jetzt in Frankfurt geriet der Jubel nach der Erlösung derart drastisch, dass Menschen mit sensiblen Ohren Leid erfuhren. Torschütze Füllkrug hatte derweil schnell eine leibhaftige Menschenmasse über sich liegen: ein Haufen Glück sammelte sich da in der Nähe der Eckfahne an. Füllkrug nahm die ekstatische Reaktion auf sein Kopfballtor als „kleine Explosion“ wahr. Tatsächlich hörte es sich an wie eine ziemlich große Explosion, von der das schöne Stadion am Frankfurter Stadtwald dankenswerterweise aber nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es steht noch genauso da wie vorher.
Aber natürlich lässt sich die Situation, die Deutschland statt auf Platz zwei nun als Gruppensieger am nächsten Samstag (21 Uhr) ins Achtelfinale nach Dortmund führt, nicht nur emotional wie vom Torschützen als „möglichen Knackpunktmoment fürs Land und für uns“ erklären, sondern auch fachlich. „Es hilft, wenn du Spieler einwechseln kannst, die gewisse Waffen mitbringen“, interpretierte Füllkrug das Erlebte in der martialischen Sprache, die in seiner Branche bisweilen gewählt wird. Der Mittelstürmer kann mit dem Kopf Dinge, die nicht so viele Fußballspieler in dieser Präzision beherrschen, gleiches gilt auf anderem Gebiet für David Raum.
Füllkrug reiht sich mit seinem nahezu perfekten Kopfballspiel in eine Ahnenreihe deutsche Kopfballungeheuer hinter Uwe Seeler, Horst Hrubesch und Miroslav Klose ein. Tief in der Nacht beschrieb er im Bauch der Arena sehr genau, wie ein solches Tor überhaupt fallen kann: Es sei „wichtig“ gewesen, „dass David vor der Flanke den Kontakt noch mal nach vorne nimmt. Dadurch kommt die Schweizer Abwehrkette ins Fallen. Deshalb kann ich mich von meinem Gegenspieler absetzen.“
Raum erläuterte seine Wahrnehmung ähnlich: Er habe „einen Zwischenschritt genommen, weil meine ersten beiden Flanken geblockt wurden“. Kleinigkeiten, die sehr groß werden können. Die Hereingabe in letzter Minute kam dann mit Effet und mit viel Zug. „Ich musste Tempo aus dem Ball rausnehmen. Wenn ich Tempo reingebracht hätte, wäre der Ball drüber gegangen“, so Füllkrug. Es sei von Bedeutung gewesen, „dass ich den Ball an der Seite treffe, den Drall von der Flanke mitnehme und meinen Kopf ein bisschen zurückziehe“. Die hohe Mathematik des Kopfballspiels könnte wohl nicht besser erklärt werden.
Linksfuß Raum erzählte nach seinen ersten EM-Turnierminuten im dritten Spiel, dass die Perfektion der Zusammenarbeit keineswegs dem Zufall geschuldet ist. Er habe einen „brutal geilen Turniermoment“ erlebt, „auf den ich mich lange vorbereitet hatte“, sagte der 26-Jährige. Und: „Ich habe Fülle schon beim Aufwärmen gesagt: ,Wenn wir beide reinkommen, weiß du Bescheid, wenn ich den Ball kriege.‘
Raum und Füllkrug nehmen sich laut gemeinsamer Selbstauskunft nach Trainingseinheiten regelmäßig noch Zeit, um genau diese Situation einzuüben. „Ich kriege im Training oft am Ende noch Flanken von David und ich versenke die Dinger“, offenbarte Füllkrug breit lächelnd, „Heute hat es sich rentiert, dass wir das tun“, freute sich der Vorbereiter über den Fülle-Raum-Moment.
Mit seiner nicht nur in dieser Szene engagierten Aufführung am Flügel könnte der Leipziger am bisher bevorzugten Linksverteidiger Maxi Mittelstädt vorbeigezogen sein. Raum jedenfalls agierte dynamischer und selbstbewusster als zuvor der Stuttgarter.
Füllkrug vergaß nach seinem bereits 13. Tor im 19. Länderspiel, darunter bereits zwei bei dieser EM, nicht darauf hinzuweisen, dass er es in seiner bewegten Karriere eigentlich nicht gewohnt sei, als Einwechselspieler zu fungieren. Nun verrichtet er seinen Joker-Job allerdings derart zuverlässig, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann wenig Anlass sieht, den Angreifer ab sofort von seiner ihm zugedachten Aufgabe zu befreien, und zwar deshalb, „weil er es super macht. Das ist Freud und Leid für ihn zugleich.“
Füllkrug dürfte also am Samstag gegen Dänemark, Serbien, Slowenien oder England auch in der ihm bestens bekannten Arena zunächst unterbeschäftigt bleiben. Er trägt es mit Fassung: „Ich freue mich auf das Achtelfinale in Dortmund. Das ist als Heimnation viel wert für uns.“ Ein Appell ans kollektive Gedächtnis - an die Kraft des Odonkor-Neuville-Moments.
