Das deutsche Team hat anderen (noch) dominierenden Nationen schon etwas voraus: Durch den bereits laufenden Generationswechsel wird Deutschland bei der Heim-WM 2027 noch stärker sein
Ob Thomas Tuchel und Dino Toppmöller sich dauerhaft für Handball interessieren, kann an dieser Stelle nur gemutmaßt werden. Ihr Arbeitsumfeld in München und Frankfurt ist jedenfalls für hochklassige Darbietungen in dieser Mannschaftssportart nicht bekannt. Es ist den Fußballtrainern des FC Bayern und der Eintracht derzeit aber dringend anzuraten, einen Blick auf die deutschen Handballer zu werfen.
Denn während Tuchel und Toppmöller Angst um die Gesundheit ihrer Spieler haben, wenn nach einem Auftritt auf europäischer Ebene ausnahmsweise mal zwei Tage später schon wieder ein Pflichtspiel in der Bundesligaspiel zu absolvieren ist, halten die Handballer bei der Europameisterschaft derzeit im Zwei-Tages-Rhythmus ohne zu Murren ihre Knochen hin.
Das letzte Hauptrundenspiel gegen Kroatien war beispielsweise die siebte Partie der Deutschen in 15 Tagen. Erstmals konnte Bundestrainer Alfred Gislason die Kräfte dosieren, weil das Weiterkommen seines Teams schon vorher feststand. Man sollte deshalb nicht den Stab über die Mannschaft brechen, weil dieses ungewohnte Manöver beim 24:30 krachend misslang.
Handball-Begeisterung neu entfacht
Die deutsche Mannschaft hat ihr großes Ziel ja bereits jetzt erreicht. Das Wichtigste, so formulierte es vor dem Turnier Kapitän Johannes Golla, aufgewachsen in Eltville-Erbach im Rheingau, sei es, die Zuschauer für den Handball zu begeistern: „Das zieht am Ende. Die Leute sollen sagen: Dieses Team repräsentiert uns, wir schauen denen gerne zu.“
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Die deutsche Mannschaft hat die Handball-Begeisterung im Land wie geplant entfacht: Der Zuschauerweltrekord für diese Sportart mit 53 586 Fans beim Eröffnungsspiel gegen die Schweiz in der Düsseldorfer Fußballarena, das Knacken der Eine-Millionen-Zuschauer-Marke in den EM-Hallen von Berlin, Mannheim, München, Hamburg und Köln – das war schon absehbar. Dass bundesweit zudem ein enormes Interesse am Auftreten der deutschen Mannschaft herrscht, beweisen die TV-Quoten. 8,451 Millionen Zuseher für das Montagabendspiel gegen Ungarn mit einem Marktanteil von 29,3 Prozent – auf diese Zahlen muss König Fußball nach den desaströsen Ergebnissen der Nationalelf erstmal wieder kommen.
Gislason setzt auf die „Next Generation“
Bundestrainer Gislason hat mit seiner Strategie, auf die „Next Generation“ zu setzen, goldrichtig gelegen. Bei einer vergleichsweise sehr jungen Mannschaft mit einem 26-Jährigen (Golla) und zwei 23-Jährigen (Knorr, Köster) als Leithammel unter den Feldspielern sind „schwankende Leistungen“, wie Golla selbst zugab, völlig normal. Vielleicht aber auch dem – im Fußball undenkbaren – straffen Programm geschuldet.
Wie dem auch sei: In allen drei Mannschaftsteilen Tor, Abwehr, Angriff gleichzeitig hat die deutsche Mannschaft bei dieser EM noch nicht auf höchstem Niveau gespielt. Das wird gegen Topfavorit Dänemark – in der Breite deutlich besser besetzt als die Gastgeber – am Freitagabend aber notwendig sein, wenn die beste deutsche Platzierung seit dem vierten Platz bei der Weltmeisterschaft 2019 nun auch noch getoppt werden soll.
Das Olympia-Ticket könnten Golla und Co. auch lösen (wenn sie sich im Endklassement vor Schweden platzieren). Die Qualifikation für die nächste WM in einem Jahr in Kroatien, Dänemark und Norwegen hat die Mannschaft durch den Halbfinaleinzug schon sicher und sich, so Golla, damit „einen Traum erfüllt“.
Und eines haben die Youngster des DHB anderen (noch) dominierenden Nationen schon voraus: Durch den bereits laufenden Generationswechsel wird Deutschland 2027 noch stärker sein. Wenn es erneut im eigenen Land, dann bei der Weltmeisterschaft, wieder richtig zur Sache geht. Gerne auch im Zwei-Tages-Rhythmus.