VonFrank Hellmannschließen
Die deutsche Nationalmannschaft scheidet nach einem großen Kampf in einem fast schon epischen Fußballspiel gegen Spanien aus.
Antonio Rüdiger verspürte keine Kraft mehr, nach diesem epochalen Kampf aufzustehen. Manuel Neuer kaute verzweifelt an seinem Hemdkragen. Jamal Musiala stützte entgeistert die Hände auf die Knie. Das Entsetzen auf dem Rasen spiegelte sich auf den Rängen. Das Tollhaus im Neckarpark war am Freitagabend für eine Weile in Schockstarre gefangen, weil die deutsche Nationalmannschaft trotz eines fast aufopferungsvollen Comebacks gegen Spanien auch in diesem EM-Viertelfinale letztlich mal wieder den Kürzeren gezogen hatte. Mit der 1:2 (1:1, 0:0)-Niederlage nach Verlängerung ist der Traum vom Finaleinzug bei der Heim-EM geplatzt.
Unmittelbar nach Abpfiff eilte Sportdirektor Rudi Völler aufs Feld, um den anfangs mit den Tränen kämpfenden Bundestrainer Julian Nagelsmann zu trösten. „Es ist leider eine Zeit vorbei, die besonders war. Am Ende waren wir vielleicht nicht zwingend besser, aber klarer. Es waren nur wir, die am Ende gewinnen wollten“, sagte der konsternierte 36-Jährige. „Wir haben aber nicht zu viel riskiert: Diese Frage beantworte ich schon jetzt mit Nein.“
Das Kopfballtor von Mikel Merino in der 119. Spielminute traf die deutsche Mannschaft mitsamt ihrem Anhang ins Mark. Und natürlich wird nun debattiert, ob Schiedsrichter Anthony Taylor aus England vielleicht vorher auf den Elfmeterpunkt hätte zeigen müssen, weil Jamal Musiala bei seinem Schuss von der Strafraumgrenze an die Hand von Marc Cucurella traf, dessen Arm allerdings am Körper herunterhing – vielleicht regeltechnisch vertretbar, keinen Strafstoß zu geben (106.).
Nagelsmann holte jedoch in der Pressekonferenz zur Gegenrede aus: „Der Ball geht aufs Tor – er stoppt ihn mit der Hand, auch wenn es unabsichtlich ist. Es ist total skurril, dass die Intention nicht bewertet wird. Dass es da keinen Elfmeter gibt, kann ich nicht nachvollziehen“, sagte er. „Wir müssen diese Regel praktikabler machen.“ So oder so: In der regulären Spielzeit brachte der überragende Deutschland-Legionär Daniel Olmo die Iberer in Führung (51.).
Dann erzwang Florian Wirtz mit seinem späten Ausgleichstreffer die Verlängerung (89.). „Wir waren sehr nah dran, umso bitterer ist es, so auszuscheiden“, sagte der am Ende von Krämpfen gepeinigte Toni Kroos. Der 34-Jährige beendete zugleich mit seinem 114. Länderspiel und diesem bitteren Moment seine Karriere. „Im Moment überwiegt das Aus. Dieser Traum ist ein Stück weit geplatzt, auch wenn wir sicherlich realisieren werden, dass wir ein tolles Turnier gespielt haben.“
Der herausragende Rechtsverteidiger Joshua Kimmich empfand das Ausscheiden als „ungerecht“, denn: „Die Spanier wollten sich nur ins Elfmeterschießen retten. Wir hätten auch den Handelfmeter kriegen können.“ Tieftraurig wirkte Mittelstürmer Niclas Füllkrug, der sich explizit bei den Fans bedankte: „Es gibt auch keinen Stolz – es wird gerade von Sekunde zu Sekunde härter. Es wird dauern, bis wir darüber hinwegkommen.“
Doch das vermeintliche Sommermärchen 2.0 ist beendet. Die Nationalmannschaft hat dennoch viel erreicht; neben sagenhaften Einschaltquoten endlich wieder richtig Begeisterung vermittelt und das angeschlagene Ansehen aufpoliert. „Es war völlig nervenaufreibend. Die Mannschaft ist erhobenen Hauptes aus dem Turnier rausgegangen. Diese EM ist ein großer Erfolg, auch das Spiel der Deutschen“, konstatierte Bundeskanzler Olaf Scholz. Letztlich hat es Nagelsmann mit seiner Crew nicht so weit geschafft wie bei der WM 2006 noch Teamchef Jürgen Klinsmann. Damals bildete eben das in Stuttgart gewonnene Spiel um den dritten Platz den stimmungsvollen Schlussakkord.
Nagelsmann hatte an diesem lauen Sommerabend im Schwabenland seine Stammelf umgebaut: Emre Can gab überraschend für Robert Andrich wegen „Tempovorteilen“ den Abräumer, aus denselben Gründen erhielt Leroy Sané den Vorzug vor Wirtz. Beide Entscheidungen entpuppten sich jedoch als Irrtum.
Den korrigierte der Bundestrainer bereits zur Pause wieder, als eben Andrich und Wirtz für den schwerfälligen Can und den unauffälligen Sané kamen. Anfangs schlug seine Elf eine körperliche Gangart an. Kroos hätte nach zwei grenzwertigen Attacken gegen den nach sieben Minuten wegen einer Verstauchung im Knie ausgewechselten Pedri früh die Gelbe Karten sehen müssen.
Kurz nach der Pause geschah in dieser umkämpften, lange ausgeglichenen Begegnung das, was gegen diesen Weltklassegegner nicht passieren darf: Dribbler Lamine Yamal hatte gegen den früh mit Gelb belasteten Raum alle Zeit, die Kugel zurückzulegen und der für RB Leipzig spielende Edeltechniker Olmo jagte die Kugel unhaltbar ins Tor.
Doch wofür gibt es denn einen Ausnahmekicker wie Wirtz? Nach Mittelstädt-Flanke schraubte sich Kimmich in die Luft und das Toptalent traf per Direktschuss.
Vor und nach dem Nackenschlag durch den Ex-Dortmunder Merino hatte Füllkrug noch zwei große Gelegenheiten per Kopf (117. und 120.), die irgendwie am besten illustrierten, wie wenig gefehlt hatte, um zumindest die Spezialdisziplin Elfmeterschießen zu erreichen. Es sollte nicht sein an diesem Freitagabend in Stuttgart.
