Nations League der Frauen

Wegweiser in Lyon für den deutschen Frauenfußball

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Einheit für Paris: Horst Hrubesch mit Kapitänin Alexandra Popp.
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Der deutsche Frauenfußball steht mit dem Final Four der Nations League am Scheideweg. Für die DFB-Frauen geht es in Frankreich um mehr als nur das Olympia-Ticket.

Die roten Großbuchstaben an einem schönen Flecken französischer Erde waren damals nicht übersehen. „Only Lyon“ stand in mannshohen Buchstaben auf einer freien Fläche in der Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saône. Implementiert ein großer Fußball. In jenen Juli-Tagen 2019 genoss Lyon die Ehre, beide Halbfinals und das Finale der Frauen-WM in Frankreich auszutragen. Megan Rapinoe stieg hier mit ausgebreiteten Armen, rosa gefärbten Haaren und unerschütterlicher Haltung zur weltweit bewunderten Ikone auf.

Der Kampf einer Weltmeisterin gegen den damaligen und vielleicht auch zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump überstrahlte am Ende alles, während die deutschen Fußballerinnen wegen einer überflüssigen Viertelfinalniederlage gegen Schweden die Finalspiele dummerweise verpasst hatten. Aber im Leben gibt es mitunter eine zweite Chance. Deutschland tritt nun im Halbfinale der Nations League gegen Frankreich (Freitag 21 Uhr/ARD) eben doch noch im großen Groupama Stadion weit draußen vom historischen Stadtzentrum an. Es geht vor großer Kulisse um einen Startplatz bei den Olympischen Spielen in Paris (26. Juli bis 11. August).

Horst Hrubesch ist optimistisch

Mit einem Sieg gegen die als Gastgeber bereits qualifizierten Französinnen wäre das Team von Horst Hrubesch dabei. Sonst müsste das kleine Finale gegen Spanien in Sevilla oder gegen die Niederlande in Heerenveen am kommenden Mittwoch gewonnen werden. „Wir sind unter der letzten Vier – und da gehören wird auch hin“, sagte der Interimscoach entschlossen am Donnerstag auf der Pressekonferenz, der gegen den Weltranglistendritten „ein tolles Spiel auf Augenhöhe“ erwartet. Es gehe darum, verdeutliche der bald 73-Jährige, dass „wir uns alle den Traum von Olympia erfüllen“.

Hrubesch hat ja Recht, dass vor drei, vier Monaten „seine Mädels“ den Glauben fast schon verloren hatten. Die alterslose Allzweckwaffe könnte nun der erste Coach sein, der nach Silber mit den Männern 2016 in Rio de Janeiro auch mit den Frauen nach einer olympischen Medaille greift.

Wie gut ist Deutschland?

Das kompakte Turnier im Zeichen der Ringe kommt bei den Frauen in der Wertschätzung gleich hinter einer Weltmeisterschaft. Die DFB-Frauen vergoldeten vor acht Jahren im Maracana ihre bis dahin nicht komplette Medaillensammlung. Olympiasiegerin wurde damals auch die heute für Olympique Lyon spielende Sara Däbritz. Die 29-Jährige zählt zwar – genau wie im Verein – oft nicht mehr zur Stammelf, aber verspricht: „Egal, wer auf dem Platz steht: Wir werden eine super Mannschaft stellen.“

Nur sah zuletzt nicht mehr alles ganz so super aus. Bestätigt diese Generation den harmonischen Eindruck aus der EM 2022 in England oder die zerrissene Hinterlassenschaft der WM 2023 in Australien? Größer hätten die Kontraste bei den letzten Großereignissen ja nicht sein können. Wo liegt das wahre Leistungsvermögen? Graues Mittelmaß darf nie der Anspruch sein. Das Bemühen um Besserung war in jeder Trainingseinheit auf dem Campus in Frankfurt offensichtlich. Hrubesch überzog jedes Mal den Zeitplan.

Das „Kopfball-Ungeheuer“ setzt bei seinem Matchplan auf hohe Bälle

Die Herangehensweise unter Hrubesch kommt wie eine lebendige Erinnerung an seine besten Zeiten als Aktiver rüber: hohe Bälle auf Alexandra Popp und Lea Schüller, die von den Außenstürmerinnen Klara Bühl und Svenja Huth bedient werden. Zwei kopfballstarke Mittelstürmerinnen aufzustellen, wo beim Gegenüber die 1,86 Meter große Weltklasseverteidigerin Wendie Renard verletzt fehlt, ist keine schlechte Idee.

Sowohl das EM-Halbfinale in Milton Keynes als auch danach ein Freundschaftsspiel in Dresden gewannen die Deutschen dank eines Doppelpacks von Popp jeweils mit 2:1. Nur auf die Lufthoheit zu setzen, warnte das „Kopfball-Ungeheuer“ werde aber nicht reichen, sondern der Wille spiele eine große Rolle: „Wer will es mehr?“

Frankreich fehlt noch ein Titel

Frankreich, an das Hrubesch persönlich hat es bislang nie geschafft, das viele Talent in ein titeltaugliches Team zu überführen, das wirklich bis zum Ende bei einem Turnier zusammenhält. Dazu kommt: Deutschland sei in gewisser Weise ein Angstgegner für ihre Klubkolleginnen, erklärt Däbritz. „Wir konnten viele wichtige Spiele für uns entscheiden.“ Im Elfmeterschießen ja auch das packende WM-Halbfinale 2015 auf Kunstrasen in Montreal.

Frankreichs Rekordtorschützin und Starstürmerin Eugénie Le Sommer wollte ihrer Vereinsgefährtin am Tag vor dem Spiel in Lyon nicht mal widersprechen: „Sie hat Recht. Deutschland hat wahnsinnig viele Titel, das ist der Unterschied. Aber gerade deshalb wollen wir jetzt gewinnen.“

Auf Vereinsebene gibt Frankreich allerdings längst den Ton an und liegt in der Uefa-Klubwertung vorne: Paris FC hat in den Playoffs den VfL Wolfsburg, dann Paris St. Germain in der Gruppenphase den FC Bayern aus der Champions League geworfen. Die Frauen-Bundesliga ringt um den Anschluss und die Professionalisierung – und das Tempo dafür. Wie intensiv diese Debatten geführt werden – auch darüber gibt das Nachbarschaftsduell in Lyon nun Aufschluss.

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