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Erst „Chefchen“ Schweinsteiger, dann „Querpass-Toni“ Kroos, nun Joshua Kimmich. Deutschland macht seine Besten nieder – eine traurige Tradition, kommentiert tz.de-Redakteur Marius Epp.
München – Deutschland, die Nation der Nörgler. Dass es sich dabei nicht nur um ein Klischee handelt, beweist der Umgang, den Deutschlands beste Fußballer im eigenen Land erfahren. Es ist nur schwer mit Vernunft zu erklären, warum hierzulande die größten Fußballer in der Bewertung oft am schlechtesten wegkommen. Beispiele gefällig?
Kimmich, Kroos und Schweinsteiger teilen dasselbe Schicksal
Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos und Joshua Kimmich sind die drei besten Mittelfeldspieler, die der deutsche Fußball im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat. Im Ausland sind sie über jeden Zweifel erhaben, jeder ihrer Trainer schwärmt ausnahmslos von ihnen. Doch während andere Nationen ihre Helden vergöttern, zieht Deutschland regelmäßig über sie her.
Eine seltsame Angewohnheit, die sich in den vergangenen Monaten wieder bei Kimmich zeigt. Dabei ist unbestritten: Natürlich muss sich der Schwabe Kritik gefallen lassen. Er ist eines der Gesichter, die für den Misserfolg der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren stehen.
Kimmich-Bashing ist unverhältnismäßig
Der Bayern-Star hat spätestens seit dem Wüsten-Trauerspiel in Katar seine Topform nicht mehr konstant erreicht. Nichtsdestotrotz geht das Kimmich-Bashing in der Öffentlichkeit viel zu weit. Seit der Corona-Pandemie, als der 28-Jährige schnell als Impfgegner abgestempelt wurde, scheint er zum Abschuss freigegeben zu sein.
Experten wie Didi Hamann, Lothar Matthäus oder Mario Basler leben es vor und schießen sich regelrecht auf Kimmich ein. Fans ziehen mit. In diversen Umfragen konstatierte jüngst eine Mehrheit der Anhänger, der FC Bayern sei ohne ihn besser – obwohl der Faktencheck das Gegenteil beweist. Dort zeigt sich, dass er nicht nur zu den besten Eckenschützen (ja, richtig gehört), sondern auch insgesamt zu den besten Mittelfeldspielern Europas gehört.
Kimmich als nächstes Beispiel: Wie Deutschland zuverlässig seine Besten niedermacht
Experten, Fans, Medien: Alle, die etwas für den getretenen Ball übrig haben, sind am Kimmich-Bashing beteiligt. Eine völlig neue Dimension ist erreicht, seit es Social Media gibt. Plötzlich ist es ganz einfach, öffentliche Personen mit vernichtender, beleidigender und unsachlicher Kritik zu belegen. Fatal: Wer am lautesten schreit, sichert sich die meiste Aufmerksamkeit.
Schon Bastian Schweinsteiger wurde Zeit seiner Karriere zur Zielscheibe, wurde als „Chefchen“ abgestempelt. Er musste erst Weltmeister werden, um als Fußballgott akzeptiert zu werden. Dabei gewann er schon 2013 die Champions League und war maßgeblich an einer begeisternden und erfolgreichen DFB-Elf beteiligt.
Genau wie Toni Kroos. Er ist der erfolgreichste deutsche Fußballer der Geschichte und in Spanien einer der respektiertesten Spieler überhaupt. In Deutschland ist er bei vielen immer noch der „Querpass-Toni“. Bezeichnend für die Nation der Nörgler. (epp)
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