VonJan Christian Müllerschließen
WDR äußert sich zur Kritik des deutschen Nationalspielers Joshua Kimmich an Umfrage und Umfrageergebnissen.
Eine begleitende Umfrage zur sehenswerten ARD-Dokumentation „Einigkeit und Recht und Vielfalt“ hat am Wochenende für Verstimmung beim Deutschen Fußball-Bund gesorgt und eine deutlich ablehnende Reaktion von Nationalspieler Joshua Kimmich bewirkt.
In dem Film, der Mittwochabend im linearen TV ausgestrahlt wird und bereits in der ARD-Mediathek abgerufen werden kann, geht es darum, wie sich der Migrationsanteil in der deutschen Nationalmannschaft entwickelt hat und wie Spieler und Fans darauf blicken. Unter anderem wird Nationalverteidiger Jonathan Tah interviewt, in Hamburg geborener Sohn einer Deutschen und eines Vaters von der Elfenbeinküste.
Zu dem einfühlsamen Film gesellte der federführende Sender WDR, für den vormals auch DFB-Mediendirektor Steffen Simon und Nationalmannschafts-Pressesprecherin Franziska Wülle tätig waren, repräsentative Umfrageergebnisse von Infratest Dimap. Quintessenz laut WDR: „Rund ein Fünftel wünscht sich mehr Nationalspieler mit weißer Hautfarbe – 65 Prozent stimmen dem nicht zu.“
Am Samstagmittag nach dem Auftakttraining im Regen von Herzogenaurach wurde Verteidiger Kimmich wenig überraschend gebeten, Stellung dazu zu beziehen, nachdem laut FR-Informationen DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig sich öffentlich nicht dazu hatten äußern wollen. Das tat der zuvor gebriefte und somit bestens vorbereitete Kimmich und räumte das Thema rhetorisch sicher ab: „Wer im Fußball aufgewachsen ist, der weiß, dass das absoluter Quatsch ist.“
Er würde „sehr, sehr viele Spieler sehr vermissen, wenn sie nicht hier wären. Das ist absolut rassistisch und hat keinen Platz bei uns in der Kabine.“ Im aktuellen vorläufigen EM-Kader stehen neun Spieler mit Migrationshintergrund, im WM-Aufgebot 2010 waren es gar deren elf, unter anderem der 2009 eingebürgerte Brasilianer Cacau, der nahezu mittellos in Deutschland angekommen war. Deutschland wurde seinerzeit weltweit als „wahre Regenbogennation“ gefeiert und feierte sich auch selbst. Der damalige Bundespräsident Christian Wulf besuchte deshalb gar das DFB-Camp nahe Pretoria.
Zehn Jahre später befürworten vor allem Sympathisanten der AfD (fast jede zweite Stimme) und des Bündnisses Sarah Wagenknecht eine weißere Nationalmannschaft. Wähler:innen der Union (18 Prozent), der SPD (14 Prozent) und der Grünen (5 Prozent) sind weniger begeistert von einem solchen Szenario.
„Wollten fundierte Daten“
Kimmich ärgert sich sowohl über das Ergebnis als auch über die Umfrage an sich, in der unter anderem 17 Prozent der Befragten geäußert hatten, sie fänden es schade, dass der DFB-Kapitän Ilkay Gündogan türkische Wurzeln habe. „Wenn man überlegt, dass wir kurz vor einer Heim-EM stehen, dann finde ich es absurd, überhaupt so eine Frage zu stellen“, so Kimmich, „weil es für uns darum geht, unser Land zu vereinen und gemeinsam etwas zu erreichen.“ Denn seit März habe sich die Stimmung um unsere Mannschaft doch gedreht, „die Leute haben doch Lust auf das Turnier“. Insoweit halte er die Umfrage für „absolut kontraproduktiv“.
Der WDR reagierte noch am Samstagabend. Sportchef Karl Valks erklärte: „Unser Reporter Philipp Awounou wurde in Interviews bei den Dreharbeiten mit der Aussage konfrontiert, dass zu wenige ‚echte‘, hellhäutige Deutsche auf dem Fußballplatz stehen. Das wollten wir bewusst nicht anekdotisch wiedergeben, sondern auf fundierte Daten stützen. Wir selber sind bestürzt, dass die Ergebnisse sind wie sie sind, aber sie sind auch Ausdruck der gesellschaftlichen Lage im heutigen Deutschland.“
