EM 2024

Das DFB-Team und die Anführer Ilkay Gündogan und Toni Kroos: Die mit den Füßen sprechen

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Mit der Kraft der zwei Herzen: Ikay Gündogan (links) und Toni Kroos.
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Ilkay Gündogan und Toni Kroos sind Führungskräfte in einer flachen Hierarchie – der Kapitän erkennt an, dass er gerade nicht unumstritten ist.

Ehe Toni Kroos wegen des erhöhten Trainingsumfangs mit beachtlicher Verspätung und top-frisiert bei der Pressekonferenz auftauchte, spielte die Regie im voluminösen EM-Medienzentrum des DFB in Herzogenaurach die beiden Tore des Mittelfeldspielers beim epochalen 7:1 gegen Brasilien ein: 24. und 26. Minute zum 2:0 und 3:0, einmal mit links, einmal mit rechts. Selbst der coole Kroos nahm das erstaunt zur Kenntnis.

Ilkay Gündogan musste den historischen Moment vor zehn Jahren mit einer Nervenwurzelentzündung im Rücken tatenlos beobachten. Nicht die einzige Malaise in Gündogans Profileben. So kommt es, dass Kroos trotz dreijähriger selbstgewählter Betriebspause fürs Land vor dem EM-Eröffnungsspiel am Freitag gegen Schottland (21 Uhr/ZDF) schon 106 Einsätze im DFB-Team auf dem Buckel hat, Gündogan erst 77. Der Plan von Bundestrainer Julian Nagelsmann: Gündogan, 33, und Kroos, 34, sollen auf der Zehn und auf der Sechs das Spiel im Fluss halten. Und das des Gegners möglichst früh ersticken. „Ilkay“, sagt Kroos, „ist kein Spieler, den man von hinten coachen muss.“

Gemeinsam verbrachten die beiden die EM 2021 auf der Doppelsechs harmonierten auch aufgrund ihrer physischen Voraussetzungen nicht optimal. „Keiner von uns beiden ist ein richtiges Zweikampfmonster“, gibt Gündogan zu, wiewohl sich gerade Kroos in diesem Bereich enorm entwickelt hat. „Ich wollte meinem Spiel das Extra Robustheit geben“, erklärt Kroos das, was Nagelsmann jüngst beeindruckt als „Körper aus Stahl“ bezeichnet hat.

Die Abwehrkräfte eines Terminators sind bei einem Turnier mit bis zu sieben Spielen sicher hilfreich. Vor allem geht es aber darum, etlichen weniger erfahrenen Mitspielern Sicherheit zu vermitteln. Nagelsmann weiß: „Wir werden auch Momente des Drucks haben. Da musst du stabil sein, was den Kopf angeht und die Technik.“ Kroos und Gündogan, übernehmen Sie!

Entsprechend sieht es Kroos als dringliche Aufgabe an, „einen gewissen Halt zu geben“, das Gefühl zu vermitteln: „Es ist nicht so dramatisch. Wenn du auf dem Platz ein Problem hast, bin ich da! Dann gib mir den Ball.“ Sein Credo: „Je mehr Spieler sich auf dem Platz wohlfühlen, desto besser.“

Wahr ist aber auch: Ilkay Gündogan sah in den beiden Tests gegen die Ukraine (0:0) und Griechenland (2:1) gerade nicht so aus wie jemand, der sich wohlfühlt. Was den Beginn einer zarten öffentlichen Debatte um die Unantastbarkeit des Kapitäns zur Folge hat. Gündogan begegnet der Aufregung um seine Person nicht im Habitus eines Beleidigten: „Der moderne Fußball hat sich geändert. Da kann man nicht sagen: ,Der Kapitän muss immer spielen!‘ Dafür ist die Leistungsdichte einfach zu groß und dafür haben wir zu viele tolle Fußballer.“

Und er verweist auf einen körperlichen Zustand, den er selbst für optimierbar erachtet: „Ehrlich gesagt, es war eine der härtesten Saisons, die ich bisher hatte. Das glaubt man vielleicht gar nicht nach sieben Jahren in der Premier League. Aber wir hatten in Barcelona nicht so viele Rotationsmöglichkeiten.“ Was bedeutete: „Ich habe sehr viel gespielt, und ehrlich gesagt, habe ich das auch gespürt. Es war nicht so, dass ich durch die Saison durchgeflogen bin. Ich merke es immer noch ein bisschen.“

Zuvor hatte sich TV-Experte Lothar Matthäus kritisch zu Wort gemeldet: „Zuletzt ist Gündogan immer etwa nach einer Stunde ausgewechselt worden. Das ist eigentlich nicht Kapitän-like.“

Das ist auch ein Ausdruck flacherer Hierarchien, die zu Matthäus’ Zeiten in dieser Form noch nicht üblich waren. Gündogan ist ein leiser Leader, auch Kroos sieht seine Verantwortung eher auf dem Spielfeld und lässt dort lieber seine Füße sprechen. „Wenn du einen Toni Kroos hinter dir hast, fühlst du dich einfach anders auf dem Platz“, berichtet Kai Havertz.

Kroos und Gündogan befinden sich bereits seit geraumer Zeit in einer beruflichen Lebensphase, in der sie sich nicht mehr vor allem mit sich selbst beschäftigen. Bei dem einen war das früher zu erkennen als bei dem anderen: „Ich war in meiner Karriere immer ein Spieler, der mehr auf seine Mitspieler geschaut hat“, sagt Gündogan. „Viel mehr als auf mich selbst. Ich habe geguckt: Wo kann ich meine Jungs besser machen und unterstützen?“

Es gibt nicht viele Zehner, die so viel Verantwortung für die Defensive übernehmen; dieses Jobprofil sieht man bei Spielmachern selten. Barca-Torwart André ter Stegen beschreibt seinen Vordermann entsprechend hochachtungsvoll: „Ilkay ist sehr ausgeglichen als Mensch und spielt auch sehr ausgeglichen Fußball, sehr gewissenhaft. Er ist eine Führungsfigur bei uns im Team.“ Gerade für eine junge Mannschaft sei das von besonderer Bedeutung. „Wir haben viele Spieler, die nicht ganz so funktionsstabil sind in Barcelona, denen Ilkay Stabilität gibt. Wie schnell er sich bei uns eingefügt hat, das kann man gar nicht hoch genug hängen.“ Diesen Job gut auszufüllen, dabei seinen Nebenmännern Jamal Musiala und Florian Wirtz etliche Freiheiten zu gewähren – das will Gündogan auch im DFB-Team hinkriegen. Aber das hat er zuletzt nicht nahe am Optimum geschafft. Das weiß er selbst.

Toni Kroos muss sich mit öffentlichen Zweifeln an seiner Person und seinem Spiel aktuell nicht beschäftigen. Das war gewiss nicht immer so. Dem mit ihm in Würde gealterten Gündogan attestiert er derweil neidlos: „Er geht gerne in die Box. Das unterscheidet ihn von mir.“

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