VonJan Christian Müllerschließen
Nach dem krankheitsbedingten Abschied von Aleksandar Pavlovic sind Jamal Musiala und Florian Wirtz die Jüngsten im Aufgebot – Emre Can füllt den Kader überraschend auf.
Frankfurt – Es gibt eine Episode im deutschen Fußball, die Emre Can kurz prägen durfte. Deutschland spielte in Köln gegen Belgien. Etwas mehr als ein Jahr ist das jetzt her. Im Mittelfeld verlor Florian Wirtz alle Bälle, die ein Fußballspieler verlieren kann, wenn er einen dieser gebrauchten Tage erlebt, die niemand mag. Nach neun Minuten stand es 0:2, nach einer halben Stunde hätte es 0:4 oder gar 0:5 stehen können.
Can ersetzt kranken Pavlovic
Hansi Flick war Bundestrainer, reagierte, brachte nach 32 Minuten Emre Can für den armen Wirtz. Can gewann gleich Zweikämpfe, stabilisierte das deutsche Spiel und galt nach dem 2:3 ein paar Wochen lang als unentbehrlich im defensiven deutschen Mittelfeld.
Der Eindruck verflüchtigte sich mit der Zeit, Can spielte allenfalls mittelprächtig für Borussia Dortmund und kam bald wieder dort an, wo er vor der WM 2022 schon gewesen war: aussortiert aus dem EM-Kader. Am Mittwoch durfte der 30 Jahre alte BVB-Kapitän zurückkehren. Denn Aleksandar Pavlovic aus München ist nicht mehr dabei. „Krankheitsbedingt“, heißt es im eiligen Bulletin des Deutschen Fußball-Bundes. Eine hartnäckige Erkältung offenbar. Mindestens.
Nagelsmann erkärt Entscheidung für Can
„Es ist schade für Pavlo“, sagt Jamal Musiala, „er hatte sich sehr gefreut dabei zu sein.“ Stattdessen nun Can. Nicht der junge Angelo Stiller (23) aus Stuttgart, dem Bundestrainer Julian Nagelsmann ein paar Hoffnungen gemacht hatte und der sich nach seiner Nichtberücksichtigung flugs mit Freundin unter Palmen begab. Nicht der enttäuschte Leon Goretzka, Spielkamerad von Pavlovic in München, der mit Schiffermütze auf dem Kopf und einem Bierchen auf dem Tisch an den Fjorden von Norwegen weilt. Sondern Emre Can.
„Wir wollten noch einen Spieler im Kader haben, der viele Spiele absolviert hat, der weiß mit dem Druck umzugehen“, sagt Nagelsmann. Ein echter Sechser soll es sein. Kein Box-to-Box-Mann wie Goretzka, keine Kroos-Kopie wie Stiller.
Musiala und Wirt: Jung und wertvoll zugleich
Ohne Pavlovic, der ohnehin nur ein bisschen schnuppern sollte, ruckelt sich nicht nur die Zukunft im DFB-Team neu zurecht, sondern auch die Gegenwart. Pavlovic, gerade 20 Jahre alt geworden, war der Jüngste in einem alternden Kader. Das sind jetzt Wirtz, als Leverkusener Meisterspieler längst erholt von der Unbill gegen Belgien, und Musiala, seinerzeit mit Muskelfaserriss unpässlich. Beide 21, beide in ihrer Entwicklung über den Status von Toptalenten schon ein gutes Stück hinaus.
Niemand im Land ist wertvoller als diese Burschen, an denen eine Menge hängt bei der EM. Seit die Plattform transfermarkt.de vor 20 Jahren gegründet worden ist, gab es nie einen deutschen Profi, dessen Marktwert höher war als der von Wirtz: 130 Millionen Euro. Gleich dahinter: Jamal Musiala, 120 Millionen Euro.
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Wirtz und Musiala sollen fortan den Unterschied machen im deutschen Offensivspiel, die unvorhersehbaren, wilden Sachen. „Flo“, sagt Musiala in seinem lustigen Slang, „hat die gleichen Ideen wie ich mit den Dribblings. Der ist auch ein guter Zocker. Da suchen wir uns immer. Da kommt es ganz natural, dass wir uns finden und Doppelpässe spielen.“ Ja, das stimme so, bestätigt Wirtz, „wir haben viele Ideen.“ Die Ausbeute ist indes noch ausbaufähig. Musiala, der in Katar mit unterging: 29 Länderspiele, zwei Treffer. Wirtz, der die WM 2022 wegen eines Kreuzbandrisses verpasste: 18 Länderspiele, ein Tor. In Fanforen geizt man dennoch nicht mit Begeisterung für das Duo. Spitzname „Wusiala“.
Wirtz stammt aus Sport-Familie
Wirtz ist derjenige der beiden, der seine Aktionen schon ökonomischer organisiert als der verwegene Musiala, der seine Risiko-Nutzen-Abwägung unter Thomas Tuchel aber optimiert hat. Beide wissen, sagt Wirtz, „dass wir auch Dreckarbeit übernehmen müssen; wir dürfen nicht machen, was wir wollen.“ Das bestätigt Musiala im gebotenen Eifer: „Gegenpressing und Wege zurück machen, das wird erwartet von uns.“ Und mit dem Ball am Fuß nicht „in Schönheit sterben“, das hat Flo Wirtz längst verinnerlicht.
Der Junge aus Brauweiler, nicht weit von Köln entfernt, stammt als jüngster von neun Sprösslingen aus einer gutbürgerlichen Großfamilie. Seine Mutter war Handballtrainerin, sein Vater ist Vorsitzender beim Heimatklub Grün-Weiß Brauweiler in der Landesliga Mittelrhein. „Zu Hause“, erzählte Wirtz dieser Tage der SZ, habe er ständig mit Juliane im Wohnzimmer gekickt. Seine jüngste Schwester spielt bei Werder Bremen in der Bundesliga.
Bloßer Zufall, dass der kleine Flo früher Fan der Bremer war: Er mochte Marko Marin, weil der so gut dribbeln konnte. So einer wie Marin wollte Wirtz auch mal werden. Den Anspruch an sich selbst hat er problemlos übererfüllt. „Das Wichtigste im Fußball ist es, einen sehr guten ersten Kontakt zu haben“, erläutert der Irrwisch. Nur dann sei es möglich, „sich schnell absetzen zu können und in eine noch bessere Position zu kommen“.
Musiala versteht sich mit Kapitän Gündogan
Jamal Musiala, blutjung schon bei der vorherigen EM im Kader und von Joachim Löw nur wenige Minuten lang eingesetzt, erwartet inzwischen mehr von sich als starke Dribblings. „Ich bin jetzt nicht mehr der ganz junge Spieler. Ich will die anderen pushen. Ich habe mehr Verantwortung für die ganze Mannschaft.“
Im Herzogenauracher Quartier wohnen die beiden übereinander. Wirtz oben, Musiala darunter, in einem Häuschen mit Maxi Beier und Ilkay Gündogan. „Ich verstehe mich gut mit Ilkay“, berichtet Musiala. Manchmal hängen sie gemeinsam ab, „er gibt uns kleine Tipps“. Und auf dem Platz, „da zockt er auch mit uns. Da ist er unser Connector.“
Glaubt man Mitspieler Toni Kroos, gibt es für die beiden Zauberfüße „wenig Limits“: „Beide bringen alles mit, um in den nächsten zehn, 15 Jahren ganz oben mitzuspielen. Aber es wird bei beiden auch mal haken.“ Am besten mal bei Emre Can nachfragen.
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