Konsequenzen aus dem Niedergang

DFB trennt sich von Hansi Flick - kommt jetzt Nagelsmann?

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Der letzte Auftritt als Bundestrainer: Hansi Flick.
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Der DFB ringt sich nach dem 1:4 gegen Japan mühsam dazu durch, Bundestrainer Hansi Flick und dessen beiden Assistenten freizustellen. 20 Jahre nach seiner Wutrede von Island übernimmt Rudi Völler für das Spiel am Dienstag gegen Frankreich.

Vor exakt 20 Jahren, im September 2003, war anzunehmen gewesen, der deutsche Fußball würde sich auf dem tiefsten Tiefpunkt befinden. Rudi Völler wütete nach einem furchtbar faden 0:0 gegen Island in Reykjavik gegen die Fernsehleute Hartmann, Delling und Netzer – und danach wurde es erst mal noch schlechter.

Im September 2023 verliert Deutschland 1:4 gegen Japan, es hätte auch 1:7 ausgehen können, und das Verrückte ist: Rudi Völler ist immer noch da. Viel eindrucksvoller könnte der Stillstand im hiesigen Lieblingssport wohl kaum dokumentiert werden.

So befinden sie sich nun gemeinsam – Völler mit den derzeitigen Weggefährten Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke – in einem selbstgemachten Schlamassel. Denn einen blöderen Zeitpunkt, einen Bundestrainer rauszuschmeißen, als zwei Tage vor einem Länderspiel gegen Frankreich, konnte es ja gar nicht geben. Geschehen musste es dennoch. Zu spät.

Jetzt erst war der Leidensdruck zu groß, als dass ihn die Funktionäre trotz der eklatanten Finanzprobleme des DFB noch ausgehalten hätten. So entschied der DFB nach der Krisensitzung am Sonntag, „Bundestrainer Hansi Flick sowie die beiden Co-Trainer Marcus Sorg und Danny Röhl mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben zu entbinden“.

Einigkeit im DFB: Flick muss gehen

Verbandschef Bernd Neuendorf erläuterte: „Die Gremien waren sich einig, dass die A-Nationalmannschaft der Männer nach den zuletzt enttäuschenden Ergebnissen einen neuen Impuls benötigt. Wir brauchen mit Blick auf die Europameisterschaft im eigenen Land eine Aufbruchstimmung und Zuversicht.“ Für ihn persönlich sei das „eine der schwierigsten Entscheidungen in meiner bisherigen Amtszeit“ gewesen, sagte der am 11. März 2022 gewählte Präsident, „denn ich schätze Hansi Flick und seine Co-Trainer als Fußballexperten und Menschen“. Jedoch: „Der sportliche Erfolg hat für den DFB aber oberste Priorität. Daher war die Entscheidung unumgänglich.“

Interessant, dass Flick in der kurzen Erklärung vom späten Sonntagnachmittag mit einem eigenen Zitat fehlte. Das dürfte alsbald folgen. Oder ist er derart tief beleidigt, dass er weiter schweigen wird?

Hannes Wolf und Sandro Wagner helfen Völler

Beim Länderspiel am Dienstag in Dortmund gegen Vizeweltmeister Frankreich (21 Uhr/ARD) werden Rudi Völler, der kürzlich zum Nachwuchs-Sportdirektor beförderte Hannes Wolf und der Co-Trainer der U20, Ex-Profi und TV-Experte Sandro Wagner, die Nationalelf einmalig betreuen. Ziel ist es laut DFB, möglichst zeitnah die Nachfolge von Hansi Flick zu regeln.

Natürlich hätte all das unbedingt unmittelbar nach der WM 2022 in Katar passieren müssen. Aber da tranken die Herren Watzke und Neuendorf lieber im schönen Kempinski Hotel vor den Toren von Frankfurt Kaffee mit Hansi Flick und verzichteten auf eine seriöse Aufarbeitung dessen, was da in der Wüste alles passiert war und sich bald darauf als viel zu schwerer Rucksack für Trainer und Team erweisen sollte.

Flick glaubte, er würde die Angelegenheit schon irgendwie wieder in den Griff kriegen, kein Mensch fragte auch genauer nach, man wollte auch nicht so viel Geld ausgeben, aber das Bayern-Gen war da schon längst nicht mehr implementiert. Und weil man den lästigen Olli Bierhoff ja schon gleich dem WM-Aus eilig losgeworden war, würde gewiss alles bald wieder besser werden.

Flick lobte immer wieder „enorme Qualität“

Flick sprach sodann von einem „Prozess“ und immer wieder von „enormer Qualität“, die er bei Ansicht der Trainingsbilder seine Mannschaft erkennen könnte. Im Spielbetrieb war davon nicht mal schemenhaft etwas zu erkennen, dafür umso mehr eine Rückentwicklung, die zuletzt durch Niederlagen gegen Polen, Kolumbien und nun Japan dokumentiert wurde. Mögliche Nachfolger wären: Stefan Kuntz oder Julian Nagelsmann. Auch gefordert: Matthias Sammer als Übergangslösung, nachdem Völler das Spiel gegen Frankreich über die Bühne gebracht hat, ehe Retter Jürgen Klopp erscheint. Vielleicht. Wenig wahrscheinlich.

Ist Nagelsmann reif genug für den Job?

Nagelsmann hat in seinen letzten Monaten beim FC Bayern allerdings an Rückhalt im DFB und der medialen Öffentlichkeit verloren. Das Liebesverhältnis zu einer damaligen Bayernreporterin der „Bild“-Zeitung war wenig förderlich für seine Karriere. Ihm wird eine gewisse Unreife und Hybris nachgesagt, möglicherweise zurecht. Aber der 36-Jährige ist ja noch jung, gewiss nicht dumm und somit entwicklungsfähig. Nicht undenkbar zudem, dass Nagelsmann im Sommer 2024 nach Madrid übersiedeln könnte, um dort die Nachfolge des zukünftigen brasilianischen Nationaltrainers Carlo Ancelotti anzutreten. Und vielleicht ist bald auch Borussia Dortmund mit Multifunktionär Watzke interessiert. Verrückte Fußballwelt.

Noch steht Nagelsmann auf der Payroll des FC Bayern. Das könnte eine für den DFB und die Bayern gleichermaßen interessante Konstellation geben. Die Münchner könnten Nagelsmann an den klammen Verband abgeben, weiterhin einen Teil seines ehemaligen Trainergehalts (rund sieben Millionen Euro) finanzieren und so dem DFB eine Verpflichtung von Nagelsmann überhaupt erst möglich machen. Die Bayern würden Geld sparen und der DFB gleich mit.

Kuntz hat seine Tauglichkeit schon bewiesen

Was also wird passieren? Der eine (Kuntz) hat seine Tauglichkeit dafür, eine Mannschaft mit einem guten Geist formen zu können, als erfolgreicher deutscher U21-Trainer wiederholt nachgewiesen. Der andere (Nagelsmann) gehörte lange zu den größten Trainerhoffnungen im deutschen Fußball seit Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Auch Zinedine Zidane ist derzeit ohne Trainervertrag und kennt den nächsten Gegner Frankreich bestens. Wahrscheinlich wäre Kuntz, derzeit Coach der türkischen Nationalmannschaft, die bodenständigste Lösung. Der 60-Jährige ist kein überragender Fußballlehrer, aber ein Topexperte fürs Teambuilding.

Derweil hat Hansi Flick mit seinem Hinweis auf die Rückständigkeit des deutschen Fußballs Recht, aber die Einsicht kommt nach dem ewigen „Enorme-Qualität“-Gerede reichlich spät. Am Samstagabend sagte der 58-Jährige im Fernsehen: „Ich glaube, wir im deutschen Fußball müssen einfach mal aufwachen und an den Dingen auch arbeiten.“ In der Pressekonferenz präzisierte er später, es ärgere ihn, wenn die auf den Weg gebrachten Reformen im Nachwuchsfußball nun schon wieder zerredet würden. Eine deutliche und mutige und berechtigte Kritik auch an Watzke, einem der zentralen Entscheider über Flicks Zukunft, der bald darauf den Daumen senkte.

Nun kommt es, dass Rudi Völler 20 Jahre nach seiner Wutrede für ein einziges Spiel übernimmt: Dienstag in Dortmund gegen Frankreich.

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