VonFrank Hellmannschließen
Die deutschen Fußballerinnen scheitern bei der Mission zum dritten Stern schon nach drei Gruppenspielen und legen eine historisch schlechte Weltmeisterschaft hin.
Es mutete fast schon sarkastisch, was sich die Regie im Brisbane Stadium an diesem aus deutscher Sicht schmachvollen Abend mit Schlusspfiff leistete: Aus den Lautsprechern dröhnte „Happy“ von Pharrell Williams, als aus deutscher Sicht auf dem Rasen nur Trauer herrschte. Alexandra Popp suchte einen kurzen Dialog mit Sturmpartnerin Lea Schüller, während Torhüterin Merle Frohms tieftraurig auf dem Hosenboden hockte. Abwehrspielerin Marina Hegering schaute entgeistert auf die sich rasch leerenden Tribünen. Bald flossen die Tränen in Sturzbächen.
Das für die meisten Unfassbare war geschehen: Die deutschen Fußballerinnen haben sich von dieser WM verabschiedet, ehe das Turnier richtig begonnen hat. Das ist den DFB-Frauen auf der Weltbühne noch nie passiert: Diese Auswahl stand seit der Erstauflage 1991 mindestens immer im Viertelfinale. „Es braucht Zeit, das zu verarbeiten“, stammelte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. „Halt und Trost“, wollte sie spenden, doch solche Versuche wirkten so vergeblich wie zuvor die Bemühungen ihrer Spielerinnen.
Ein verzweifeltes 1:1 gegen Südkorea war in einer der vermeintlich leichtesten Vorrundengruppen zu wenig, weil Marokko tatsächlich im Parallelspiel gegen Kolumbien 1:0 siegte. Mit der kargen Ausbeute von nur vier Punkte geht es für die zweifachen Weltmeisterinnen also schon auf die Heimreise, die die Mission zum dritten Stern in den Sand gesetzt haben. Voss-Tecklenburg räumte ein: „Es war eine große Verunsicherung zu spüren. Wir haben gekämpft, aber unsere Leistung nicht gebracht. Im Endeffekt war es zu wenig.“ Wohl wahr. Der Vizeeuropameister hat sich dieselbe Peinlichkeit geleistet, die bei der WM 2018 die Männer-Nationalmannschaft in derselben Konstellation gegen denselben Gegner im russischen Kasan erlitten hatte.
Jedwede Vergleiche mögen konstruiert klingen, dennoch sind die Parallelen unverkennbar. Denn bei der Blamage von Brisbane zogen die DFB-Frauen ein Lehrbeispiel der Planlosigkeit auf. Auch die Cheftrainerin kritisierte ein „zu statisches Spiel“, das die 55-Jährige indes mit der Umstellung auf zwei kopfballstarke Stürmerinnen selbst höchst eindimensional ausgerichtet hatte. Die Bundestrainerin ist letztlich noch deutlicher als bei der WM 2019 in Frankreich (Viertelfinalaus) unter der Vorgabe geblieben war. Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, sprach von einem „gebrauchten Sommer, das nimmt mich persönlich mit“. Der stets eng sich mit der Bundestrainerin austauschende 47-Jährige wollte rückblickend die hohen Erwartungen als Erklärung an: „Ein Turnierfavorit zu sein, hat was im Kopf gemacht. Der Druck hat gelähmt.“
Vor der EM in England hatte tatsächlich die Öffentlichkeit kaum etwas erwartet – und auch nicht so intensiv von Beginn an mitgefiebert. Für Chatzialexiou ist es in Anbetracht der famosen Einschaltquoten fatal, „dass wir verpasst haben, neue Vorbilder zu schaffen“. Nun tragen auch die Frauen den Stempel von Versagerinnen. Doch aus seiner Sicht müsse „niemand infrage gestellt werden.“ Auch die Bundestrainerin nicht?
Voss-Tecklenburg wollte sich der „Verantwortung stellen“ – das Wort Rücktritt nahm sie nicht in den Mund, denn: „Ich gebe mir die Möglichkeit, jetzt nicht irgendwie vorschnell etwas zu sagen. Ich brauche auch etwas Zeit, um das verarbeiten zu können.“ Ihre einzige richtige Führungsspielerin wirkte einigermaßen fassungslos. „Grundsätzlich war es holprig in allen Spielen. Das kann nicht unser Anspruch sein. Ich kann es nicht greifen und nicht verstehen“, sagte die tieftraurige Popp, deren Einsatz und Willen am Ende nicht reichten. Sie müsse das alles „erst verarbeiten, aber grundsätzlich steht die Qualität nicht infrage.“ Da aber könnte die 32-Jährige irren, denn es gibt zu viele, die dem gesteigerten Niveau nicht folgen können.
Die deutsche Verunsicherung war von Anfang bis Ende spürbar. Ein DFB-Team als Nervenbündel. So-Hyun Cho sorgte nach einem fatalen Stellungsfehler von Kathrin Hendrich für den frühen Rückstand (5.). Deutschland-Freund Colin Bell („Wenn die deutschen Männer oder Frauen bei einer WM verlieren, tut mir das weh“) hatte sein Ensemble taktisch glänzend eingestellt. Der 61-Jährige wusste um die Außenverteidigerinnen Svenja Huth und der vollkommen überforderten Chantal Hagel als größten Schwachpunkt. Im Mittelfeld lieferte Sara Däbritz in ihrem 100. Länderspiele eine fast schon klägliche Leistung ab, auch Lena Oberdorf erlaubte sich eine erschreckende Vorstellung. Vorne sollte eigentlich Lea Schüller für Belebung sorgen, doch bezeichnend, dass es mal wieder Popp allein richten musste, um eine eigentlich unterirdische erste Halbzeit mit einem famosen Kopfballtreffer mit dem 1:1 zu schönen (42.).
Es änderte sich im zweiten Durchgang nicht viel daran, dass allein Popp mit dem Kopf für Gefahr sorgte. Einmal hatte sie nach feiner Hackenverlängerung von Schüller schon getroffen, doch der die Videoassistenz identifizierte zurecht eine Abseitsstellung (57.).
Kurz darauf köpfelte die Torjägerin an die Latte (60.). Als ihr die eingewechselte und für Belebung sorgende Sydney Lohmann perfekt servierte, zielte die Nummer elf zu zentral (74.). So verrann die Zeit, zumal die Spielanlage ideenlos blieb. Am Ende war es noch zwei Fernschüsse von Sydney Lohmann, die tief in der Nachspielzeit am Ziel vorbeiflogen (90.+11 und 90.+13). Warum die aktive Mittelfeldspielerin nicht viel früher das stockende Spiel in Gang bringen durfte, war eine von vielen Rätseln bei der nächsten Schmach für den deutschen Fußball, der nun mit Männern, Frauen und Nachwuchs ungefähr so weit weg von der Weltspitze ist wie Brisbane von Frankfurt.
