VonJan Christian Müllerschließen
Das von Aki Watzke angeführte DFL-Präsidium will Antrag des 1. FC Köln zur Neuabstimmung über Investor stattgeben.
Am Wochenende sind die Unterbrechungen aus Protest gegen einen Investoreneinsteig in die Deutschen Fußball-Liga erst knapp an der Grenze zu Spielabbrüchen von den Fans in den beiden Fußball-Bundesligen beendet worden. Am Freitagabend stand die Partie Hannover 96 gegen Fürth kurz vor dem Abbruch. Ähnlich war es am Samstag beim Spiel VfL Wolfsburg gegen Borussia Dortmund, das siebenmal unterbrochen wurde. In Hoffenheim nutzte auch ein extra vom Heimverein installiertes Fangnetz vor der Gästekurve nichts: Die Fans von Union Berlin sorgten für mehrfache Unterbrechungen. In Nürnberg kletterten Ultras gar massenweise und friedlich in den Innenraum, ein Novum: 17 Minuten Unterbrechung.
In Darmstadt wurde die erste Hälfte 20 Minuten nachgespielt, begleitet von Bannern mit der Aufschrift: „Wir müssen leider unterbrechen“ und „Offene Neuabstimmung jetzt“. In Köln und Rostock bugsierten Fans gar ferngesteuerte Mini-Autos in die Strafräume.
Inzwischen führen die ersten der zuvor noch auffällig zurückhaltenden Profis öffentlich Beschwerde. BVB-Mittelstürmer Niclas Füllkrug sagte: „Es muss so schnell wie möglich eine Lösung gefunden werden. Noch diese Woche, nicht nächste Woche. So kann es nicht weitergehen“. Auch Fürths Trainer Alexander Zorninger meldet sich zu Wort und monierte die Rolle der Fans: „Die Fans sind vielleicht die Seele des Spiels, aber das Herz sind die Spieler.“ Es gab Widerrede, unter anderem von den Ex-Nationalspielern Kevin Großkreutz und Lukas Podolski.
Die beiden DFL-Geschäftsführer Marc Lenz und Steffen Merkel haben derweil ihr wochenlanges Schweigen in der eskalierenden Situation beendet und der „SZ“ ein langes Interview gegeben. Sie räumten eine „schwierigen Situation“ ein und formulierten Interesse an einer „Deeskalation“. Und sie erläuterten noch einmal (was sie auch im Vorfeld in der Tat vorbildlich getan hatten) die „roten Linien“, die eine konkrete Einflussnahme des einzig übrig gebliebenen Bieters CVC auf den Spielplan ausschließe. Die Fanorganisationen sind skeptisch. Sie fordern sehr konkret eine Neuabstimmung, weil die entscheidende Stimme für den Investoreneinstieg von Hannover-96-Geschäftsführer Martin Kind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unter Missachtung der 50+1-Regel zustande gekommen ist.
Der 1. FC Köln hat inzwischen ein Schreiben an das DFL-Präsidium geschickt, das der Frankfurter Rundschau vorliegt, in dem der FC eine Neuabstimmung vorschlägt. „Auf keinen Fall sollten die derzeitigen Fanproteste längerfristig andauern oder sogar zunehmen.“ Mit einer neuerlichen Debatte aller Klubs mit den eigenen Mitgliedern und Fans sowie einer Neuabstimmung würde, argumentiert der FC, „der deutsche Profifußball über diesen Schulterschluss mit seiner Basis Respekt und Größe“ dokumentieren. DFL-Präsidiumssprecher Hans-Joachim Watzke ist nach FR-Informationen bereit, dem Kölner Antrag zuzustimmen.
Die Frage ist aber noch nicht geklärt, ob dann erneut eine Zwei-Drittel-Mehrheit mit zumindest 24 der 36 Stimmen aller Lizenzklubs notwendig sein soll oder schon eine einfache Mehrheit mit 17:15 reichen könnte. Letzteres wäre ein ausgesprochen schwaches Mandat für den Einstieg des Beteiligungsunternehmens CVC, das ablehnende Klubs, das Mitglieder und Fans weit über die Ulraszenen hinaus wohl kaum goutieren würden.
In die Debatte hatte sich am Freitag zum Missfallen von Watzke auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf ohne Absprache mit Watzke DFL-kritisch eingebracht. Am Samstag sagte DFB-Sportgeschäftsführer Andreas Rettig im ZDF-Sportstudio vor allem in Richtung der Fans: „Es beginnt im Moment zu kippen. Das erinnert mich an den GDL-Streik, wo man dann irgendwann mal sagt: ,Jetzt müsst Ihr mal an den Tisch kommen.‘“ Kritisch in Richtung DFL fuhr Rettig fort: Er verstehe, „was das Abstimmungsverhalten angeht die Aufgeregtheiten auf der Fanseite“. Rettig unterstützt den Antrag des 1. FC Köln: „So kann Vertrauen, das verloren gegangen ist, schnellstmöglich zurückgewonnen werden.“ Er „wundere“ sich „über den Prozess in seiner Gesamtheit“. Denn die DFL habe schon 2019 mitgeteilt, „dass bei Hannover 96 ein uneingeschränktes Weisungsrecht des e.V. in Richtung der Geschäftsleitung“ bestehe.
Insgesamt kann festgestellt werden: Es herrscht im Zuge der heftigen Investorendebatte eine neue Eiszeit nicht nur zwischen DFL und Fanorganisationen, sondern auch zwischen DFB und DFL. Eine Eiszeit, die es dem Dauerzwist zwischen Ex-DFB-Spitzenfunktionär Rainer Koch und Ex-DFL-Boss Christian Seifert schon mal gab, die aber Aki Watzke eigentlich gemeinsam mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf überwunden zu haben glaubte.
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