VonIngo Durstewitzschließen
Der Frankfurter Bundesligist muss drei Schlappen hintereinander quittieren und schleppt sich mehr schlecht als recht durch die Liga – dem Team geht die Puste aus.
Nach der wenig erquicklichen und noch weniger erwärmenden Vorstellung in der Augsburger Kältekammer war es Kevin Trapp, der Eintracht-Kapitän im himmelblauen Sweater, der mit seiner Mannschaft hart ins Gericht ging und mit einer schonungslosen Analyse aufwartete. Die 1:2-Niederlage des Frankfurter Bundesligisten bei den bayerischen Schwaben am Sonntag sei kein Ausrutscher gewesen, sondern habe sich seit einiger Zeit abgezeichnet. Bereits in Bremen vor mehr als drei Wochen beim glücklichen 2:2 nach 0:2-Rückstand sei die Leistung schon nicht mehr das Gelbe vom Ei gewesen. „Gegen Stuttgart haben wir dann direkt in der ersten Minute das Gegentor bekommen, gegen Paok sind wir auch zu spät wachgeworden und jetzt dasselbe wieder“, fasste der Nationalkeeper zusammen. „Das müssen wir ansprechen. Wir müssen in die Köpfe bekommen, dass es auf diesem Niveau sonst sehr schwer wird.“
Die Stimmung rund um die Eintracht passt sich in etwa den frostigen Temperaturen an, seit vier Spielen wartet sie auf einen Sieg, die letzten drei Spiele vergeigten die Hessen allesamt, 1:2 gegen Stuttgart, 1:2 gegen Paok Saloniki und jetzt, na klar, 1:2 beim FC Augsburg. Die Eintracht hat sich in eine Mini-Krise manövriert. Aber eine, die, wie Torwart Trapp richtig bewertete, nicht vom Himmel gefallen ist, sondern die sich angeschlichen hat. Schon die Leistungen bei den Schlappen gegen Stuttgart und Paok wurden besser geredet als sie waren. Der Auftritt in Süddeutschland war nur die logische Fortführung der zusehends fantasieloseren und ideenloseren Auftritten.
Die Mannschaft ist im Vergleich zu den teils furiosen Spielen aus dem Oktober nicht mehr wiederzuerkennen, der Schwung, das Tempo, die Zielstrebigkeit – alles hinfort geweht. Besonders alarmierend: Die Mannschaft ergab sich am Sonntag quasi ihrem Schicksal, Augsburg war zweikampf- und laufstärker, sprintete häufiger und spulte insgesamt fünf Kilometer mehr ab. Das kann es aus Frankfurter Sicht nicht sein. Bis zum gehaltenen Strafstoß von Kevin Trapp eine Viertelstunde vor Schluss „waren wir gar nicht existent“, wie Coach Dino Toppmöller einwarf. Und auch für das Pokalspiel am Mittwoch (18 Uhr/Sky) in Saarbrücken schwant ihm nichts Gutes. Zumindest dann, wenn man den derzeitigen Leistungsstand als Maßstab nimmt. „Wenn wir dort so spielen wie in Augsburg in den ersten 75 Minuten, wird es auch gegen eine Drittligamannschaft schwer.“ So sieht’s aus.
Das Team ist wieder dazu übergegangen, sich am Ballbesitz in der eigenen Hälfte zu erfreuen, was nicht nur brotlos, unansehnlich und langatmig ist, sondern auch die Gefahr birgt, dass sich halt mal eine technische Unzulänglichkeit oder fehlende Standfestigkeit (oder beides) einschleicht – und schon scheppert’s im eigenen Kasten. So wie in Augsburg nach einer guten halben Stunde: Tuta mit schlampigem Pass am eigenen Strafraum auf Hugo Larsson, der rutscht weg – zack, zack, 0:1. „Das ist unsere Philosophie, dass wir nicht jeden Ball nach vorne kloppen, sondern hinten rausspielen wollen“, rechtfertigt Trainer Toppmöller. Das Risiko, den Ball mal zu verlieren, nehme man bewusst in Kauf.
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn wenigstens im nächsten Schritt mit Zug nach vorne kombiniert und nicht immer nur hinten herum gespielt würde. Das ist Schlussmann Trapp ein Dorn im Auge. „Wir müssen uns wieder bewusst werden, dass wir die Spiele gewonnen haben, weil wir aggressiv waren, weil wir schnell und schnörkellos nach vorne gespielt haben – und nicht in Schönheit gestorben sind.“ Auch Sportvorstand Markus Krösche hält mit seiner klaren Forderung nicht hinterm Berg: „Wir müssen im Spiel nach vorne wieder mehr Druck ausüben, zielstrebiger und konsequenter spielen.“ Da war die Mannschaft schon mal weiter, ganz klar, und wenn die Sportliche Leitung schon gebetsmühlenartig von einem Prozess spricht, dann muss man konstatieren: Der ist ganz klar rückläufig.
Das hat Gründe. Einer ist die körperliche Verfassung, einigen Spielern sind die Strapazen anzumerken, „die Jungs haben viele Spiele in den Knochen“, gibt Toppmöller zu bedenken. Und es macht sich bemerkbar, dass der Kader zwar groß, aber in der Breite nicht gut genug ist. Ausfälle von Leistungsträgern wie Robin Koch oder jetzt Ellyes Skhiri kann die junge Mannschaft nicht kompensieren, zumal ja Kapitän Sebastian Rode quasi die gesamte Vorrunde ausgefallen ist. Davon spricht schon gar niemand mehr.
Zudem hatte Dino Toppmöller zuletzt mit seinen personellen und taktischen Rochaden kein Glück mehr. Es in Augsburg mit Paxten Aaronson und Ansgar Knauff in den offensiven Halbräumen zu versuchen, war mutig, aber eben nicht hilfreich. Knauff ist im Tief, und Aaronson hat zwar als Einwechsler für Belebung gesorgt, doch den schmächtigen Burschen plötzlich bei der kampfkräftigen Augsburger Truppe und widrigen Bedingungen (seifiger Platz, minus zehn Grad, dicker Nebel) aufzubieten, war dann doch ein gewagter Schachzug, der nicht aufging. Aaronson blieb in der Halbzeit in der Kabine, auch wenn sich Kollege Knauff noch viel stärker für eine Auswechslung angeboten hat.
Auch die Entscheidung, Leistungsträger Fares Chaibi mal eine Verschnaufpause zu gönnen, mag aus Gründen der Belastungssteuerung nachvollziehbar sein, auf dem Platz erwies es sich als Nachteil. Seltsam auch, dass Eric Dina Ebimbe immer wieder aufgeboten wird, obwohl der junge Franzose sein sicherlich vorhandenes Potenzial nur in rudimentärer Form auf dem Rasen entfaltet. Gar keine Rolle hingegen spielt Routinier Makoto Hasebe. Auch merkwürdig.
Und für Mario Götze hat der Coach bislang ebenfalls keinen Platz gefunden. Der 31-Jährige saß in fünf der letzten sechs Spielen auf der Bank. In Augsburg dick eingemummelt. Klar, wenn er spielen durfte, meist halblinks, hat der Ex-Nationalspieler zuletzt nicht wirklich überzeugen können, doch es ist am Trainer, eine Position für ihn zu finden, auf der er seine Stärken einbringen kann. Vielleicht Götze mal zentral hinter der Spitze probieren? Ratsam wäre in jedem Fall, den Instinktfußballer einzubauen und ihn mitzunehmen. Daran ist dem Trainer gelegen. Und Mario Götze selbst sollte seinen Führungsauftrag offensiver interpretieren als bisher. In schwierigen Zeiten ist Verantwortungsbewusstsein und Haltung gefragt. Gerade von den Erfahrenen.
